Bewusstsein entsteht nicht im Gehirn

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Nahtoderfahrungen zeigen: Bewusstsein braucht kein funktionierendes Gehirn. Der Zeitpunkt im Gespräch mit dem holländischen Kardiologen und Nahtod-Forscher Pim van Lommel

Von: Christoph Pfluger

Zeitpunkt: Als Kardiologe haben Sie manchen Kampf um Leben und Tod geführt. Was war Ihre erste Begegnung mit einem Nahtoderlebnis?

Pim van Lommel: Ende der 60er Jahre arbeitete ich als junger Assistenzarzt auf der Intensivstation. Ein 55 Jahre alter Patient erlitt drei Tage nach seinem Herzinfarkt plötzlich einen Herzstillstand. Sein Herz begann erst nach dem zweiten Versuch mit dem Defibrillator wieder zu schlagen. Wir waren sehr erleichtert – er selbst dagegen war sehr enttäuscht. Der Mann war vier Minuten bewusstlos gewesen und erzählte mir nach seinem Aufwachen begeistert von Lichtern, von Musik, von wunderschönen Landschaften und von tiefem Frieden, den er erlebt hatte.

 

Wie sind Sie dazu gekommen, Nahtoderlebnisse wissenschaftlich zu untersuchen?

In meinem Beruf habe ich sehr viele Menschen wieder belebt – alle waren froh, auch ich als Arzt. Alle, ausser die Patienten mit einer Nahtoderfahrung (NTE). Sie wollten am Liebsten «dort» bleiben. Das hat mich neugierig gemacht. Ich hatte ja in der Universität gelernt, dass wenn man bewusstlos ist, man auch kein Bewusstsein mehr haben kann. Nachdem ich 1986 ein Buch über NTE gelesen hatte, habe ich begonnen, meine Patienten systematisch zu befragen, ob sie sich an etwas erinnern konnten. Zu meiner grossen Überraschung berichteten innerhalb von zwei Jahren von meinen rund 50 Patienten zwölf von einer NTE. Das war für mich der Auslöser, wissenschaftliche Studien durchzuführen.

 

Was ist eigentlich eine Nahtoderfahrung?

Nahtoderfahrungen können auftreten, wenn der Atem aussetzt, das Gehirn nicht mehr funktioniert und keine Körperreflexe und Hirnstammreflexe zu messen sind. Man kann also klinisch keine Lebenszeichen mehr feststellen. Und trotzdem haben Menschen ein klares Bewusstsein. Sie beschreiben die Vorgänge, die passierten, während sie klinisch tot waren. Manche Berichte sind auch überprüfbar. Wir hatten einmal einen Patienten im Koma, dem ein Krankenpfleger die Zahnprothese herausgenommen hatte, um den Beatmungsschlauch einzuführen. Als der Patient eine Woche später aus dem Koma erwachte, erkannte er sofort den Pfleger wieder und sagte: «Sie wissen, wo meine Zahnprothese ist!»

 

Was erleben die Patienten in dieser Zeit?

Die Erlebnisse sind sehr unterschiedlich: Manche sehen ein helles Licht am Ende eines Tunnels, manche hören Musik, andere berichten von schönen Landschaften oder erleben einen tiefen inneren Frieden. Ab und zu berichten die Patienten von einer ausserkörperlichen Erfahrung. Sie betrachten sich selbst von oben und beobachten zum Beispiel die Notoperation, die ihnen das Leben rettet.

 

Gibt es gemeinsame Faktoren?

Es gibt zwölf Elemente, wobei manchmal eins, zwei oder drei von ihnen vorkommen – oder auch alle. Aber die Elemente sind weltweit dieselben, in allen Zeiten, allen Kulturen und bei Religionszugehörigkeiten. Man fühlt keinen Schmerz mehr, man realisiert, dass man tot ist. Man kann auch eine ausserkörperliche Erfahrung haben, in der man von oben die Wiederbelebung wahrnimmt, oder den Unfall. Das ist übrigens auch verifizierbar durch Ärzte oder andere Zeugen. Man kann in einen dunklen Raum kommen, man sieht einen kleinen Lichtpunkt, auf den man zugeht. Man nennt das das Tunnelerlebnis. Manchmal ist man gleich vom Licht umgeben oder sieht ein Wesen aus Licht. Manche sehen schöne Farben, schöne Musik und manche begegnen verstorbenen Verwandten. Einige spüren eine vollkommene Liebe oder erfahren einen Lebensrückblick – jeder Gedanke aus dem Leben ist wieder da. Manche können auch einen Blick in die Zukunft werfen. Oder sie können bewusst in den Körper zurückkommen. Das ist oft schwierig für die Patienten, weil man wieder den Schmerz des Körpers spürt.

 

Was sind ihre Erfahrungen nach der Rückkehr?

Die Menschen erleben eine Änderung, die ihr ganzes Leben andauert. Sie haben keine Todesangst mehr. Sie haben andere Ansichten vom Leben, der Liebe für sich selbst und andere, sie spüren eine grosse Liebe zur Natur, fühlen sich verbunden mit allem. Viele haben auch eine erhöhte intuitive Sensibilität. Das ist sehr schwierig für die Menschen, weil sie plötzlich Informationen von anderen bekommen, die man eigentlich nicht wissen kann. Zum Beispiel fühlt man ihren Schmerz, oder weiss, wann Menschen sterben werden. Manche können sogar in die Zukunft schauen, meistens in Träumen. Sie sind deshalb oft depressiv und haben Heimwehgefühle. Mehr als fünfzig Prozent der Menschen mit Nahtoderfahrung kommen in eine Trennung. Es heisst oft, der Partner sei nicht mehr derselbe, den sie geheiratet haben. Insgesamt ist es eine schöne Erfahrung, aber auch ein Trauma.

 

In Ihrer Studie von 1988 untersuchten Sie erstmals das Phänomen der Nahtoderfahrung. Wie gingen Sie vor?

Das Phänomen der Nahtoderfahrung wirft viele grundlegende Fragen auf: Wie und warum ereignet sich eine NTE? Wie entsteht ihr Inhalt? Warum verändert sich das Leben eines Menschen so radikal nach einer NTE? Um mehr verlässliche Daten zur Bestätigung oder Widerlegung der vorhandenen Theorien über die Ursache von NTE zu erhalten, führten wir 1988 in den Niederlanden eine Studie mit 344 Überlebenden eines Herzstillstandes durch. Die Studie wurde 2001 im «Lancet» veröffentlicht. Wir verglichen die Daten von 62 Patienten mit einer NTE mit denen von 282 Patienten ohne ein solches Erlebnis. Zu unserer grossen Überraschung konnten wir keinen signifikanten Unterschied in den medizinischen, pharmakologischen oder psychologischen Faktoren feststellen, der die Ursache oder den Inhalt einer NTE hätte erklären können. Wir waren insbesondere überrascht, dass wir keine medizinische Erklärung für das Auftreten einer NTE fanden.

 

Nahtoderfahrungen haben also keine irgendwie messbare Grundlage?

Ja. Nach einer NTE sind Menschen davon überzeugt, dass unser Bewusstsein nach dem physischen Tod weiter besteht. Forschungen über Nahtoderfahrungen liefern allerdings keinen Beweis für diese Schlussfolgerung, weil Menschen mit einer NTE ja nicht ganz gestorben sind. Aber sie waren dem Tod immerhin sehr nahe. Jedoch ist es wissenschaftlich erwiesen, dass während einer Nahtoderfahrung ein gesteigertes Bewusstsein erfahren wird, unabhängig von der Gehirnfunktion.

 

Ihre Schlussfolgerungen?

Obwohl bei einer NTE das Gehirn nicht mit Sauerstoff versorgt wird, haben Patienten diese aussergewöhnlichen Erlebnisse. Das kann nur bedeuten, dass unser Bewusstsein nicht im Gehirn entsteht. Gegen diese Hypothese wehren sich allerdings viele meiner Kollegen, weil es nicht in ihr wissenschaftliches Konzept passt. Mehr als 95 Prozent der Wissenschaftler sind überzeugt, dass das Bewusstsein ein Produkt unseres Gehirns ist. Würde ihre Hypothese stimmen, wären Nahtoderfahrungen unmöglich. Wir sollten uns eingestehen, dass die Entstehung unseres Bewusstseins noch ein Rätsel ist. Und die Aufgabe der Wissenschaft ist es, Fragen zu stellen, offen zu sein, für neue Hypothesen. Dabei wissen wir noch so wenig. Wir wissen nicht, warum Bewusstsein entsteht, wir wissen nicht, woher es kommt. Wir müssen ganz neu nachdenken.

 

Das haben Sie ja schon gemacht. Was glauben Sie aufgrund des bisherigen Standes der Erkenntnisse?

Eines der wichtigsten Konzepte der Quantenphysik besagt, dass Teilchen über eine grosse Entfernung hinweg augenblicklich aufeinander einwirken können. Man nennt das Nicht-Lokalität. Gemeint ist damit ein Raum, in dem es keine Materie gibt und in dem Zeit und Distanz keine Rolle spielen. Dieser nicht-lokale Raum könnte die Grundlage unseres Bewusstseins bilden. Ein Bewusstsein also, dass jenseits unseres Gehirns existiert, auch wenn dies schwer vorstellbar ist. Ich glaube, dass das Bewusstsein bereits vor der Geburt eines Menschen existiert und auch nach seinem Tod fortbesteht. Alle Erfahrungen, die jemand im Laufe seines Lebens macht, werden dort gespeichert. Auch die Emotionen und Gedanken anderer Menschen fliessen in das endlose Bewusstsein. Es wächst also ständig. Über unser Gehirn haben wir Zugang zu jenem Anteil, den wir als unser eigenes Ich erleben. Die Hirnzellen fungieren dabei als eine Art Empfangsmodul des Bewusstseins – ähnlich wie ein Mobiltelefon, das aus den elektromagnetischen Feldern genau jene Anrufe herausfiltert, die für uns bestimmt sind. Der übrige Teil des Bewusstseins bleibt uns normalerweise verschlossen.

 

Da wird die traditionelle Wissenschaft nicht mit Ihnen übereinstimmen.

Die Wissenschaft hat tatsächlich Probleme mit der Subjektivität. Man kann das Bewusstsein eben nicht messen. Man kann auch nicht wissenschaftlich prüfen, in wen man verliebt ist, oder dass man ein Musikstück liebt. Das kann man nicht messen. Im Gehirn kann man nur Aktivitäten der Hirnregionen messen, aber nicht die Inhalte, Gedanken und Gefühle. Das sind Korrelate und man weiss nicht, ob sie Ursachen oder Folgen des Bewusstseins sind. Es sind nur Korrelate. Aber es findet auch ein Paradigmenwechsel in der Wissenschaft statt. Es braucht eben seine Zeit, etwas Neues zu akzeptieren.

 

Das Gespräch führte Christoph Pfluger

 

Pim van Lommel (*1943) ist Kardiologe aus den Niederlanden und erforscht seit 1988 Nahtoderlebnisse. Er ist Autor des Bestsellers «Endloses Bewusstsein – neue medizinische Fakten zur Nahtoderfahrung» (Patmos, 2009) und Referent am Spiraldynamik-Kongress vom 12. November 2016 in Zürich zum Thema «Alternativen? Geht doch!». www.spiraldynamik.com/kongress.htm

Website von Pim van Lommel: www.pimvanlommel.nl

 

Mittwoch, 02. November 2016

 

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