Landwirtschaft : Artenvielfalt entschleunigt den Bauern

http://www.spektrum.de/news/landwirtschaft-und-artenschutz-schliessen-sich-nicht-aus/1479649

Wenn man den Einsatz von Landwirten für den Naturschutz honoriert, sind diese offen für Maßnahmen, die ihren Betrieb weniger effizient machen. Brandenburger Wissenschaftler lösen einen scheinbar unüberwindlichen Gegensatz auf, indem sie sich die richtigen Partner suchen.

Uferstreifen als wichtiger Lebensraum

© WWF/Gottwald
(Ausschnitt)
Landwirtschaft und Artenschutz sind zwei Begriffe, die sich eigentlich ausschließen: Was der Landwirtschaft nützt – hohe Erträge, große Schläge, effektive Erntemaschinen –, schadet der Artenvielfalt. Und wo sich Rotbauchunken, Kiebitze, Hasen und Feldlerchen ungestört vermehren sollen können, ist eine Gewinn bringende Landwirtschaft zumindest erschwert. Je intensiver die Landwirtschaft, desto weniger Arten. Je strenger der Artenschutz, desto geringer die Erträge.

Lange war auf Wiesen und Feldern trotzdem eine friedliche Koexistenz möglich; aber diese Zeiten sind vorbei: Die intensive Landwirtschaft lässt Gras und Getreide heute so üppig sprießen, dass kein Platz mehr für andere Pflanzenarten bleibt. Besonders schlimm hat es die Ackerwildkräuter erwischt: Bei Kamille, Kornblume und Co sind die Bestände seit den 1960er Jahren um mehr als 90 Prozent zurückgegangen. Weniger Blumen bedeuten weniger Insekten bedeuten weniger Vögel. Bei Feldlerche, Bluthänfling und anderen Feldvögeln beträgt der Rückgang bis zu 50 Prozent, bei Kiebitzen, Uferschnepfen und Brachvögeln noch mehr.

„Der Artenrückgang auf den landwirtschaftlichen Flächen ist so gravierend, dass wir nach Wegen gesucht haben, dem aktiv etwas entgegenzusetzen“, sagt Karin Stein-Bachinger. Die Wissenschaftlerin vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF e. V.) war Anfang des Jahrtausends zusammen mit Frank Gottwald an der ersten großen Studie beteiligt, die nach Möglichkeiten suchte, Artenschutz und Landwirtschaft zusammenzubringen. Fünf Jahre lang wurden im Naturschutzhof Brodowin die Vorkommen verschiedener Arten auf Ackerflächen erfasst, Schutzmaßnahmen ausprobiert und deren Wirksamkeit überprüft. Für die Untersuchung wurde ein Biohof ausgewählt, weil dort auf Grund der weniger intensiven Bewirtschaftung – Verbot von Pestiziden, extensive Beweidung und weniger Dünger – die Artenvielfalt deutlich größer ist als in einem konventionellen Betrieb.

„Auf konventionellen Ackerflächen mit Herbizideinsatz sind die meisten Arten gar nicht mehr vorhanden“
(Frank Gottwald)

Der Biologe Frank Gottwald erklärt dies am Beispiel der Ackerwildkräuter: „Auf den Brodowiner Ackerflächen haben wir mehr als 20 Arten gefunden, die auf der Roten Liste stehen. Teilweise sind sie auf den Ökoäckern weit verbreitet. Auf konventionellen Ackerflächen mit Herbizideinsatz sind die meisten Arten hingegen gar nicht mehr vorhanden.“ Bei den Maßnahmen wurde nicht nur bewertet, wie groß der Nutzen für gefährdete Tier- und Pflanzenarten ist, sondern auch, welche Verluste für den Landwirt dabei entstehen. „Uns war wichtig, einen guten Kompromiss zwischen Artenschutz und Produktivität zu finden“, so Stein-Bachinger. Für Lerchen, Schafstelzen, Schmetterlinge und Heuschrecken zum Beispiel wäre das spätere Mähen einer Kleegraswiese ein Segen. Für den Landwirt, der sehr gutes Futter für seine Kühe produzieren muss, aber ein hoher Verlust: Die Qualität der Ernte leidet, und die Kosten steigen stark. Ohne Honorierung könnte eine solche Maßnahme deshalb nicht umgesetzt werden.

Der World Wide Fund For Nature (WWF) hat jetzt mit „Landwirtschaft für Artenvielfalt“ ein Folgeprojekt initiiert, das eine große Auswahl an Maßnahmen für den Artenschutz mit einer Honorierung für die Biolandwirte koppelt. Karin Stein-Bachinger und Frank Gottwald haben das Handbuch dazu geschrieben. „Am Anfang der Kooperation steht eine gründliche Besichtigung des Betriebs“, erläutert Stein-Bachinger. Vor Ort lässt sich am besten klären, was auf den Flächen zusätzlich zur extensiven Bewirtschaftung für den Artenschutz getan werden kann. Die Auswahl ist groß. Mehr als 100 verschiedene Maßnahmen werden in dem Handbuch aufgelistet, von Drilllücken im Getreide und Spätschnitt oder ungemähten Streifen im Grünland über das Pflegen von Kopfweiden bis hin zu Nisthilfen für Kleinvögel und Insekten. Auf Teilflächen eines Ackers kann es zum Beispiel sinnvoll sein, von März bis September auf das Pflügen zu verzichten, wenn es darauf einen oder mehrere kleine Tümpel gibt. Die Tümpel sind wichtiger Lebensraum für Rotbauchunken und andere Amphibien, die sich nicht nur im Wasser, sondern auch gerne auf dem umgebenden Acker aufhalten. Wird die Fläche bis zum Gewässerrand gepflügt, bedeutet das für einen großen Prozentsatz der Tiere den sicheren Tod.

Arten profitieren vom „faulen Landwirt“

Ein Streifen Kleegras, der im Sommer nicht gemäht wird, sondern bis ins folgende Jahr stehen bleibt, bietet ideale Brutplätze für Braunkehlchen, Grauammern und Schafstelzen; einen wichtigen Rückzugsraum für Heuschrecken und andere Tiere und eine wichtige Nahrungsquelle für Schmetterlinge, Bienen und Hummeln. Wenn der Landwirt weniger tut, als er könnte, profitieren davon viele Arten: Verringert er im Grünland die Düngung, bleibt die Vegetation so locker, dass auch konkurrenzschwache Pflanzenarten nicht verdrängt werden. Auch Wildbienen, Schmetterlinge und Heuschrecken fühlen sich dort wohl, die wiederum eine gute Nahrungsgrundlage für viele Wiesenvögel sind.

Es sind alles Maßnahmen, die die Landwirtschaft entschleunigen, Tieren und Pflanzen wieder mehr Platz einräumen, wo eigentlich keiner ist. Die Entschleunigung hat ihren ökologischen Wert, und der wird Maßnahme für Maßnahme berechnet: „Wir haben ein Punktesystem entwickelt, das die Effektivität der Maßnahmen für den Naturschutz abbildet“, erklärt Stein-Bachinger. Für das eingeschränkte Pflügen in Gewässernähe gibt es 0,5 Punkte je Hektar. Für den stehen gelassenen Kleegras-Streifen – ein Komplettausfall für den Landwirt – zehn Punkte. Kommt ein Bauer auf 120 Punkte je 100 Hektar Betriebsfläche, bekommt er das Zertifikat „Landwirtschaft für Artenvielfalt“ – und eine Honorierung für seine Zusatzleistungen über den Verkauf der Tiere: „Unser Kooperationspartner Edeka-Nord nimmt den beteiligten Betrieben bestimmte Produkte zu einem Preis ab, der über dem von anderen Bioprodukten liegt“, sagt der Landwirtschaftsreferent des WWF Markus Wolter.

Rotbauchunke
© WWF/Gert Klinger
(Ausschnitt)

 Bild vergrößernRotbauchunke

Die Rotbauchunke profitiert von den Maßnahmen insbesondere im Ackerland.

Von elf Betrieben des ökologischen Anbauverbandes Biopark in der Pilotphase ist die Zahl auf 60 gestiegen, die 40 000 Hektar Land bewirtschaften. Inzwischen kommen alle Fleisch- und Wurstwaren (bis auf Geflügelprodukte) im Biosegment von Edeka-Nord aus den Projektbetrieben. Das Projekt funktioniert so gut, dass es auch an anderer Stelle umgesetzt werden soll: „In Baden-Württemberg bereiten wir gerade eine ähnliche Kooperation zwischen Biolandwirten und Einzelhandel vor“, führt Wolter weiter aus. Der Maßnahmenkatalog wird gerade an die dortigen Standortbedingungen (kleinere Betriebsgrößen, zum Teil mit Hanglagen) angepasst. Zehn Modellbetriebe gibt es bereits. Wenn alles nach Plan läuft, kann man auch dort ab dem kommenden Jahr „Landwirtschaft für Artenvielfalt“-Produkte im Supermarkt kaufen.

Initiative kam von Landwirten

Erste Gespräche wurden auch schon mit Bauern und Einzelhändlern in Nordrhein-Westfalen geführt. Und nach Möglichkeit sollen in Zukunft andere Produkte – zum Beispiel Obst – ebenfalls in das Sortiment mit aufgenommen werden. „Die Maßnahmen sind so angelegt, dass sie in jedem ökologisch wirtschaftenden Betrieb umgesetzt werden könnten“, sagt Karin Stein-Bachinger. Das Interesse für das Thema ist vorhanden: Die Initiative für die Untersuchung in Brodowin und für das aktuelle WWF-Projekt ist jeweils von Landwirten ausgegangen, die auf ihren Flächen etwas für den Artenschutz tun wollten. Theoretisch ist also denkbar, dass irgendwann alle Bioprodukte von zertifizierten „Landwirtschaft für Artenvielfalt“-Betrieben kommen – wenn die Finanzierung gesichert ist.

Das müsste eigentlich Aufgabe der Politik sein. 2007 hat sich die Bundesrepublik mit der „Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt“ das Ziel gesteckt, den Rückgang der biologischen Vielfalt bis 2020 zu stoppen. Dieses Ziel wird grandios verfehlt werden, obwohl es gar nicht so schwer ist, mit einfachen Mitteln gegenzusteuern: „Wir haben festgestellt, dass der Anbau von Kleegras sich sehr positiv auf die Artenvielfalt auswirkt“, betont Karin Stein-Bachinger. Klee und Luzerne sind gute Nektarpflanzen für Schmetterlinge, und andere Insekten, Feldlerche und Grauammer brüten dort, Feldhasen, Schreiadler und Rotmilane suchen nach Nahrung – und weil das Kleegras oft länger als ein Jahr stehen bleibt, bietet es Insekten gute Fortpflanzungsmöglichkeiten. „Eine staatliche Förderung für den Anbau von Kleegras wäre sehr sinnvoll, gibt es aber bislang noch nicht“, gibt Stein-Bachinger zu bedenken.

Auch die individuelle Betreuung vor Ort ist wichtig für den Artenschutz. In Mecklenburg-Vorpommern bekommen die Landwirte die Kosten für eine Naturschutzberatung (oder eine andere Beratung) erstattet. Die größten Stellschrauben liegen ohnehin auf EU-Ebene: Von den rund sechs Milliarden Euro Agrarförderung, die jedes Jahr nach Deutschland fließen, gehen rund fünf Milliarden als Direktzahlung an die Landwirte. Mit den übrigen 1,3 Milliarden Euro wird allgemein die Entwicklung des ländlichen Raums gefördert: Das kann eine Maßnahme für den Artenschutz sein, aber auch der Neubau eines großen Viehstalls. Um die Artenvielfalt wirksam zu schützen, müsste es eine gezielte Umverteilung von Mitteln geben; doch die scheint im Moment politisch nicht gewollt zu sein. Ein Verdienst der Untersuchung von Stein-Bachinger und ihren Kollegen ist die Berechnung konkreter Kosten für den Artenschutz. Wer nicht bereit ist, diesen Preis zu zahlen, darf sich am Ende auch nicht wundern, wenn es immer weniger Arten auf dem Land gibt.

© Spektrum.de 

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