Last (und Lust) des Spitzensports

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Die Olympiade ruft und der Jugendliche denkt: Ich möchte ganz oben stehen, im Scheinwerferlicht, bejubelt von Millionen. Einmal an der Spitze sein und sagen können: Ich habe es aus eigener Kraft geschafft. Ich bin Sieger!
Bild: Fotolia

Spitzensport ist ein verlockendes Ziel für jugendliche Sporttalente. Sport ist einfach cool und für einige ist es auch die beste Möglichkeit, Karriere zu machen und gut zu verdienen.  Sport bietet auch jenen eine Chance, die in der Schule nicht so erfolgreich sind oder aus einer Lebenswelt kommen, in der Bildung nicht als Karrieresprungbrett dient. Spitzensportler stammen aus allen sozialen Schichten, aber gewiss kommen die Weltmeister im Dressurreiten nicht aus armen Verhältnissen. Der Staat fördert die ambitionierten Jugendlichen in den Schulen, ermöglicht verlängerte Ausbildungszeiten und garantiert eine persönliche Betreuung durch ausgewiesene und von der öffentlichen Hand bezahlte Lehrpersonen. Wenn die Kameraden im Schulzimmer sitzen, sich kaum bewegen können, verlassen sie mit der Sporttasche das Schulhaus, schlendern lässig zum Magglingen-Bähnli und freuen sich auf ein hartes, aber erfolgversprechendes Training im Sportzentrum. Sie wissen, wie sie den Stoff für die Prüfungen ins Kurzzeitgedächtnis drücken können.
Ich erzähle zwei fiktive Fälle von jugendlichen Spitzensportlern, so wie ich sie mir auf Grund meiner Erfahrungen aus 40 Jahren Sportunterricht am Gymnasium vorstelle.

Die Kunstturnerin
Die ehrgeizige Sportlerin stellt sich im Trainingszentrum gleich in der Garderobe auf die immer bereitgestellte Waage, bevor sie in die Turnhalle geht. Sie hofft, dass die kleine Sünde von heute früh nicht ins Gewicht gegangen ist. Aber die Trainerin mit dem unbestechlichen Kontrollblick schaut sie vorwurfsvoll an und verordnet ihr ein happiges Zusatztraining. Die Sportlerin ärgert sich – das geht wieder auf Kosten der knappen Freizeit. Die Kontakte zu den Kolleginnen und die wenigen alten Freundschaften versanden, weil die Wettkampftermine zugenommen haben und etliche Auslandreisen anstehen. Zudem muss sie jede Woche aus der Ostschweiz nach Biel zur Gastfamilie pendeln. Immerhin ist das Trainings­team für sie eine neue Familie geworden. Hier leidet und freut sie sich mit den anderen. Eine tolle, verschworene Gemeinschaft.

Welche Lebensperspektiven verbaut sich die junge Kunstturnerin, wenn sie ihre Leistungen nicht mehr erbringt?

Die Pädagogin in mir denkt: Und was wird, wenn sie die Leistungen nicht mehr erbringt?  Welche Lebensperspektiven hat sich die junge Frau verbaut? Was, wenn die sporadischen Rückenschmerzen und der abgeheilte Bänderriss einen Abbruch der Spitzensportlerkarriere erzwingen? Hat sie dann noch genügend Grundlagen für eine Alternative? Vom Schulsport ist sie dispensiert, sie wird nicht seine Breite erfahren – eine notwendige Voraussetzung, um Sportlehrerin zu werden. Wird sie die geopferte Zeit nicht schmerzlich vermissen? Wird sie später das Gefühl haben, ihre Kindheit und Jugend verpasst zu haben, oder nimmt sie aus dieser Zeit Erfahrungen mit, die ihr im Alltag hilfreich sein werden?
Ich erinnere mich an eine Sportgymnastin, die in ihrer Maturaarbeit bitter abgerechnet hatte mit den Belastungen von Training und Schule, den Erfolgsversprechungen, den dauernden Gewichtskontrollen, die gar verhinderten, dass sie Frau wurde. Besonders empörte mich, dass die Trainerin ihr verboten hatte, gewisse Dinge zu Hause zu erzählen. Ich äusserte am Mittagstisch, ich wolle die Eltern wegen Verletzung ihrer Sorgfaltspflicht einklagen. Ich dachte, das würde auch den Eltern helfen, die sich ja nicht wehren können für ihr Kind, wenn sie nicht informiert sind. «Aber nicht, solange du an dieser Schule angestellt bist», sagte ein Mitglied der Schulleitung. Oho, dachte ich: Wer profitiert denn von diesen engagierten und opferwilligen Jugendlichen? Der Verband? Die Werbeindustrie, die die jungen Talente als Produktebotschafter missbraucht? Die Trainer, die für ihren Job bezahlt werden? Prominente, die sich im Abglanz in Szene setzen? Schulen, die sich ein Sportprofil geben?

Der Ruderer
Er holt sich den Einer aus dem Bootshaus am Bieler See, trainiert oft allein. Sein Trainer riet ihm, Kreatin in unbedenklicher Dosis zu nehmen. Das fördere den Muskelaufbau und sei kein Doping. Ohne klares Wissen über die Substanz möchte der Ruderer das aber nicht tun und verweigert die Nahrungsmittelergänzung. Seine Leistungen bleiben unter den Erwartungen. Er zieht die Konsequenzen, hängt den Spitzensport an den Nagel. „Ich mache mich doch nicht kaputt für den Sport.“ Jetzt geht er regelmässig mit seinem ehemaligen Trainingskollegen mit dem Zweier auf den See. Am frühen Morgen flitzen sie in der Harmonie des gemeinsamen Schlags über das Wasser, spüren die eigene Kraft und den Zuwachs durch die Kraft des andern. Flow! Das Verschmelzen von Sein und Bewusstsein. Dafür gibt es zwar keine Medaille, aber die Zufriedenheit ist ihm mehr wert als jedes Scheinwerferlicht. Ich habe diesen jungen Mann bewundert für seine reife Entscheidung.

Der Unsinn des Spitzensports
Als ehemalige Wettkampfschwimmerin weiss ich, was Trainieren bedeutet. Vor 50 Jahren waren gute Resultate noch mit zwei, drei Trainings pro Woche zu erzielen – heute ist ein Spitzenresultat nur mit einem Trainingsaufwand im Umfang eines Vollzeitberufs zu erzielen. Diese Entwicklung hat aber noch nicht dazu geführt, dass wir den Spitzensport neu denken. Zu unbequem, was wir da alles ändern müssten und uns verabschieden von Privilegien, Idealen, Denkmustern.
■ Spitzensportler seien Vorbilder für unsere Schulkinder. Unsinn: Sie sind unerreichbar geworden und taugen allenfalls als Idole.
■ Spitzensport sei gesund. Unsinn: Verletzungen, Dopingschäden und Überbelastungen sind an der Tagesordnung.
■ Spitzensport habe mit den olympischen Idealen etwas zu tun. Unsinn: Doping- und Finanzskandale haben die Sportethik längst untergraben.
■ Spitzensportler seien Träger unseres Nationalstolzes.Unsinn: Viele sind aus der ganzen Welt zusammengekauft.

Zeit für Veränderungen
Es ist an der Zeit, die Bedingungen zu verändern, unter denen Spitzensport stattfindet.
■ Spitzensport ist ein Beruf, der Staat organisiert die Ausbildung wie bei anderen Berufen oder überlässt die Aufgabe Privatschulen.
■ Der Staat entrichtet keine Subventionen mehr an den Spitzensport, denn Spitzensport muss ein ausschliesslich privatwirtschaftlich organisiertes Geschäft werden.
■ Sportanlagen werden privat erstellt.
■ Spitzensportler schliessen Arbeitsverträge mit ihren Sponsoren und den Medien ab. Die Sportlergewerkschaft kümmert sich um die Belange der Berufssportler und verlangt den notwendigen Jugendschutz. Gesamtarbeitsverträge sind auszuhandeln.

Spitzensportler sind keine Vorbilder, sie taugen allenfalls als Idole.

Nur so wird der Spitzensport ganz zu dem, was er bereits ist: ein Geschäft mit dem Wunsch des Menschen nach Vergnügen und Sensation. Und auf der anderen Seite müssen wir den freien Sport ohne Geld fördern und pflegen: in den Schulen, in den Vereinen, im Breitensport. Ehrenamtlich wie früher, aus Freude an der Sache und um die Gemeinschaft zu leben. Es braucht eine neue Sportbewegung, die an dem anknüpft, was in den Turnvereinen noch lebt. Und die staatlichen Gelder an den Spitzensport gehören  gestrichen.
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Edith von Arps-Aubert ist promovierte Erziehungswissenschaftlerin (Universität Marburg, Deutschland), pensionierte Dozentin am Institut für Weiterbildung der PH Bern, Gymnasiallehrerin für Sport und Geschichte, Sekundarlehrerin für Deutsch, Geschichte und Sport. Heute leitet sie ihr eigenes Institut für Bewegungsforschung. www.bewegungsforschung.ch

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