Bits und Bäume: Digitalisierung trifft auf Nachhaltigkeit

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Unter dem Motto „Bits und Bäume“ kam es in Berlin an diesem Wochenende zur Begegnung zweier Welten, die nur selten aufeinander treffen. Nach zwei intensiven Tagen präsentierten die Veranstalter einen Forderungskatalog, der Digitalisierung, Demokratie, Menschenrechte und Klimaschutz zusammen denkt.
Bits und Bäume

Umweltschützer, Wissenschaft, Wachstumskritiker und Nachhaltigkeitsbewegung diskutierten mit der „Technoszene“, vom Chaos Computerclub, über Open Source, Open Software, Reparatur-Aktivsten und Fab-Lab-Besuchern. Ein breites Bündnis an Organisationen aus beiden Welten, hatte diese Konferenz möglich gemacht. Als Themen standen auf der Agenda: Alternatives Wirtschaften; Daten und Umwelt; die politische, gesellschaftliche und kulturelle Dimension; der Digitale Kapitalismus; Rohstoffe; Lieferketten; Stromverbrauch; Infrastruktur; Stadt – Land Beziehung;  Zivilgesellschaft und Communities.

Die Vorträge und Diskussionsrunden räumten mit einer ganzen Reihe von Vorurteilen auf: Nein! Die Digitalisierung ist keineswegs leicht, schön und „immateriell“, sie hat ganz im Gegenteil, einen gigantischen ökologischen Fußabdruck.

Die Digitalisierung hat einen gigantischen ökologischen Fußabdruck

Der Anteil des Internet – samt Infrastruktur –  am Weltenergieverbrauch liegt heute bereits bei 10 Prozent. Der IKT-Sektor liegt damit als Großverbraucher direkt hinter den USA und China. Tendenz steigend. Die Rohstoffe in unseren elektronischen Produkten werden in der Regel nicht nur nicht recycled, sie werden noch nicht einmal ordentlich entsorgt. Die Arbeitsbedingungen der Minenarbeiter in manchen Regionen sind katastrophal. Und die IndustriearbeiterInnen, die in China unsere Smartphones herstellen, arbeiten oft unter beschämenden Bedingungen.

Die Digitalisierung ist auch eine Chance.

Und Ja! Die Digitalisierung ist auch eine Chance. Sie kann dazu beitragen, Ressourcen effizienter zu nutzen, Energie einzusparen, Demokratie aufzubauen und Entwicklung in Regionen ermöglichen, die bisher von jedem sozialen und technologischen Fortschritt abgeschnitten waren.

Digitalisierung nachhaltig gestalten 

Damit die Digitalisierung sich nicht gegen Mensch und Natur wenden, muss sie also nachhaltig gestaltet werden. Am Ende der zwei Tage präsentierten die Veranstalter  eine Reihe von Forderungen, die genau das sicherstellen sollen.

1. Die Gestaltung der Digitalisierung soll dem Gemeinwohl dienen. Sie darf nicht einseitig auf die Förderung einer wirtschafts- und wachstumspolitischen Agenda abzielen, sondern muss auf sozial-, umwelt-, entwicklungs- und friedenspolitische Ziele ausgerichtet sein. Die Digitalisierung soll zu einer nachhaltigen Energie-, Verkehrs-, Agrar- oder Ressourcenwende beitragen und konkrete Beiträge zur umfassenden Gewährleistung der Menschenrechte, der Klimaschutzziele und zur Beendigung von Hunger und Armut leisten. Eine nachhaltige Digitalisierung in unserem Sinne setzt auf sinnvolle, menschenwürdige Arbeit, soziale Gerechtigkeit und suffiziente Lebensstile.

2. Basis einer gerechten Gesellschaft sind demokratische Entscheidung: Die Digitalisierung muss in sich demokratischer gestaltet werden und gleichzeitig demokratische Prozesse unterstützen, statt diesen entgegenzuwirken. Dafür muss sie konsequent darauf ausgerichtet werden, emanzipatorische Potenziale, dezentrale Teilhabe, offene Innovationen und zivilgesellschaftliches Engagement zu fördern.

3.  Datenschutz, Manipulationsfreiheit und informationelle Selbstbestimmung sollen als Grundlage von freien, demokratischen, friedlichen und langfristig souveränen Gesellschaften national und global vorangetrieben werden.

4.  Es müssen Rahmenbedingungen zur Kontrolle digitaler Monopole geschaffen werden, damit sich im Norden und globalen Süden eine eigene, selbstbestimmte digitale Wirtschaft entwickeln kann. Bestehende Monopole von Betreiber*innen kommerzieller Plattformen müssen gebrochen werden, indem beispielsweise eine definierte Schnittstelle zum Austausch zwischen Social-Media-Diensten verpflichtend eingeführt wird.

5. Politische Regulierung muss darauf zielen, auch Informationen und Bildungsangebote zu Technik und Wirkungsweisen als einen Teil des öffentlichen Gemeingutes zu begreifen, sie müssen elementarer Bestandteil des öffentlichen Wissens sein. Ein kritischer und emanzipatorischer Umgang mit digitaler Technik soll Teil von digitaler Bildung sein, dazu gehört auch der kompetente Umgang mit Falschinformationen und Hassreden in Medien.

6. Bilaterale und multilaterale Handelsabkommen dürfen keine Verbote und Einschränkungen in den Bereichen Besteuerung (Taxation)Offenlegung des Quellcodes (Open Source) und Ort der Datenverarbeitung (Localisation) enthalten.

7. Länder des globalen Südens müssen die Möglichkeit haben, eine eigene auf die lokalen und nationalen Bedürfnisse ausgerichtete Digitalisierung zu entwickeln. Alle Gesellschaften sollen gleichen Anteil an Nutzen und Kosten der Digitalisierung haben können. Die negativen Seiten wie menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen, Umweltverschmutzung, Gesundheitsschäden und Elektroschrott dürfen nicht einseitig auf den globalen Süden abgewälzt werden.

8. Mangelhafte Software hat negative Folgen für deren Nutzer*innen, die Sicherheit ihrer Daten und die digitale Infrastruktur insgesamt. Es bedarf einer Softwarehaftung damit Software-Hersteller die Verantwortung für die entstehenden Risiken (z.b. Sicherheitslücken) tragen, statt die Qualität ihrer Software dem Profit zu unterwerfen. IT-Sicherheit ist die Grundlage einer nachhaltigen, digitalen Gesellschaft.

9. Software muss selbstbestimmt nutzbar sein, reparierbar sein und langfristig Instand gehalten werden könnnen, so wie es Open-Source-Software bereits verwirklicht. Hersteller müssen daher beispielsweise Sicherheitsupdates für die Hardware-Lebensdauer von Geräten bereitstellen und nach Ende des Supports den Quellcode als Open-Source-Variante freigeben, statt „Software Locks“ einzubauen.

Elektronische Geräte müssen reparierbar und recyclebar sein – geplante Obsoleszenz darf es nicht geben. Dafür müssen Garantiefristen massiv ausgeweitet werden; Hersteller müssen Ersatzteile, Reparaturwerkzeug und Know-How für alle anbieten und langfristig vorhalten. Dies soll unterstützt werden durch eine stärkere finanzielle Förderung offener Werkstätten bzw. Repair-Cafés und gemeinwohlorientierter Forschung und Produktentwicklung. Öffentliches Forschungsgeld darf es nur für Open-Source-Produkte geben.

 

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