Riace – ein Symbol ohne Bürgermeister — Flüchtlinge in Italien

https://www.tagesschau.de/ausland/riace-buergermeister-101.html

Stand: 20.10.2018 04:43 Uhr

Der Hausarrest gegen ihn wurde aufgehoben, aber „sein“ Dorf darf Domenico Lucano nicht mehr betreten. Der migrantenfreundliche Bürgermeister wurde suspendiert. Was wird nun aus Riace?

Von Jan-Christoph Kitzler, ARD-Studio Rom

Sie haben demonstriert für „Mimmo“, ihren Bürgermeister, aber genützt hat es nichts. Zwar ist Domenico Lucano wieder auf freiem Fuß, aber er darf das Dorf Riace, wo er bis vor wenigen Tagen Bürgermeister war, bis auf Weiteres nicht betreten. Er sagt: „Ich kann mich in ganz Italien frei bewegen, nur nach Riace kann ich nicht. Das ist paradox. Einerseits bin ich zufrieden, andererseits bin ich verbittert.“

Riace in Kalabrien ist in den vergangenen Jahren zu einem Beispiel dafür geworden, dass Migration auch gute Seiten hat, wenn man sie beherzt gestaltet. Jahrelang hatte „Mimmo“ Lucano zugesehen, wie seine Gemeinde immer kleiner wurde. Immer mehr Menschen wanderten mangels Perspektiven ab, Läden, Restaurants und schließlich auch die Schule wurden geschlossen.

Menschen demonstrieren in Riace für "ihren" Bürgermeister (Foto vom 6. Oktober) | Bildquelle: REUTERS

galerie

Menschen demonstrieren in Riace für „ihren“ Bürgermeister (Foto vom 6. Oktober)

Das „Wunder von Riace“

Als Lucano Bürgermeister wurde und immer mehr Migranten auf der Durchreise waren, beschloss er, dass Schicksal von Riace in die Hand zu nehmen. Er stellte den Migrantenfamilien leer stehende Häuser zur Verfügung, gründete Kooperativen, die sie in Arbeit und Brot brachten und setzte europäische und italienische Fördergelder so geschickt ein, dass viele hierher kamen, um das „Wunder von Riace“ zu bestaunen.

Der Ort erwachte wieder zum Leben, sogar die Schule öffnete. „Die Migranten haben dazu beigetragen, das Problem zu lösen und über die Resignation zu siegen. Die Flüchtlinge haben Gemeinschaften wiederauferstehen lassen“, ist Lucano überzeugt.

Schwere Vorwürfe der Staatsanwaltschaft

Doch nun hat Lucano massiven Ärger: Die Staatsanwälte aus Locri werfen ihm vor, dass er versucht habe, eine Scheinehe zu arrangieren, um zu verhindern, dass eine Nigerianerin abgeschoben wird. Außerdem soll er die Müllentsorgung von Riace ohne Ausschreibung an eine der Kooperativen vergeben haben.

Eine Demonstrantin vermutet, Riace mit seiner positiven Geschichte von der Migration passe vor allem der neuen rechtspopulistischen Regierung in Rom nicht in den Kram. Denn Innenminister Matteo Salvini fährt eine harte Linie gegen Flüchtlinge. Deshalb wolle man in Riace das Rad zurückdrehen.

Sie sagt: „Riace bedeutet so viel. Das ist der Grund, warum man es angreift, warum man es abwickeln will. Um den Ort wieder in die Hände der Mafia, der Spekulanten und von Privatleuten zu geben, die Millionensummen verschieben. Es ist ein Geschenk an die, die uns bestehlen und uns jeden Tag hungern lassen.“

Klare Worte von Salvini

Wer auch immer den Anstoß gab, um Lucano aus dem Verkehr zu ziehen: Innenminster Salvini bemüht sich kaum, seine Zufriedenheit darüber zu verbergen:

„Wenn jemand der Meinung war, man sollte den Champion der Gutbürger und der Aufnahme von Migranten einsperren, dann mache ich einen Schritt zur Seite. Ich feiere nie, wenn ein freier Bürger festgenommen wird. Aber vielleicht ist das der Beleg dafür, dass die außer Kontrolle geratene Migration zu Verbrechen führt.

Ich bin kein Richter und kein Rechtsanwalt, die Staatsanwaltschaft von Locri wird ihre Gründe haben. Ich wünschen dem Bürgermeister und seinen Sponsoren viel Glück. Aber ich nehme das zur Kenntnis: mit Bedauern und Erschütterung.“

In Riace ist das Klima rauer geworden: Fördergelder wurden gestrichen, von den bis zu 400 Migranten sind noch etwa 100 geblieben. Immerhin ist Salvini nach Berichten, sie sollten abtransportiert werden, zurückgerudert.

Ein Ehrenbürger-Titel für „Mimmo“?

Lucano muss sich von Riace fernhalten, das Verfahren gegen ihn läuft weiter. Aber er bekommt viel Solidarität aus anderen Gemeinden, die sich ebenfalls für Migranten einsetzen. Mehr als 260 haben sich zu einem Netzwerk zusammengeschlossen, 15.000 Menschen haben in Süditalien mit der Unterbringung von Migranten Arbeit gefunden.

Giovanni Maiolo, der Präsident des Gemeindeverbundes, hat einen Vorschlag: „Wir haben unsere Bürgermeister gebeten, Lucano zum Ehrenbürger zu machen. Riace war in diesen Jahren das Zuhause für alle. Dank vor allem Lucanos haben viele Obdachlose hier ein Zuhause gefunden. Hoffen wir, dass Riace durch die Entscheidung der Richter nur für kurze Zeit nicht mehr das Zuhause von Lucano sein kann.“

Riace steht dafür, dass sich mit der neuen Regierung in Rom der Wind gedreht hat. Aber gleichzeitig auch dafür, dass es immer noch viel Solidarität gibt für Migranten, die nach der Flucht über das Mittelmeer in Italien stranden.

https://www.tagesschau.de/multimedia/audio/audio-61979~ardplayer_showControlBar-true.html

Riace – Ein Modell auf der Kippe
Jan-Christoph Kitzler, BR Rom
19.10.2018 21:10 Uhr

Dieser Beitrag lief am 20. Oktober 2018 um 08:44 Uhr auf WDR 5.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s