ALT GEWORDEN — THINK-AGAIN am 24.4.9 NZ

Picture: Gabriele Cycman / Unsplash

Ich bin zeitgleich mit der Bundesrepublik geboren und alt geworden. Nun frage ich mich, was aus diesem Land geworden ist – und warum. Ich betrachte dazu Episoden aus meinem Leben und deren zeitgeschichtlichen Hintergrund, auf der Suche nach Ursachen für den deplorablen Niedergang des Landes. Da ich die Hälfte meines erwachsenen Lebens im Ausland verbrachte, war ich in all den Jahren einerseits ein Betroffener, andererseits Beobachter.


Sein oder Nichtsein

Eine außergewöhnlich schöne Frau Ende Zwanzig flüchtete 1945 bei Nacht und Nebel mit ihren zwei kleinen Kindern vor der russischen Armee von Mecklenburg über die Elbe in den Westen. Sie hat nie viel über diese Flucht erzählt, bei der ein falscher Schritt den Tod bedeuten konnte, oder Schlimmeres. Aber das Gefühl der Erlösung, das meine Mutter empfunden haben muss, als wir heil auf amerikanischer Seite angekommen waren, hat sie für den Rest ihres Lebens begleitet: Wann immer sie im Nachkriegsdeutschland US Soldaten in Jeeps oder Panzern sah, da winkte sie ihnen dankbar zu.

Sorglos

Als ich so alt war wie meine Mutter damals führte ich ein sorgloses Leben an der Uni. Ja, da wurde in Berlin ein Student von einem Stasi Agenten erschossen und es gab Unruhen an den Hochschulen; ja, es wurden in langwierigen Verfahren Notstandsgesetze eingeführt, gegen die ich damals demonstrierte; ja, die Rote Armee Fraktion begann mit der Ermordung führender Manager. Aber das Dasein war sorglos. Allerdings wurde einmal bei der Jagd auf RAF Terroristen versehentlich einer der Physiker unseres Instituts inhaftiert. Als er dann wieder zu uns stieß und die Geschichte schilderte, da sagte ein Kollege: „Pech dass du nicht Soziologie studierst, dann hättest du nach dem Erlebnis jetzt schon deinen Doktor.“

Ich lebte damals in einer Wohngemeinschaft. Wir waren etwa ein Dutzend, eine genauere Zahl war nie feststellbar. Wir hatten eine riesige Altbauwohnung in München, wo Gäste kamen, blieben und gingen. Unter Ihnen waren interessante Persönlichkeiten; ich erinnere mich an Werner Herzog, Erich Kuby und Peter Dürr.

Meine Mitbewohner waren alle politisch aktiv, und zwar links, sehr links. Jeder hatte stets ein Mao-Büchlein zur Hand und eines der Mädchen genoss besonderes Ansehen, weil sie Gudrun Ensslin persönlich kannte. Als Naturwissenschaftler mit westlicher Orientierung war ich krasser Außenseiter. Ich war fasziniert von Amerika, wo man gerade einen Kerl auf den Mond geschossen und in Woodstock ein ganz gelungenes Musikfest organisiert hatte.

Hart aber sportlich

Unterschiede der Weltanschauung taten der Freundschaft in der WG keinen Abbruch. Diskussionen waren hitzig aber sportlich. Die Würde des Anderen blieb unangetastet. Dieses Detail sollte später noch von Bedeutung sein.

Mir wurde allerdings nie klar, wofür meine Kumpels eigentlich kämpften; sie waren immer nur gegen etwas, so auch gegen Naturwissenschaften. Warum?

Ich habe mir das so erklärt: Wissenschaft und Technik waren Grundlage für Wohlstand und politische Bedeutung der Industrienation Deutschland. Wer nach politischer Macht strebt, den wird es stören, dass es da eine so wichtige kulturelle Domäne gibt, die sich seinem Verständnis entzieht. Er wird diese Domäne deshalb mit Verachtung strafen und versuchen, ihren Einfluss zu behindern. Und so entstanden die unversöhnliche Technikfeindlichkeit der grünen Bewegung und das Feindbild weißer Mann, geboren aus machtpolitischem Kalkül mit einer starken Komponente Ressentiment.

In einem anderen Land

Im Oktober 1977 wurde die Lufthansa Maschine „Landshut“ entführt und schließlich durch ein Kommando der GSG9 befreit. Als einige der geretteten Passagiere unter dem Jubel der Menge am Flughafen München ankamen war ich auch dort, und zwar auf dem Weg nach Santiago de Chile, wo ich für die nächsten neun Jahre leben würde.

Man hatte versucht mir diesen Ortswechsel auszureden. Ich sollte nicht in das Land, wo vier Jahre zuvor Präsident Allende in einem Militärputsch gestürzt worden war und jetzt eine grausige Militärjunta die Macht hatte. Ich selbst überlegte natürlich auch, wie es dort wohl wäre.

Es ging mir ähnlich wie dem Mönch, der mit seinem Zellenbruder lange Gespräche darüber führt, wie es wohl eines Tages im Jenseits wäre. Sie denken an nichts anderes und vereinbaren, dass der zuerst Verstorbene an einem bestimmten Datum zurück auf die Erde kommen soll, um dem Hinterbliebenen vom Jenseits zu berichten. Da das Treffen sehr kurz wäre würden sie Codewörter benutzen und zwar, wie es sich für Klosterbrüder gehört, auf Lateinisch: „Taliter“ bedeutet: ja, der Himmel ist so, wie wir beiden es und ausgemalt haben. „Aliter“ heißt, es ist anders. Nach langem, gespannten Warten kommt am vereinbarten Tag der Besuch aus dem Jenseits mit seiner Antwort, und die lautet —  „Totaliter Aliter“.

Auch in Chile war es vollkommen anders. Die Schnittmenge zwischen den Darstellungen der Medien und der Wirklichkeit im Lande war Null. Es öffnete mir die Augen, dass TV und Zeitungen die Dinge nicht nur tendenziös färben, sondern dass sie ihre Berichte aus Null Prozent Wissen und hundert Prozent Haltung zusammenkochen.

Fritz und Otto

Und noch etwas habe ich in Chile gelernt – über uns. In der dortigen Folklore gibt es die beiden deutschen Witzfiguren „Fritz und Otto“. Kostprobe gefällig?

Fritz und Otto kommen in die Hölle und müssen zwischen der deutschen und der chilenischen Abteilung wählen. Man gesteht ihnen eine Woche Probezeit zu: einer darf in die deutsche, der andere in die chilenische. Danach treffen sich beide zum Erfahrungsaustausch: „Also bei uns in der deutschen Hölle werden wir um fünf Uhr geweckt, dann gibt’s ein Bad in siedendem Öl, 100 Peitschenhiebe und anschließend Behandlung mit glühenden Mistgabeln. Und wie war’s bei dir, in der chilenischen Hölle?“ „Ach, im Prinzip genauso, nur dass die Teufel immer verschlafen, nie wird man pünktlich geweckt. Das Öl ist gerade mal lauwarm und der Typ, der uns auspeitschen soll, gibt sich keine Mühe. Ich komm lieber auch in die deutsche Abteilung!“

Ja, dieser Witz wurde dort über die Deutschen erzählt, lange bevor sie sich einen härteren Lockdown von ihrer Regierung wünschten!

Nur noch Computer

1986 kam ich zurück nach Deutschland, rechtzeitig zum Beginn der neuen Zeitrechnung, eingeläutet durch den Brand eines Kernkraftwerks in der Ukraine, bei dem große Mengen radioaktiven Materials in die Atmosphäre gelangt waren. Durch Medien und Teile der Bevölkerung ging eine als Mitgefühl getarnte Euphorie von Schadenfreude und Rechthaberei – „da haben wir’s; wir haben es ja schon immer gesagt.“ Für die grüne Propaganda war Tschernobyl eine willkommene Startrakete.

Damals begann ich als Berater für Entwicklungsprojekte in der pharmazeutischen Industrie zu arbeiten. So ein Job begann meist mit einem Rundgang durchs Werk: Labors, wo Mitarbeiter in weißen Kitteln mit Ratten experimentierten, Produktionshallen, wo Roboter Flaschen füllten und Etiketten aufklebten, und Lagerhallen, vor deren Toren die LKWs mit dem Logo der Firma warteten.

Heute wäre solch eine Tour langweilig: nur Großraumbüros. Wo sind die Ratten und Kaninchen geblieben, die Förderbänder und die Lastwagen?

Die Laborarbeit wird jetzt in der Tschechischen Republik gemacht, die Wirkstoffe werden in Indien produziert und gleich an einen Lohnhersteller in China geschickt, der daraus Pillen und Säfte macht. Dank Globalisierung wurde so auch ein Großteil der Denkarbeit ins Ausland verlagert. Wissenschaftliche Exzellenz ist jetzt sekundär, denn an den Bildschirmen in Deutschland werden die Projekte nur noch koordiniert.

Dieser Entwicklung kommt der Trend an deutschen Universitäten entgegen, denn auch hier ist inzwischen Haltung  wichtiger als wissenschaftliche Leistung. Im globalen Vergleich liegen Deutschlands Universitäten heute auf den hinteren Plätzen, die beste bringt es noch auf Rang 50.

Vier Puzzlesteine

Ich habe nun versucht aus diesen zufälligen Gegebenheiten grundlegende Ursachen für das Entstehen der heutigen politischen und gesellschaftlichen Situation zu filtern. Sie haben alle etwas gemeinsam:  Wir verdanken sie dem Marsch durch die Institutionen der rot-grünen Ideologen.

 1:           Keine Tugenden

Unterschiedliche politische Haltungen führen heute zum Zerbrechen von Freundschaften. Lieber Recht haben als Freunde haben. Gäbe es zumindest eine einzige Tugend, die allen gemein wäre, dann würden unterschiedliche Meinungen keinen unendlich tiefen Graben aufreißen, dann gäbe es irgendwo ein Fangnetz für Freundschaft, oder wenigstens für Toleranz.

Damals, in besagter Münchener WG gab es das.  Welche Tugend soll das gewesen sein fragen Sie? War es Glaube, war es Hoffnung, war es Liebe? Es war die Liebe zum Leben!

Die ist heute nicht spürbar. So gibt es denn keinen gemeinsamen, letzten Wert mehr. Konformität mit dem Zeitgeist ist das alles entscheidende Kriterium, und das ist keine Tugend. Sie erlaubt es, Andersdenkende unbekümmert als „Verbrecher“ zu bezeichnen.

 2:          Beliebigkeit der Entscheidungen

Es gibt da diese alte griechische Weisheit: „Wenn die Götter ein Volk strafen wollen, dann geben sie ihm zehn Jahre Frieden.“ Deutschland hat das dreiviertel Jahrhundert ohne Krieg zwar nicht als Strafe empfunden – aber irgend etwas müssen sich die Götter doch gedacht haben?

In Krieg und Not haben Entscheidungen unmittelbare Folgen. In einer Gesellschaft mit Reiserücktrittversicherung und Maulkorbpflicht im Stadtpark (für Hund und Frauchen)  ist jedes Risiko gebannt. Die Folgen falscher Entscheidungen zeigen sich erst viel später.

So lassen auch die Regierenden mit leichter Hand Kraftwerke abreißen. Das Licht brennt ja immer noch, was soll’s. Deutschland ist unkaputtbar. Da ist es dann auch egal, wer an den Hebeln der Macht sitzt. Da ist Kompetenz nicht erforderlich. Geben wir doch der sympathischen Annalena eine Chance. Jeder darf mal ins Cockpit vom Jumbo, der fliegt ja sowieso irgendwie auf Autopilot. Und einen Crash hat es bisher nicht gegeben.

 3:          Ende des Professionalismus

Berufliche Disziplin und westliche Leistungsgesellschaft werden belächelt – das ist etwas für alte weiße Männer und irgendwie total Nazi. Dieser Trend kommt den Ressentiments einer bequemlichen Mehrheit entgegen. Die Botschaft ist: „Ihr braucht kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn ihr faul seid, solange ihr alle vier Jahre die richtige Partei wählt.“

4:           Alternative Wirklichkeit

Wenn ich heute aus Südafrika Freunde in Deutschland anrufen möchte, dann soll ich das bitte nicht gegen 20:00 tun. Da ist Tagesschau, die hat auch für gebildete und intelligente Zeitgenossen oberste Priorität.

Unsere Wirklichkeit besteht, gerade in Zeiten des Lockdown, kaum aus eigener Wahrnehmung. Aber Fakt ist, „dass TV und Zeitungen die Dinge nicht nur tendenziös färben, sondern dass sie ihre Berichte aus Null Prozent Wissen und hundert Prozent Haltung zusammenkochen“. Denken Sie an Fukushima, dem die ARD noch nach zehn Jahren 18.000 Todesopfer zuschreibt oder an den Spiegel, der über versinkende Inseln im Pazifik berichtet, die es nie gegeben hat. Für solche Lügen muss dann um 20:00 Uhr alles still stehen.

Wir leben in einer alternativen Wirklichkeit, erschaffen durch Medien nach den Vorgaben der Mächtigen.

Hoffnung

Vor ein paar Jahren war ich beruflich in Berlin und traf mich, nach vierzig Jahren, mit einer Kommunardin der eingangs beschriebenen sozialistischen WG. Auf einem kleinen Rundgang zeigte sie mir Neuigkeiten der Hauptstadt, schließlich führte sie mich ins „Literatur Café“. Und dort traf mich ein Lichtstrahl der Hoffnung: An einem Tisch saß der leibhaftige Henryk Broder, umgeben von den üblichen verdächtigen Literaten. Es war eine Sternstunde für mich, als treuem Leser der „Achse des Guten“, und es sollte der Beginn einer langen und schönen Freundschaft sein.

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