TAGEBUCH EINES MAGIERS- EPISODE 5 — thinkagain

Der Parasit

Ein Kennzeichen zivilisierter Gesellschaften ist das Gewalt­monopol des Staates. Die Bürger verzichten darauf, ihre Inter­essen gewaltsam durchzusetzen; sie vertrauen darauf, dass die Organe des Staates das für sie tun. Für den Schutz von Unversehrtheit und Eigentum gibt es Gerichte und Polizei. Anstelle von Bodyguard und Revolver braucht der Einzelne nur einen Rechtsanwalt.

Dieses Staatsmodell – es stammt übrigens vom erwähnten Max Weber – ist Grundlage für die Verfassungen der meisten Länder des heutigen Europas. Damit es funktioniert, muss der Staat stark genug sein, um seine Bürger beschützen zu können, und unbestechlich genug, um sein Machtmonopol nicht für eigene Zwecke zu missbrauchen.

Im kommunistischen System haben der Staat bzw. die Regierenden ihr Gewaltmonopol vorrangig gegen die eigenen Bürger eingesetzt, um sich selbst zu schützen: Das wurde besonders deutlich am 17. Juni 1953 in der DDR, im Sommer 1968 in der Tschechoslowakei und im Herbst 1956 in Ungarn. Der Kollaps des Sozialismus ließ sich trotzdem auf die Dauer nicht verhindern und in den befreiten Staaten blieb ein Machtvakuum, welches von liberalen Gruppen zur Entfaltung legitimer Interessen beansprucht wurde und von anderen zum Aufbau krimineller Organisationen. Diese nahmen dann einen Teil der frei gewordenen Gewaltprivilegien für sich in Anspruch.

Nach dem Crash des Sozialismus ist die Wirtschaft nicht von heute auf morgen erblüht. Arbeitskräfte waren zunächst billig, die Sozialsysteme wenig entwickelt und das Thema Umwelt hatte keine Bedeutung. Das waren attraktive Bedingungen für ausländische Industrie, um sich hier anzusiedeln. Die Kehrseite der Medaille wurde übersehen: geringe Rechtssicherheit und hohe Kriminalität. Alles hat seinen Preis, auch die ungarische Salami.

Gewalttätigkeiten im täglichen Geschäft kannte man in Deutschland bestenfalls aus dem Kino, nicht jedoch aus eigener Erfahrung. Aber was man nicht erlebt hat, das kann man sich schwer vorstellen. So war man zwar bei Baco bestens versiert in allen geschäftlichen Gepflogenheiten der Industrieländer, in Ungarn tappte man aber in die Falle. Wie naiv. Die erwähnten informellen Organisationen waren in Ungarn Realität und jeder einheimische Unternehmer hätte nach ein paar Glas Tokajer eine entsprechende Andeutung gemacht – allerdings nicht viel mehr, er wollte ja nicht, dass man ihm ein paar Finger abhacken würde.

So war die arme Piroska in die Fänge einer Familie geraten, welche falls notwendig ihren Geschäften mit mehr oder weniger sanfter Gewalt nachhalf. Vielleicht gab es sogar eine unauffällige strategische Allianz der Familie mit der Regierung – der Balkan zeichnet sich durch Flexibilität aus. Mehrere Mitglieder dieser Familie hatten sich nun bei Piroska erfolgreich als Parasiten eingenistet. Nicht zuletzt in Gestalt des Vasallen Tibor Novak, den man vor zwei Jahren dort als Geschäftsführer platziert hatte.

Tibor verfolgte dreist und unverhohlen die Interessen der Familienunternehmen Tabor, Gabor, Zabor, Sabor und Babor. Sein Streben war es, deren Gewinn aus den Geschäften mit Piroska zu maximieren. Wie jeder intelligente Parasit versuchte er dabei, das Opfer so lange wie möglich am Leben zu halten. Das gelang ihm jetzt schon seit vierundzwanzig Monaten und niemand war ihm auf die Schliche gekommen. Die ungarischen Manager und die Arbeiterschaft hielten geflissentlich den Mund – ein Schweigen, das mit „Omertá“ bezeichnet wird, einer Vokabel aus dem Land, das auch viele Fachbegriffe der klassischen Musik geliefert hat.

So kam in Fulda niemand auf die Idee, dass die regelmäßigen finanziellen Bluttransfusionen nach Ungarn direkt im Rachen des unersättlichen Vampirs landeten. Auch der Grüßonkel Brunner, der doch als Österreicher näher an der Heimat Draculas aufgewachsen war, schöpfte keinen Verdacht; und falls doch, so behielt er es für sich.

Unkaputtbar

Mein Einsatz hatte mich nach ein paar Wochen an die Grenzen meiner Belastbarkeit gebracht. Ich war nervlich und mental ausgebrannt. Dennoch war ich, wenn es darauf ankam, voller Adrenalin und in Hochform. Ich hielt mich für unkaputtbar. Dafür war die Erschöpfung umso tiefer, wenn ich abends vom Hotelbett aus das ungarische Fernsehen einschaltete und dann um 4:00 Uhr morgens durch die MG-Salven aus einem Gangsterfilm geweckt wurde.

Zusätzliche Belastung war das eisige Verhältnis zu Belegschaft und Managern. Die Manager hassten mich, weil sie gerne mit der Schlamperei und Vorteilnahme so weitergemacht hätten wie bisher. Die Arbeiter hatten keine Ahnung, was los war, aber sie vermissten jetzt ihre Rauch- und Klönpausen. Dennoch gab es anscheinend einsichtige und sogar dankbare Individuen im Hause.

Als die Fabrik angefangen hatte, sauber und ordentlich zu werden, als die Früchte meiner Anstrengungen sichtbar wurden, sprachen mich zwei Arbeiterinnen an und erklärten, wie froh und stolz sie seien, in dieser gefälligen und funktionierenden Umgebung tätig zu sein. Ihnen sei auch klar, dass das mein Verdienst wäre. War das Schmeichelei? Es wirkte auf mich echt. Und so wie etwas wirkt – so ist es wirklich. Das war Balsam auf meine Seele.

Dies als Vorbemerkung zu den im Folgenden geschilderten Ereignissen. Ich hatte ja anfangs keinerlei Ahnung von Existenz und Natur der Parasiten, sowie der Risiken, die sie für mich darstellten. Die Puzzlesteine würden erst langsam Gestalt annehmen und es war alles andere als offensichtlich, wie sie zusammengehörten. Das fertige Bild, das ich Ihnen im vorigen Absatz schon vorab gezeigt habe, würde sich mir nur peu à peu offenbaren.

Wenn ich heute, zehn Jahre später, auf meine ungarische Mission zurückblicke, dann wird mir angst und bange. Ich war damals 44. Aus der Jugend hatte ich noch die Illusion der Unerschöpflichkeit meiner Kräfte herübergerettet sowie die Idee eines ewigen Lebens – im Diesseits. Gleichzeitig hatte ich die Reife, die Erfahrung und die Selbstsicherheit, die notwendig waren, um mich durchsetzen zu können. Nicht unwichtig waren meine Streiche und Streitigkeiten in der italienischen Gummifirma, sie waren eine hervorragende Lektion in Sachen Zivilcourage.

Wie auch immer: Aus heutiger Sicht kommt mir mein Einsatz leichtsinnig vor. Ich hatte mich damals total auf meine Aufgaben konzentriert und war für alles andere blind. Ich hatte Scheuklappen, die ausblendeten, was nicht unmittelbar mit der Rettung von Piroska zu tun hatte, darunter auch die Gefahren, in die ich mich selbst begab. Doch diese Arglosigkeit gab mir den Mut und die Zielsicherheit, meinen Auftrag erfolgreich zu beenden.

Vielleicht habe ich auch meine Widersacher durch Furchtlosigkeit verblüfft. Ihr primäres Repertoire war ja die Einschüchterung, und die wirkte bei mir nicht, da ich sie oft gar nicht wahrnahm.

Wer weiß, ob ich damals recht hatte oder heute. Wer weiß überhaupt, in welchem Alter man wirklich recht hat. Eines ist sicher: Mit 54 hätte ich meine Mission nicht so durchgezogen und mit 34 wäre ich unter die Räder gekommen.

Meine Frau hatte damals mehr Durchblick als ich. Leider bekamen wir uns selten zu sehen, besonders in der Anfangsphase. Drei Wochenenden nacheinander war ich in Budapest geblieben, d. h. ich war vier Wochen nicht zu Hause gewesen. Sie interessierte sich aufrichtig und von ganzem Herzen für meine Arbeit. Ich gab ihr eine leicht entschärfte Schilderung der Begebenheiten. Dennoch war sie besorgt um mich und sah mich ernsthaft in Gefahr.

Um ihre Sorgen zu zerstreuen, verriet ich ihr, dass ich öfters das Hotel wechselte, um für eventuelle unerwünschte Besucher schwerer auffindbar zu sein. Das war jedoch keine gute Beruhigungspille, und sie machte sich jetzt noch mehr Gedanken um mich als zuvor.

Rückblickend muss ich über die enorme Naivität von damals den Kopf schütteln – und ich bin froh und dankbar, dass ich ihn noch schütteln kann und dass ich lebendig genug bin, um Ihnen von meinen Erlebnissen zu berichten. Naivität kann zwar durchaus ein Quell von Stärke sein, aber es ist die Stärke dessen, der keine Angst vor russischem Roulette hat.

Napoleon in Gizeh

Nach rund sechs Wochen bei Piroska hatte ich gelernt, meinen Ohren nicht mehr zu trauen. Sei es, dass die Worte von Arbeitern kamen oder vom Management, es hatte wenig mit der Wirklichkeit zu tun, alle steckten unter einer Decke. Eine weitere Erfahrung ließ mich nun daran zweifeln, ob ich meinen Augen noch trauen konnte. Sie werden mich gleich verstehen.

Eine Sache, die mich beschäftigte, war die effiziente, teilweise aggressive Vorgehensweise unserer Entsorgungsfirma, der Gabor Inc. Ich hatte beobachtet, wie Teile, die nicht als Ausschuss gekennzeichnet waren, in Containern und auf Gabors Lkws gelandet waren. Und keiner unserer Arbeiter schritt ein.

Ich musste Gabor einen Besuch abstatten, und zwar unangemeldet. Man warnte mich davor und es war nicht leicht, einen meiner ungarischen Kumpels zu überreden, mich zu begleiten. Der fuhr mich dann auch nur bis vor das Anwesen und bestand darauf, im Auto zu bleiben.

Es war ein riesiges Gelände, nicht unbedingt in bester Wohn­gegend, umrandet von einem hohen Zaun. Das Tor war unverschlossen, dahinter Wachpersonal: athletisch, agil, aggressiv und auf vier Beinen. Aus den Tagen am Bauernhof meines ungarischen Großvaters wusste ich, dass so etwas zum Standardinventar gehört, und ich hatte gelernt damit umzugehen.

Nach ein paar freundlichen Worten begleitete mich das Tier wie ein höflicher Gastgeber, der dem Besucher sein Zuhause zeigt. Wir waren vorerst ganz alleine und irgendwie schätzte ich seine Gegenwart, insbesondere beim folgenden Erlebnis.

Von Napoleon wird berichtet, dass er beim Anblick der Pyramide von Gizeh zunächst seinen Augen nicht traute, dann aber im Kopf berechnete, wie viele Steinblöcke hier verbaut seien. Er hat das Ergebnis nicht verraten. Vielleicht hat er sich damals so ähnlich gefühlt wie ich, als ich auf dem Gelände eine riesige pechschwarze Halde erblickte, so groß wie ein Fußballplatz und drei Meter hoch.

Das war zwar weniger elegant als das ägyptische Bauwerk, aber nicht weniger geheimnisvoll. Es dauerte eine Weile, bis ich erkannte, woraus diese Struktur bestand: Es waren Tausende von Spritzgussteilen aus Piroskas Produktion.

Hier lagen also defekte oder auch makellose Teile im Wert von Hunderttausenden, vielleicht Millionen und verrotteten. Was sollte das? War das wieder ein surrealistischer Film? Am hinteren Ende der Halde stieß ich dann auf eine kleine, gebückte, bis zu den Knöcheln im Matsch stehende Gestalt, die ein Teil von dem Haufen nahm und in eine altersschwache, ratternde Mühle steckte, aus der unten der zerbröselte Kunststoff in einen Sack rieselte. Man stellte hier also Regranulat her!

Meine Erkundungsreise wurde gestört durch das zweibeinige Pendant zu dem freundlichen Wachhund. Der Kerl hatte ein schwarzes XXXL-T-Shirt an, was dennoch um Oberarme und Schultern deutlich spannte, und er war wesentlich weniger freundlich als der Vierbeiner. Offenbar war er verwundert, eine Gestalt wie mich auf diesem wenig einladenden Gelände anzutreffen. Vielleicht hatte er ein schlechtes Gewissen, weil er mich erst jetzt entdeckt hatte. Ich hätte hier nichts zu suchen und solle mich zum Teufel scheren.

Ich ließ ihn wissen, dass ich Chef eines der Großkunden von Gabor sei und einen anderen Umgangston erwarte. Daraufhin war der einfältige Muskelmann ratlos und ließ mich ziehen. Bald entdeckte ich einen vergammelten Schuppen voller Maschinenteile aus Piroskas Bestand. Ich hatte davon schon im Büro gehört und auch von der Miete, die wir dafür zahlen mussten. Die wäre für den Hangar eines Jumbos angemessen gewesen, nicht für diesen Verschlag. Es passte alles ins Bild, das sich in meiner Wahrnehmung formte.

Nun wurde mir klar, welche Geschäftsidee hinter alledem stecken könnte. Piroska kauft Kunststoffgranulat von der chemischen Industrie zum Preis von 15 Euro pro Kilo; das wird in einer Spritzgussmaschine zu Bauteilen für die Kfz-Industrie verarbeitet; die Teile werden zu 30 Prozent durch Experten einer externen Firma für Qualitätskontrolle aussortiert und landen bei Piroska auf dem Haufen für Ausschuss; Gabor Inc. holt die Teile ab und lagert sie auf der Halde; für diesen Service schreibt Gabor eine Rechnung an Piroska; die Teile werden zu Regranulat gemahlen und für 3 Euro pro Kilo an andere Spritzgussfirmen verkauft, die das Zeug frischem Granulat beimengen.

Gabor verdient also zweimal an dem Geschäft: am Honorar für die Entsorgung und am Verkauf von Regranulat; je mehr Ausschuss, desto besser für Gabor. Wenn die externen Qualitäts­prüfer also besonders viele Teile aussortierten und vielleicht auch mal ein paar gute Teile entsorgten – damit zwei Container pro Tag voll würden –, dann klingelte die Kasse bei Gabor umso lauter.

Für Piroska sieht die Rechnung weniger günstig aus. Die muss für jedes Kilo frisches Granulat 15 Euro bezahlen, hat dann die Kosten für die Verarbeitung und den Abtransport durch Gabor. Außer Spesen nichts gewesen. Jeder Euro für Gabor muss von Piroska zehnmal bezahlt werden. Was für ein bizarres Geschäft. Und dazu dann noch die absurde Miete für den Schuppen.

Es war Novak, der dem ehemaligen Entsorger gekündigt und Verträge mit Gabor abgeschlossen hatte, mit der Folge, dass Piroskas Kosten für Entsorgung auf das Dreifache gestiegen waren.

Nach meiner Visite in Gabors Lager war auch für Außenstehende zu erkennen, dass ich begann, das kriminelle Geschäft der Familie zu durchschauen. Zur Schadensbegrenzung musste man auf mich Einfluss nehmen. Nachdem ich mich von Muskeln nicht hatte beeindrucken lassen, versuchte man es auf diplomatische Weise. Ich bekam Besuch von einem Herrn Dr. Sandor, in der politischen und industriellen Hierarchie des Landes sehr hoch angesiedelt. Er hatte sich telefonisch angekündigt, und ich muss eingestehen, dass ich mich durch die Aufwartung dieses wichtigen Mannes geehrt fühlte.

Er war sehr freundlich und betonte, dass er es gut mit mir meinte. Er wollte mir, der ich mit ungarischen Gepflogenheiten wenig vertraut war, Schwierigkeiten ersparen. Vielleicht würde ich mir die Kündigung Gabors noch einmal überlegen. Nebenher spionierte er mich geschickt aus, um zu sehen, was ich über meinen Vorgänger Tibor Novak wüsste – der niemand anderes als sein Neffe war!

Viel später, kurz vor meinem Abschied von Budapest, als Piroska bereits auf dem Pfad der Tugend war und mein tüchtiger Nachfolger Janosch die Zügel in Händen hielt, da tauchte das Thema Ausschuss noch einmal ganz unerwartet auf. Ich war an einem Samstag im Büro, obwohl ich in dieser späten Phase meiner Mission die Wochenenden meist zu Hause verbrachte. Da sieht mein scharfes Auge, wie sich auf dem benachbarten Gelände einige unserer Leute mit Gabelstaplern zu schaffen machen. Ich gehe der Sache auf den Grund. Ein Mitarbeiter erklärt mir, er hätte vom Leiter Logistik den Auftrag bekommen, eine ganze Menge Teile von dort wegzuschaffen und auf unserem Gelände mit dem übrigen Ausschuss zu stapeln. Es waren in der Tat Teile aus Piroskas Produktion, und zwar für den Audi A4.

Und das kam so: Vor meiner Zeit hatten Herren von Baco und Audi ihren Besuch aus Deutschland angekündigt, um sich vor Ort über den Stand eines neuen Auftrags ein Bild zu machen. Die Produktion der Komponenten für den A4 war gerade angelaufen und der Ausschuss war peinlicherweise noch höher als sonst. Piroskas Gelände war übersät mit unbrauchbaren Teilen.

Dieser Anblick, dieser erste Eindruck hätte bei den hohen Herren wenig Vertrauen in Piroskas Professionalität ausgelöst. Der bauernschlaue Herr Novak hatte den Schrott deswegen beim freundlichen Nachbarn verstecken lassen. Da lagerte er nun und erregte kein Aufsehen, bis das nachbarliche Unternehmen selbst Platz­bedarf hatte.

Wie war nun der Wunsch nach Entsorgung zum Fahrer des Gabelstaplers gelangt? Sicherlich hatte der Chef der nachbarlichen Firma den längst entlassenen Herrn Novak auf das Thema hingewiesen. Der hatte sich dann an seinen ehemaligen Mitarbeiter, den Leiter Logistik gewandt, und jener hat den entsprechenden Auftrag gegeben. Kein Arbeiter, kein Manager hat die Angelegenheit mir gegenüber erwähnt. Rücksichtsvollerweise hat man die Aktion dann auf ein Wochenende gelegt, damit ich nicht gestört würde. Die alten Verbindungen funktionierten also noch. Man hält gegen die Obrigkeit zusammen, so wie zu kommunistischen Zeiten.

Gelegentlich berichten Medien, dass man irgendwo bei Bauarbeiten auf eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg gestoßen war, die man dann mit viel Aufwand beseitigte. Ein Überbleibsel des Krieges, der längst Geschichte zu sein schien, kam noch einmal ans Tageslicht. So war das auch mit dieser Leiche, die zwar nicht im Keller, aber bei der nachbarlichen Firma versteckt war.

Teure Arbeit, schlechter Lohn

Bei einem Buch assoziiert man, dass mit den Seitenzahlen auch die Zeit fortschreite. Man meint intuitiv, die Ereignisse von Seite 30 lägen vor denen auf Seite 50. Dass das nicht so sein muss, das sieht man beim Telefonbuch. Beim vorliegenden Text ist es nicht anders. Sie werden beim Umblättern zwar immer Neuigkeiten erfahren, die können aber durchaus zeitlich weiter zurückliegen.

Das kommt daher, dass fast alle von mir durchgeführten Arbeiten parallel liefen. Insbesondere war da das Tagesgeschäft, die Fertigung von Kunststoffteilen, die trotz aller anfänglichen Unzulänglichkeiten während meiner gesamten Mission mit all ihren Haken und Ösen ohne Unterbrechung weiterlaufen musste. Diese gnadenlose Routine rollte parallel zu den Veränderungen, die es umzusetzen galt.

Bei meinen Operationen lag Piroska also nicht im künstlichen Koma. Sie war hell wach und musste neben den täglichen Pflichten noch den einen oder anderen Eingriff über sich ergehen lassen. Besonders kritisch war das bei der folgenden Aktion, der Lösung des Personalproblems.

Wie schon erwähnt hatte mein Vorgänger, Herr Tibor Novak, die Zahl der Mitarbeiter von 200 auf über 320 aufgestockt. Drei Viertel davon waren von Zabor Personalmanagement geleast, und zwar zu sehr günstigen Konditionen – günstig für Zabor, aber ungünstig für Piroska und die Arbeiter. Zabor war allerdings nicht nur teuer, die Qualität der Arbeitskräfte war erbärmlich und die Abrechnungen waren inkorrekt. Man stellte uns Manntage in Rechnung, die nicht geleistet worden waren.

Ich wollte Zabor ohnehin loswerden und der Betrug bei den Abrechnungen war nun Grund genug, alle Zahlungen einzustellen. Mir war klar, dass ich jetzt Mahnungen und eingeschriebene Briefe von einem Rechtsanwalt bekommen würde oder Ähnliches.

Die Angelegenheit spielte zu einer Zeit, als, wie vorgesehen, mein Nachfolger bereits im Hause war und wir uns gemeinsam der Führung der Geschäfte widmeten. Sein Name war Janosch Pinter. Er hat übrigens dann, ab Januar 2008, nachdem meine Mission beendet war, die Firma zur vollen Zufriedenheit der Eigentümer weitergeführt. Auch Janoschs Nachfolger wiederum, den ich selbst aus der Mannschaft ausgewählt hatte, leistete danach gute Arbeit und Piroska gedieh.

Janosch und ich waren also beide im Büro, ich warf einen Blick nach draußen und sagte: „Janosch, es gibt Krieg.“ Ein relativ leichter Kampfpanzer war auf das Gelände gerollt und stand mitten im Hof. Auch Janosch schaute raus und nach kurzer Abstimmung war klar, dass es sich um einen Audi Q7 handelte. Der hatte statt Fenstern Sehschlitze und statt Lüftungsspalten Schießscharten – serienmäßig. Es war ein ganz neues Modell, das auch bei osteuropäischer Kundschaft mit viel Bargeld besonderen Anklang fand.

Da wir jetzt eine militärische Aktion ausschließen konnten, war es angebracht, den Fahrer auf den Besucherparkplatz zu bitten. Aber der stieg bereits aus und war unversehens in unserem Büro. Er war eine Kopie des XXXL-Freundes von Gabors Gelände, wo unser Ausschuss lagerte. Allerdings stellte sich heraus, dass er mehr Hirn hatte als sein Bruder. Das war eine gefährliche Mischung.

Mit wenigen Worten machte er klar, dass Zabor das von mir gezeigte Gebaren nicht gewohnt sei und auch nicht willens sei, sich daran zu gewöhnen. Er redete langsam, in ruhigem Ton und verlieh seinen Aussagen körpersprachlich den gewünschten Nachdruck. Er lehnte seinen Oberkörper über den Konferenztisch bis sein Gesicht ein paar Handbreit vor meinem war.

Janosch, in Ungarn aufgewachsen, konnte die Brisanz der Lage besser einschätzen als ich. Er hatte sich, ohne aufzustehen, so weit zurückgezogen, wie es nur ging, und war kreidebleich. Ich war mit Adrenalin vollgepumpt und getreu dem Motto, dass Angriff die beste Verteidigung sei, lehnte ich mich ebenfalls nach vorne bis meine Nase nur noch Zentimeter Abstand von der des Bodybuilders hatte. Ich sagte ihm, ich sei ein Professional und an einem fairen Deal interessiert. Ich wollte ihn nicht übers Ohr hauen, aber auch mich nicht über den Tisch ziehen lassen.

Es ging hin und her und wir einigten uns letztlich auf eine Summe, die Piroska an Zabor zahlen würde. Ich schlug vor, die Vereinbarung kurz zu Papier zu bringen, aber er winkte gönnerisch ab: „Wenn ihr nicht zahlt, dann komm ich halt wieder.“

Jetzt war auch ich bedient. Der Gangster hatte den letzten Satz sehr ruhig und businesslike gesagt. Der nächste Besuch wäre ohne Zweifel mit einer Eskalation im Repertoire seiner Mittel verbunden gewesen. Das war nun ein Angebot, auf dass ich gerne verzichtete. Wir zahlten also, ohne lange zu warten.

Es gab da noch ein ganz anderes Problem. Zabor hatte, wie zu erwarten, seinerseits aufgehört, die Leiharbeiter zu bezahlen. Die mussten irgendwie überleben und wir mussten irgendwie produzieren. So arrangierte ich mit Deutschland, dass Piroska die Arbeiter direkt bezahlen würde, in Form von zinslosen Darlehen, welche getilgt würden, sobald die Arbeiter von Zabor ihren Lohn bekämen.

Das war keine ganz einfache Sache, denn alles musste so abgewickelt werden, dass die Arbeiter nicht streikten und dass die Fertigung nicht stoppte. Aber es gelang. Ich suchte dann die tüchtigsten aus den Leiharbeitern heraus und bot ihnen eine feste Anstellung an. Alle waren begeistert, sie bekamen mehr Lohn, Piroska hatte weniger Kosten und Zabor schaute in die Röhre.

Ein weiterer Parasit war abgeschüttelt. Es gab keinen Grund mehr, die übrigen zu dulden.

Und hier bekommen Sie den kompletten Roman 

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