TAGEBUCH EINES MAGIERS – EPISODE 9 — thinkagain

Erster Akt

Siegfried

Ein normaler Mann zwischen zwanzig und dreißig, mit rotem Blut in den Adern, wird von einer Reihe unterschiedlicher Impulse angetrieben, die Sie vermutlich selbst durchlebt haben oder gerade durchleben, oder die Sie, liebe Leserin, aus mehr oder weniger großer Entfernung bei Ihrem Partner beobachten oder erfahren durften. Einer dieser Impulse ist die Vorstellung, durch die Verwirklichung einer ganz bestimmten Geschäftsidee reich und berühmt zu werden.

Die Beobachtung zeigt, dass nur wenigen Männern dies gelingt. Die meisten enden als Angestellte in einem Konzern oder im öffentlichen Dienst – in Berufen, die durchaus ehrenwert und profitabel sein mögen –, aber die Idee, die sie in ihren Herzen getragen hatten, die haben sie dabei verraten. Was unterscheidet nun den einen, dem es gelingt, seine Vision zu realisieren, von den übrigen 99, die es nicht schaffen?

Es ist ein Zusammentreffen von Charakterzügen, welche dem Unternehmer in die Wiege gelegt wurden, die er in seiner Kindheit erwarb oder die er sich durch Selbsterziehung bewusst aneignete. Es sind sechs Elemente, die bei einer Unternehmensgründung gegeben sein müssen: Risikobereitschaft, Intelligenz, Disziplin, Sozialkompetenz, Durchsetzungsvermögen und Ehrgeiz. Ein siebtes Element haben wir hier nicht aufgeführt: Auch Glück gehört dazu; aber bekanntlich bevorzugt die Glücksgöttin ja die Tüchtigen.

Schauen wir uns jeden dieser Charakterzüge etwas genauer an und lassen Sie uns auch spekulieren, was passiert, wenn er zu stark ausgeprägt ist, wenn des Guten zu viel vorhanden ist. Manchmal wird dann die größte Stärke zur größten Schwäche!

Risikobereitschaft folgt aus der Überzeugung, dass einen kaum etwas umbringen kann: keine Faust im Gesicht, kein Autounfall, kein Bankrott. Letzteres ist notwendig, denn wenn für die Firmengründung das Sparschwein geschlachtet wird, dann ist auch die persönliche Insolvenz ein mögliches Szenario und davor darf der Gründer keine Angst haben. Und was passiert, wenn aus der Bereitschaft eine Liebe zum Risiko wird? Dann werden Sie nicht alt. Sie werden zwar von den Göttern geliebt – aber wen die Götter lieben, den lassen sie jung sterben.

Zum heiklen Thema Intelligenz ist zu bemerken, dass sich kaum jemand darüber beschwert, zu wenig davon bekommen zu haben. Kann man davon auch zu viel haben? Oder gilt auch hier das berühmte Zitat der beinahe zur englischen Königin avancierten Wallis Simpson: „You can’t ever be too rich or too thin … or too smart.“ Aber da deutet sich schon die Gefahr an, dass man das Gefühl dafür verlieren könnte, dass auch andere smart sind – und so kann man dann auf die Nase fallen, bei aller Intelligenz.

Disziplin ist die Angewohnheit, das zu tun, was man als richtig erkannt hat, anstatt sich von der Bequemlichkeit zu Anderem überreden zu lassen. Interessanterweise sind Tiere in der Wildnis weder bequem noch diszipliniert. Sie folgen dem einzigen Kompass, den sie haben: ihrem Instinkt. Disziplin ist wohl der Preis, den wir Menschen für unsere Intelligenz bezahlen müssen, die uns immer mehrere Handlungsmöglichkeiten anbietet. Was passiert, wenn man zu diszipliniert ist? Dann kann man die Ratschläge der Intuition nicht mehr hören, und die sind manchmal auch ganz klug.

Sozialkompetenz ist die Gabe so zu sein, dass die anderen einen mögen. Das kann angeboren sein und wird dann auch als Charisma bezeichnet, oder es ist erworben. Ein Zuviel davon führt zur Überzeugung, man könne mit Charme alleine schon alles erreichen. Das mag bei Frauen gut gehen, Männer werden mit dieser Strategie zu Betrügern. Ein prominentes Fallbeispiel ist von Thomas Mann in seinem Roman „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ eindrucksvoll beschrieben.

Durchsetzungsvermögen ist die Überzeugung, dass keine Schwierigkeit auf dem Weg zum Ziel unüberwindlich sei. Dabei handelt es sich oft um andere Menschen oder um deren Interessen. Die amerikanische Schriftstellerin und Philosophin Ayn Rand hat in Ihrem Werk „Atlas Shrugged“ den Unternehmern dieser Welt folgenden Rat auf den Weg mitgegeben: „The question is not who will let me; the question is who will stop me.“ Und eine andere durchsetzungsfreudige Person äußerte einmal: „Wenn zu mir jemand Nein sagt, dann ist das erst der Anfang der Konversation!“ Zu viel des Guten führt hier dazu, dass unüberwindliche Hindernisse nicht als solche erkannt werden und dass man mit dem Kopf in der Wand landet.

Ehrgeiz: Ist das etwas Lobenswertes? In unserer Kultur hat der Begriff einen eher positiven Klang. Zerlegen wir das Wort semantisch in seine Teile: Ehre ist ein Attribut, welches eine gewisse Wertigkeit in der Gesellschaft zusichert, also etwas Positives. Die Ehre wird von bestimmten Gruppierungen verliehen – etwa dem Nobelpreiskomitee, den Medien oder den Nachbarn. Ein Ehrloser ist ein minderwertiges Mitglied der Gesellschaft.

Geiz dagegen ist fraglos ein negativ belegtes Wort. Es ist die Haltung, die der Überzeugung entspringt, von einem lebenswichtigen Gut sei nicht genug vorhanden. Deshalb darf man von dem Teil, den man für sich erkämpft hat, nur im äußersten Notfall etwas hergeben.

Der Ehrgeizige kämpft also um seine Ehre und will sie mit niemandem teilen, denn es ist nicht genug davon vorhanden, um jeden Menschen als ehrwürdig einzustufen. Im Extremfall hält er sie für so wichtig, dass er dem Mantra folgt, welches auf dem Schwert des Samurai eingraviert ist: „Es ist besser, in Ehren zu sterben als in Schande zu leben.“ Dieser Satz wird im Laufe unseres Dramas noch von Bedeutung sein.

Die zentrale Person unseres Dramas – nennen wir den Mann Siegfried – hatte von all diesen beschriebenen Unternehmertugenden seinen Anteil – von manchen zu viel, von manchen zu wenig. Wir werden sehen, wohin das geführt hat.

Bevor wir aber in das Drama einsteigen, sind noch ein paar rein sachliche, technische Informationen erforderlich.

Plastik

Wenn wir eine Liste der Entdeckungen und Erfindungen aufstellen sollten, welche unser „modernes Leben“ ermöglicht haben, dann denken wir zuerst an die Segnungen des Digitalen Zeitalters oder des Jet Age, wo man in ein paar Stunden Orte auf dem Globus erreichen kann, die früher dem Abenteurer unter Einsatz seines Lebens vorbehalten waren. Wir denken vielleicht an Fortschritte in der Medizin und an unsere komfortable Behausung. Woran wir eher nicht denken ist … Plastik.

Wo auch immer Sie sich gerade befinden, Sie haben Plastik in Ihrer Nähe: die Tasten des Computers, die Küchenmaschinen, die Steckdosen in den Wänden oder die vom Gesetz neuerdings vorgeschriebenen Rauchmelder an der Zimmerdecke. Falls Sie in einem billigen Straßencafé sitzen und lesen, so sind vermutlich Stühle und Tische aus dem Material, und wenn es ganz billig ist, dann sind es auch die Löffel. Aber auch wenn Sie gerade eine Pause bei Ihrer Bergwanderung in unberührter Natur machen und die Zeit nutzen, um in diesem Buch zu blättern – Plastik begleitet Sie auch hier: Das Smartphone in Ihrer Tasche ist aus Plastik, die Beschläge am Rucksack und das Bergseil, dass Sie sicherheitshalber dabeihaben.

Früher waren unsere Gebrauchsgegenstände aus „natürlichen“ Materialien wie Holz, Leder, Metall oder Ton hergestellt, wobei der Ausdruck „her-gestellt“ eine Untertreibung ist; die Dinge mussten erst einmal „gemacht“ werden: Dazu mussten Bäume gefällt, Holz musste gesägt, geschnitzt und poliert werden, Eisen musste gefräst und gehämmert werden oder einer Kuh musste man das Fell abziehen, die Haut gerben und das Leder zuschneiden.

Plastik macht die Sache einfacher. Man stellt eine Mixtur aus Rohstoffen wie Erdöl, Erdgas, Mineralien etc. her und rührt, knetet, kocht und trocknet das Ganze. Letztlich kommt ein grobes Pulver, ein sogenanntes Granulat heraus, welches in eine Maschine gefüllt wird, die es wieder erhitzt und dickflüssig macht, um den Brei dann in eine Art von Kuchenform zu spritzen. Nachdem selbiger sich abgekühlt hat, kann man einen Plastikgugelhupf aus der Form ziehen. Und wenn man die Form entsprechend gestaltet hatte, kommt vielleicht ein Teller oder ein Computergehäuse dabei heraus.

Zu Recht werden Sie nun fragen, was an diesem Herstellungsprozess einfacher sein soll. Und tatsächlich ist das sogenannte Spritzgussverfahren noch wesentlich aufwendiger als hier beschrieben. Der Vorteil liegt darin, dass, wenn Granulat, Maschine und Form einmal verfügbar und eingerichtet sind, dann der Prozess automatisch im Minutentakt die gewünschten Gegenstände ausspuckt – zu Hunderten oder Tausenden. Und genau dafür ist das Verfahren erfunden worden: für die Massenproduktion. Rentabilität wird erst bei hohen Stückzahlen erreicht, denn Maschine und Formen – letztere werden im Jargon „Werkzeuge“ genannt – sind sehr teuer.

Sie können heute eine einfache Tastatur für Ihren Computer zum Preis von 10 Euro kaufen. Damit haben Sie unter anderem über hundert Tasten eingekauft, die eine Präzision von besser als 1/10 mm haben müssen, um zu funktionieren. Stellen Sie sich vor, diese Tasten würden einzeln aus Holz geschnitzt, dann könnte man, auch wenn das in einem Hinterhof Kambodschas stattfände, nicht billig genug produzieren, um das Keyboard zu solch einem Spottpreis anzubieten. Hier macht sich Spritzguss bezahlt, denn die Tastatur, die Sie so preiswert erwerben können, ist nur eine von hunderttausend identischen, und aus irgendeiner Maschine sind da Millionen von Tasten ausgespuckt worden, von denen gut hundert in Ihrem Büro gelandet sind.

Ich hoffe, ich konnte Sie überzeugen, dass wir nicht nur im Computer und Jet, sondern auch im Plastic Age leben. Sie können es auch Kunststoffzeitalter nennen, denn das Wort Plastik klingt nach billig und schlechter Qualität. Der Begriff Kunststoff trägt dagegen der Ingenieurskunst Rechnung, die bei der chemischen Entwicklung und dem Bau der Maschinen notwendig war.

Im Arbeiter- und Bauernstaat DDR wurde die Erzeugung von Artikeln aus Kunststoff – genannt „Plaste“ – in den Siebzigerjahren zum strategischen Geschäftsfeld erklärt. Auf diesem Gebiet hat man auch für Kunden in der kapitalistischen Welt gearbeitet und dafür wertvolle Devisen bekommen. Dass Plaste auch für Produkte im eigenen Land eingesetzt wurden, davon zeugt das Wahrzeichen der ehemaligen DDR: der Trabi.

Eine kleine Spritzgussfabrik, ausgestattet mit zwei etwas antiquierten russischen Maschinen, stand im Thüringischen. Nachdem die Mauer gefallen war, wurde hier der Betrieb eingestellt, und die Anlage wurde, wie der Rest der DDR, von der Treuhand preiswert zum Kauf angeboten. Hätten Sie es damals für eine gute Idee gehalten, das Objekt zu erwerben und daraus ein erfolgreiches Geschäft zu entwickeln? Siegfried hielt es für eine gute Idee.

New Kid in Town

Siegfried schlachtete sein Sparschwein, kaufte das Ding und zog mit Frau und Kind vom goldenen Westen in den bankrotten Osten. Er ließ sich in besagter Thüringer Kleinstadt nieder und machte sich an die Arbeit. Sicher wird er damit Aufsehen erregt haben, bei Freunden im Westen ebenso wie bei alteingesessenen Ossis, denn der Trend war damals genau in die umgekehrte Richtung: von Osten nach Westen. In der Stadt wird man ihn vielleicht auch mit Skepsis empfangen haben, denn damals gab es unter den wenigen Zuwanderern bisweilen halbseidene Profiteure, welche die Naivität der Alteingesessenen in kapitalistischen Fragen auszunutzen wussten.

Mit im Gepäck hatte Siegfried schon erste bescheidene Anfragen für Spritzgussteile, eine Ausbildung zum Maschinenschlosser und einige Erfahrung in Sachen Kunststoff. So brachte er die alten Installationen wieder zum Laufen und begann zu produzieren. Er musste jetzt um jeden Preis Erfolg haben, um zu überleben – und es klappte: Er stellte seine Kunden zufrieden, indem er in puncto Qualität, Kosten und Termintreue deren Wünsche erfüllte. Um das zu schaffen, musste er buchstäblich Tag und Nacht arbeiten. Nachts produzierte er, tagsüber fuhr er über Straßen und Autobahnen und lieferte die Ware an seine Kundschaft aus. Sicherlich hat er sich in dieser Zeit der gnadenlosen Maloche nicht wie ein König gefühlt, und vielleicht hat damals auch so mancher in der Kleinstadt voller Mitleid oder Verachtung auf ihn geschaut. Und vielleicht hat er sich in dieser Phase seines Lebens geschworen, dass er eines Tages, wenn er es zu etwas gebracht hätte, dafür sorgen würde, dass man zu ihm voll Bewunderung aufschaut.

Das Paradoxe ist, dass dieser Abschnitt in seinem Berufsleben, für den er sich geschämt hat, genau der ist, auf den er am meisten stolz sein kann. Denn in diesen Jahren hat er den Grundstein zu seinem zukünftigen Erfolg gelegt. Er leistete gute Arbeit und das sprach sich herum. Das Geschäft wuchs und er musste Mitarbeiter einstellen, um die Aufträge abwickeln zu können. Nun war es nicht schwierig, Interessenten zu finden. Umso schwieriger war es dafür, qualifizierte Interessenten ausfindig zu machen. Und das war nicht das einzige Problem. Aber momentan liefen die Dinge glatt und er baute sukzessive sein Unternehmen aus.

Wachstum

Siegfried war, wie fast alle Gründer, ein Autodidakt für die meisten Aufgaben in seinem Geschäft. Man kann Rechnungen schreiben, ohne Betriebswirtschaft studiert zu haben, und kann beurteilen, ob ein Teil gut ist oder nicht, ohne Berater für Total Quality Management im Hause zu haben. Und je mehr Erfolg einer ohne fremde Hilfe hat, desto mehr wächst seine Überzeugung, dass er alleine alles am besten kann. Aber es gibt eben Dinge, auf die man nicht unbedingt von selbst kommt, und schon gar nicht zur rechten Zeit.

Nun, wo Mitarbeiter im Hause waren, wirtschaftete Siegfried weiter wie bisher. Jetzt allerdings stand – an seiner statt – ein Operateur an der Spritzgussmaschine und bediente die Hebel und Knöpfe. Siegfried schaute ihm ab und zu über die Schulter oder er nahm ein fertiges Teil unter die Lupe. Aber während er beim Prüfen des Teils ist, läutet das Telefon in seiner Hosentasche. Am anderen Ende der Leitung ist die Bank, der Kunde oder die Freundin. Siegfried sucht die schützende Ruhe seines Büros auf und die Qualitätskontrolle, bei der er unterbrochen worden war, ist erst einmal vergessen.

Die Maschine läuft natürlich weiter, und wenn Siegfried sich nach einer Stunde wieder an das Teil erinnert, dann sind inzwischen ein paar Dutzend davon aus der Maschine gekommen – alle mit demselben Fehler. Dann gibt es erst einmal ein Donnerwetter vom Chef und dem armen Operateur bleibt nichts anderes übrig, als dazustehen wie ein begossener Pudel. Die Kollegen versuchen ihn zu trösten: „Biste selber Schuld Genosse. Wir machen nüscht, und wer nüscht macht, der macht ooch keene Fehler.“ Die Belegschaft hatte, ganz offensichtlich, mit dem Fall der Mauer nicht schlagartig die sozialistische Denke abgeworfen. Die hatte ja dafür gesorgt, dass die DDR wirtschaftlich zeit ihres Lebens auf bescheidenem Niveau operierte, während man jenseits der Mauer einen Spitzenplatz in der ersten Welt hielt.

In den „Volkseigenen Betrieben“ entschieden Linientreue, ein guter Freund in der Partei sowie ein kleiner Nebenjob für die Stasi über Karriere und Privilegien. Identifikation mit der Firma war null. Mit wem sollte man sich auch identifizieren? Mit denen da oben?

Dieses Betriebsklima herrschte also bei der Siegfried eK. Das einzige ehrliche Interesse der Mitarbeiter galt dem Dienstwagen, dem Gehalt und dem Urlaub. Man hatte keinerlei Ehrgeiz, etwas Besonderes zu leisten, und es ist fraglich, ob das überhaupt möglich gewesen wäre, denn die Qualität der fachlichen Ausbildung war eben auf dem Niveau der dritten Welt.

Der Goldene Schuss

Wir hatten schon erwähnt, dass der arme Trabi großzügig mit Plastik ausgestattet war. Aber auch wenn Sie, lieber Leser, liebe Leserin, ein anderes Auto fahren, dann würden Sie es kaum wiedererkennen, wenn man alle Teile abmontieren würde, die aus Kunststoff sind. In den vergangenen Jahrzehnten hat Kunststoff kontinuierlich den Stahl und andere Werkstoffe aus unseren Autos verdrängt.

Was früher eine Stoß-„stange“ aus verchromtem oder lackiertem Stahl war, ist heute ein Stoß-„fänger“ aus der Spritzgussanlage. Der schützt die Karosserie ebenso gut, rostet nicht und erholt sich von kleinen Verformungen spontan. In ein Armaturen„brett“, aus welchem Material auch immer, mussten früher große und kleine Löcher gebohrt werden, um Instrumente einzusetzen und zu befestigen. Heute kommt das Teil in einem Stück aus der Maschine, fertig mit allen notwendigen Öffnungen und Festmachern, und passt genau zwischen Windschutzscheibe und Seitenflanken des Autos.

Es gibt also gute Gründe für Automobilhersteller, dieses Material einzusetzen, wo es nur geht. Die Vorteile sind unübersehbar: hohe Reproduzierbarkeit, geringere Kosten des Materials, geringeres Gewicht, weniger Arbeitsaufwand und kein Rost. Und damit sich der Fahrer eines Wagens der Oberklasse nicht fühlt wie in einem Trabi, kann man im Innenraum an strategisch wichtigen Plätzen natürliches oder künstliches Holz anbringen.

Parallel, aber unabhängig vom Siegeszug des Kunststoffs, gab es weltweit eine weitere umwälzende Veränderung in der Industrie: das Outsourcing. Firmen machten nicht mehr alles, was sie brauchten, im eigenen Haus, sondern gewöhnten sich an, viele Teile von spezialisierten externen Unternehmen herstellen zu lassen. So entwickelte sich eine weitgefächerte Zulieferindustrie, nicht zuletzt für die Automobilbranche und nicht zuletzt für die dort benötigten Spritzgussteile aus Kunststoff.

Eine Serienfertigung, bei der vielleicht alle paar Minuten ein Auto vom Band rollt, kann offensichtlich nur dann funktionieren, wenn all die verschiedenen Lieferanten – vielleicht Hunderte – ihre Teile pünktlich liefern. Mit pünktlich ist hier gemeint genau zum Zeitpunkt, an dem dieses Teil benötigt wird, nicht schon eine Woche vorher, weil kein Platz zum Stapeln der Ware da ist, und auch nicht eine Minute später, weil dann die Produktion stocken würde.

Die Zulieferer stehen also hinsichtlich ihrer Liefertreue unter enormem Druck. Sie müssen „just in time“ liefern. Aber auch hinsichtlich Qualität und Kosten sind die Forderungen seitens der Automobilindustrie gnadenlos. Das ist verständlich, denn immerhin kann ein einziger Lieferant mit seinen fehlerhaften Teilen eine sehr peinliche Rückrufaktion für das betroffene Modell auslösen. Die Einkäufer von BMW, Mercedes und Co werden sich ihre Quellen also sehr sorgfältig auswählen.

Unserem Siegfried war es nun gelungen, eine der deutschen Kfz-Nobelmarken als Kunden zu gewinnen. Wie hat er das geschafft? Warum sollte sich ein renommierter Konzern von einem unbekannten Unternehmer mit einer kleinen Klitsche voller wenig qualifizierter und noch weniger motivierter Angestellten abhängig machen?

Unser Drama, oder besser gesagt der Vorspann zu unserem Drama, spielt in den Neunzigerjahren. Die zentrale, strahlende Figur der Automobilszene war damals ein gewisser Ignacio López aus dem Baskenland, auch „Super López“ genannt. Bei genauerem Hinsehen hätte man erkannt, dass er nicht nur strahlte, sondern auch schillerte. Vorerst aber wurde ihm eine fast religiöse Verehrung durch die Granden der Branche zuteil, vergleichbar mit der Vergötterung von Jürgen Schrempp ein Jahrzehnt später.

López – anders als die übrigen Namen in unserem Drama ist das kein Pseudonym – war Chefeinkäufer bei General Motors gewesen und wurde dann vom Volkswagen-Konzern abgeworben, um den für ihn eingerichteten Bereich „Produktionsoptimierung und Beschaffung“ zu leiten. Bei seinem Umzug von Detroit nach Wolfsburg hatte er ein Paar Kartons sensibler Unterlagen von GM mitgenommen. Dieser Fauxpas flog später auf und sorgte für viel negative Publicity um seine Person. Für VW bedeutete die kleine Unkorrektheit eine Zahlung von 100 Millionen Dollar Wiedergutmachung an GM. Es gab dann noch eine weitere Fehlleistung von ihm, die dazu führte, dass sein Stern noch tiefer sank und dass bei seiner Erwähnung die Augenbrauen hochgingen.

López war dadurch berühmt geworden, dass er die Kostenrechnung auf den Kopf gestellt hatte. Statt die Einzelposten zu addieren, die bei der Herstellung eines Fahrzeuges anfielen, und daraus dann einen profitablen Verkaufspreis zu kalkulieren, ging er den umgekehrten Weg. Er nahm den erzielbaren Marktpreis seines Produktes, zog davon den gewünschten Gewinn und die internen Kosten ab und verteilte den Rest unter den Zulieferern. Statt Angebote einzuholen, gab er seinen Lieferanten die Preise vor.

Diese lagen für die Zulieferer an der Schmerzgrenze oder noch niedriger. Die Situation war „friss Vogel oder stirb“. Lieferanten mussten ihrerseits die Kosten senken, etwa durch Entlassungen und durch Verkürzung des Entwicklungsprozesses. Die Folge waren Qualitätsmängel an den Komponenten, die zwangsweise zu Problemen mit den ausgelieferten Fahrzeugen führten. Das war ein hoher Preis für die erzielten Einsparungen beim Einkauf. Das gnadenlose Nullsummenspiel hatte letztlich nur Verlierer hervorgebracht.

So mancher Auftragnehmer hatte sich bei dem Spiel verrechnet, sodass ihn die gnadenlos niedrigen Preise in Cashflow-Probleme trieben und er schließlich nicht mehr liefern konnte. Um in solchen Fällen die Versorgung mit Teilen dennoch zu sichern, hatte der Konzern Rückstellungen gemacht, aus denen dem leidenden Lieferanten eine „Bluttransfusion“ gegeben werden konnte, gerade genug, um den aktuellen Auftrag zu erfüllen.

Der ganze „López-Effekt“ war offensichtlich kein Patentrezept, auf jeden Fall brachte er keinen nachhaltigen Nutzen. Dennoch hat die gesamte Kfz-Industrie das Prinzip übernommen, wenn auch in abgeschwächter Form: Man ließ die Lieferanten jetzt nur noch hungern, nicht mehr verhungern.

So hat auch unser Siegfried seinen Auftrag mit festen Preisen serviert bekommen. Es waren dreißig verschiedene Teile für den Innenraum des neuen 3er BMW in relativ niedrigen Stückzahlen: Türverkleidungen, Armaturenbrett und Ähnliches. Das ist genau der Typ von Auftrag, den ein großer Hersteller nicht mag und nicht kann. Dessen Organisation und die Maschinen sind dafür ausgelegt, Teile mit hoher Taktzahl in großen Mengen auszuwerfen. Der Anlauf für eine neue Komponente ist in so einem großen Laden mit viel Overhead verbunden. Hier braucht man hohe Stückzahlen, um die notwendige „Economy of Scale“ zu erreichen.

Das war bei Siegfried anders, da gab es wenig Overhead, man wirtschaftete auf Zuruf. Er traute sich zu, den Auftrag mit all seinen Bedingungen zu erfüllen und dabei Gewinn zu machen.

Es gibt noch einen weiteren Punkt bei dieser Akquise, der nicht unterschätzt werden darf: Siegfried war mit enormer Durchsetzungsfähigkeit, gepaart mit einem gewissen Charisma ausgestattet – weniger das Charisma eines Robert Redford, eher das von Bud Spencer. Damit gelang es ihm in entscheidenden Situationen, Menschen für sich zu gewinnen, vielleicht auch den Einkäufer von BMW. Wie auch immer, Siegfried war der goldene Schuss gelungen: Er hatte einen richtigen Großauftrag.

Was er nicht hatte, war das Geld für den notwendigen Ausbau der Firma, für neue Hallen und neue Maschinen.


Und hier bekommen Sie den kompletten Roman 

 Like 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s