DIE DIGITALE NABELSCHNUR — thinkagain

Bild: Lili Covac / unsplash

DIE DIGITALE NABELSCHNUR

Früher gab es diesen segensreichen Moment, der jede Reise zum existenziellen Erlebnis machte; früher gab es den Abschied, der uns frei in die Welt entließ. Den hat uns der Fortschritt gestohlen. Jetzt hängen wir immer und überall an einer digitalen Nabelschnur.


Als ich Anfang Zwanzig war freundete ich mich mit einer Familie an, die auf ihrer Europa-Tour durch München gekommen war. Bei der Abfahrt schlug man mir einen Gegenbesuch vor, was  angesichts der sympathischen Tochter eine ganz reizvolle Idee war. Ein paar Monate später schlachtete ich also mein Sparschwein und machte mich auf die Reise.  Über Luxemburg ging es nach New York, nach Miami und schließlich nach El Salvador in Mittelamerika, der Heimat meiner Gastgeber.

Am Sonntag Hinrichtung

Ich fühlte mich dort allerdings nicht wohl, und als ich erfuhr, dass für Sonntag der Besuch einer öffentlichen Hinrichtung geplant war, da beschloss ich, das Land mit dem nächst möglichen Flug zu verlassen.  Der ging dann zufällig nach Mexiko City. Dort angekommen erwarb ich ein Buch mit dem Titel  „Mexico on $5 a Day“. Das war kein leeres Versprechen und mit hundert Dollar in der Tasche verbrachte ich noch drei Wochen in dem faszinierenden Land.

Während dieser Zeit hatte ich keinerlei Kontakt mit zu Hause, kein Brief, kein Telefonat und keine Flaschenpost. Es waren die Sechziger Jahre, und Reisen war damals noch ein existentielles Erlebnis. Ab dem Moment, wo man von der Startbahn abhob, gab es nur noch das Flugzeug und vor sich das fremde Land, sonst nichts.

Das ist heute anders. Noch vom Flieger aus telefonieren wir mit Freunden und teilen Selfies, und  nach der Ladung erst recht.  Wir sind dann überall und nirgendwo zugleich. Wir sind in Neverland. Wir stehen vor dem Taj Mahal, und Facebook erinnert uns an den Geburtstag dieses idiotischen Freundes, den wir längst vergessen hatten; und während die Mariachi am Strand von Acapulco  „La Paloma“ spielen, ist die Nachbarin aus Gelsenkirchen am Handy, um uns mitzuteilen, dass das Licht in der Garage noch brennt – und ob das so sein soll.

Man geht zwar  mit dem Körper auf Reisen, aber der Geist ist nur halb dabei. Unsere Aufmerksamkeit gilt nach wie vor dem vertrauten 6-Zoll Display unseres Smartphones, diesem Schwimmreifen für die Seele, die sich nicht traut, voll und ganz in die fremde Welt einzutauchen.

Wie der Vogel Phönix

Früher aber gab es noch diese segensreiche Gabe, die uns der Fortschritt gestohlen hat. Früher gab es noch den Abschied. Es gab diesen kleinen Tod den man stirbt, wenn man Freunde, Familie und das Land hinter sich lässt. Und dieser kleine Tod ist es, der dann an neuen Ufern ein Leben im neuen Hier und Jetzt möglich macht. Wie der Vogel Phönix, so geht die Seele beim letzten Adieu am Airport in Flammen auf, um sich bei der Ankunft an neuen Gestaden gestärkt aus der Asche zu erheben. Man fühlte sich damals wie Hans Albers:

Mich trägt die Sehnsucht fort in die blaue Ferne,
Unter mir Meer und über mir Nacht und Sterne
Vor mir die Welt – so treibt mich der Wind des Lebens.
Wein’ nicht, mein Kind, die Tränen, die sind vergebens.

Diese Freiheit, diese Entbindung vom Alltag gibt es leider nicht mehr.  Heute hängen wir immer und überall an dieser verdammten digitalen Nabelschnur – weil es Gewohnheit ist und weil wir all das Fremde dann weniger konfrontieren müssen. Aber wer sich nicht abnabelt, der wird für immer unmündig bleiben.

Sie haben sicher bemerkt, dass es auf der Reise durchs Leben nicht anders ist. Auch hier ziehen wir unsere Nabelschnur auf Schritt und Tritt hinter uns her. Noch ist das freiwillig, aber bald wird man uns dazu zwingen. Dann hängen wir alle, wie ein Heer von Millionen Embryonen, an der staatlichen Plazenta.

Das wäre nicht meine Welt.


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