Die Sicherheit im Land — clubderklarenworte

Gerne Hannah Arendt als Beifahrerin.

Guten Tag, liebe Leserin,
guten Tag, lieber Leser.

Kann man an einem Papierkorb den Zustand einer ganzen Gesellschaft ablesen? Man kann. Ein unschuldiger Papierkorb, der seinen stillen Dienst unter einem Handwaschbecken im WC eines Bürohauses in München-Grünwald verrichtet, erzählt mehr über den Zustand der deutschen Gesellschaft als jede feuilletonistische Feder in taz oder FAZ. 

Der Papierkorb und ich, wir kennen uns flüchtig. Er fristet schräg über den Gang von meinem Büro, hinter einer Tür, sein dienstbares Dasein. Selten würdige ich ihn eines Blickes, was an meiner routinierten Handbewegung liegen mag, mit der ich mit einer gewissen Geschäftigkeit normalerweise die rauen, saugstarken Papiertücher als Knäuel über ihm der Schwerkraft überlasse. Er fängt sie geräuschlos und professionell auf. Er und ich, wir sind ein eingespieltes Team. 

Letzten Freitag war alles anders. Mein Füller hatte wieder seine inkontinenten Minuten, ich war blau. Wie damals, als ich noch mit Geha schrieb. Dem roten natürlich.* Mein an der Innenseite königsblauer Mittelfinger vom leckenden Schreibgerät der Schweizer Richemont-Gruppe führte mich also zum Handwaschbecken. Und gerade als ich nach Reinigung das Papier dem freien Fall überlassen wollte, sah ich ganz Deutschland in a nutshell.

Auf der Innenseite am oberen Rand des Papierkorbes! – Sie glauben mir nicht? Bitte!

Vermutlich glotzte ich schon lange nicht mehr so dämlich aus meiner Wäsche. Ich denke, an die fünf Minuten starrte ich verstört an des Korbes Rand, nahm ihn hoch, schaute und las immer wieder. Es ging nicht weg. Schließlich machte ich ein Smartphonefoto. Was man halt so macht, um skurrile Moment festzuhalten.

Dort am Innenrand klebte jetzt eine Prüfplakette – so nennt man das wohl –, die den Papierkorb ab sofort als Sicherheitspapierkorb auswies. Direkt neben einer TÜV-Plakette. 

Ich bitte Sie! Ein Papierkorb! Safe!

Ich erinnerte mich, vor wenigen Tagen einen adipösen Ingenieur unter jeden Bürotisch kriechen gesehen zu haben, um dort alle Stecker, Ladegeräte, Kaffeemaschinenkabel, Stehlampen, Mehrfachsteckdosen und sonstigen Elektrokram einem Sicherheitscheck zu unterziehen. „Kaskadierungen“ bei Mehrfachsteckdosen seien sehr gefährlich, glaubte ich den armen Mann murmeln gehört zu haben. (Jedenfalls hatte ich in diesen Tagen in der Nacht gar mal von „Kaskadierungen“ geträumt.) Es war wohl jener gut ausgebildete, hoch qualifizierte, kurz vor der Verrentung stehende Gutachter, der auch den Papierkorb als „safe“ klassifizierte. 

„Sicheres, aber armes Deutschland!“, dachte ich mir. Eine Gesellschaft, in der Menschen ihr Brot damit verdienen, Papierkörbe mit Sicherheitsplaketten zu versehen, zu überprüfen, ob der Korb nächstes Jahr auch noch sicher ist, um ihn dann erneut zu zertifizieren, zeugt von Völlerei an sinnentleertem Tun. Noch schwerer wog für mich die Ernsthaftigkeit, mit der ein Papierkorb in Deutschland als „safe“ qualifiziert wird.

Aber was kann ich auch von einer Vollkaskogesellschaft an Mut und Lebenshunger erwarten, wenn allabendlich die TV-Erzählung vom drohenden Virentod frei Haus geliefert und mit dem apodiktischen #wirbleibenzuhause an der Bildschirmkante paralysiert aufgesogen wird? Wohl nicht mehr als zähneklappernden Dumpfsinn jener, die seit den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts ihr Leben rund um Safer Sex und heute um Sicherheitspapierkörbe organisieren.

Ich denke mir, wir haben es nicht anders verdient. Wir leben in einer Egalität von Niveau und Geist, in der alles, was menschliche Größe ausmacht – Vornehmheit, Würde, Standhaftigkeit oder eine Art „lachender Mut“, wie Hannah Arendt es mal formulierte –, eingetauscht wurde gegen Joko und Klaas. 

Nur noch eine Umdrehung weiter und uns wird empfohlen, sich operativ die Mund-Nase-Bedeckung anflanschen zu lassen. Für ein langes Leben und die Moral, die anderen zu schützen. Safe! „Das sind nun mal die Regeln“ wird es dann heißen.

In ihrem Text „Über das Böse“ schreibt Arendt treffend, „daß die Anrufung von moralischen Prinzipien in Angelegenheiten des alltäglichen Verhaltens gewöhnlich ein Schwindel ist“. Schwindelige Zeitgenossen mit ihren Schwindelmaschinen haben derzeit Hochkonjunktur. 

In der Causa Ukraine scheint diese Maschinerie auf Hochtouren zu laufen, oder wie soll man diesen Artikel von der Bundeszentrale für politische Aufklärung bewerten? Vor gerade mal zwei Jahren veröffentlicht. Den alten Medien passt er nicht in ihr Drehbuch. 

Auch dieser hier nicht.

Irre. Safe! 
Vielleicht sitzt Olaf ja in diesen Stunden über diesen öffentlichen Quellen, kratzt sich am Hinterkopf und denkt sich „Heilige Scheiße!“. Es würde vielleicht erklären, warum er gerade relativ selten zu hören ist.

Apropos relativ! Es gibt eine neue Kolumne von Peter Löcke, die ich Ihnen sehr empfehle. 

In der Mediathek finden Sie jetzt zwei wertvolle Dokumentationen: Teil 2 der „Hamburg Story“ und „The Spirit of Liberation“, die beeindruckende Dokumentation von Konstantin von zur Mühlen zur Geschichte der Befreiung Europas. 1944/45 in Originalfarbe, mit zeitgenössischen Aussagen, Zitaten, Karten etc. Sie sehen den Untergang des Dritten Reiches, das letzte Kriegsjahr und die Befreiung Europas vom Naziregime so anschaulich wie nie zuvor. Erschütternde Bilder, sorgfältig dokumentiert von den mutigsten Kameramännern ihrer Zeit und einmalig bearbeitet. In aller Bescheidenheit, man muss sie gesehen haben. „Der Geist der Befreiung“ wurde erstmals auf dem DOK.fest München (gefördert vom Freistaat Bayern und der Landeshauptstadt) 2017 gezeigt.

Wagen Sie unbedingt auch auch, mit Antje Maly-Samiralow und ihren zwei Gästen im Salon mitzudenken.

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in eine neue Woche, hier im Handwaschbecken-Sicherheits-Papierkörbe-Land.

Und ja, das Leben ist gefährlich. Sie wissen, wie es endet.

Ihr 
Markus Langemann

* Ja, ich war von der Geha-Fraktion, dem Pelikan strategisch überlegen, da doppelseitig nutzbare Tintenpatrone, mit Sichtfenster und natürlich Reservetank. Aber davon andermal mehr.

PS: Sollten Sie  ein Feedback-Zucken in den Fingern verspüren, oder Anregungen senden wollen, Schreiben Sie mir gerne hier.

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