Notruf im Schweinestall — foodwatch

Tierärzte schlagen seit Jahren Alarm: Millionen von Tieren leiden in Ställen und niemand hilft ihnen. Jetzt will Agrarminister Cem Özdemir mit einem neuen Label Abhilfe schaffen. Lesen Sie hier, warum diese Tierhaltungs-Kennzeichnung in die Irre führt – und was wir jetzt tun können, um uns für die Tiergesundheit einzusetzen.


Hallo

es ist heiß und stickig. Aus den Betonspalten im Boden steigen beißende Dämpfe in die Lungen. Dicht gedrängt stehen in Deutschland über 22 Millionen [1] Schweine in ihren Boxen. Die Tiere beißen sich gegenseitig in ihre Ohren und Schwänze. Viele haben Abszesse und offene Wunden. Fast 40 Prozent leiden an entzündeten Organen und Gelenken [2]. Die Zustände in der Tierhaltung sind katastrophal [3]. Doch anstatt die Qual im Stall konkret anzugehen, nähren Handel und Politik seit Jahren eine große Illusion: Hätten die Tiere nur mehr Platz oder frische Luft, würden wir alle nur etwas mehr fürs Fleisch bezahlen – den Tieren ginge es direkt besser. So jetzt auch Agrarminister Cem Özdemir. Sein Plan gegen das Tierleid: Verbraucher:innen sollen künftig auf der Packung erkennen können, wie Schweine gehalten werden. Fünf Haltungsstufen sollen uns helfen, Qualfleisch beim Einkauf zu meiden. Später soll das auch für Hühner, Rinder und andere Tiere gelten. 

Nur: Ein solches Tierhaltungslabel führt in die Irre. Was die wenigsten wissen: Tiere in allen Haltungsformen leiden. So fanden Forscher:innen in Dänemark Krankheiten bei rund 30 Prozent der untersuchten Schweine – in biologischer wie konventioneller Haltung gleichermaßen [4]. Und jüngst zeigten 97 Prozent (!) der untersuchten Schweizer Legehennen Anzeichen gebrochener Brustbeine [5]. Das Problem plagt alle Haltungsformen.

Foodwatch setzt sich seit Jahren für mehr Tiergesundheit ein. Jetzt sehen wir die große Gefahr: Dass das neue Tierhaltungs-Label sogar schadet. Weil es den Anschein erweckt, allein ein etwas größerer Stall würde den Tieren helfen. Und dann echte Anstrengungen ausbleiben, die Tiergesundheit zu verbessern.

Daher planen wir in den nächsten Monaten eine große Informationskampagne. Mit einem Report zur Tiergesundheit, einem Erklärfilm, Infografiken in den sozialen Medien. Damit wir die Sache richtig groß aufziehen können, bitten wir Sie heute um Ihre Mithilfe. Werden Sie foodwatch-Mitglied! 

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Mal ehrlich, das soll helfen? Ein Mastschwein lebt momentan auf einem halben bis einem Quadratmeter [6]. Die Haltungsstufe 2 im neuen Tierhaltungslabel garantiert nun 20 Prozent mehr – also max. 20 Quadratzentimeter mehr Platz. Ab Stufe 3 steigt der Platzbonus auf (absurd genaue) 46 Prozent – dazu kommen Frischluft und Kontakt zur Außenwelt. Minimale Verbesserungen, die es schwer machen, überhaupt von Tierschutz zu sprechen.

Das Gravierendste aber ist: Ob die Tiere gesund sind oder nicht, hängt von ganz anderen Faktoren ab. Bei Schweinen stimmt zum Beispiel oft die Nährstoffversorgung nicht. Vielen Legehennen saugt die Hochleistungs-Eierproduktion das Kalzium aus den Knochen – die dann leichter brechen.

Wie wir das ändern können, haben wir in den letzten Monaten zusammen mit führenden Tierärzt:innen entwickelt – ein Plan für eine umfassende Gesundheitsüberwachung in der Tierhaltung. Denn eigentlich liegen viele wichtige Daten schon vor: So untersuchen Schlachthäuser die Tierkadaver nach Krankheitsanzeichen. Molkereien analysieren Milch auf Entzündungsstoffe. Diese Spuren ließen sich bis zum einzelnen Betrieb zurückverfolgen.

Würde man diese Daten systematisch sammeln, ergänzen und nutzen, könnte man jene Betriebe schnell ausfindig machen, in denen die Tiere besonders leiden. Und die Landwirte erst schulen und unterstützen. Wenn dann keine Besserung eintritt, muss ein Qualbetrieb schließen. Den kranken Tieren wäre viel mehr geholfen als mit einem einfachen Label auf der Fleischverpackung.

Diesen Plan wollen wir in den nächsten Monaten bekannt machen – in Gesprächen mit der Politik; mit einem großen Report, über den die Medien berichten; einem Erklärfilm, der in den sozialen Medien herumgereicht wird. Bitte helfen Sie mit, unseren Plan für die Tiergesundheit bekannt zu machen. Unterstützen Sie die Tiergesundheit als foodwatch-Fördermitglied.

Wenn Sie jetzt foodwatch-Mitglied werden, schenken wir Ihnen zum Dank ein Exemplar des Bestsellers „Das Schweinesystem“ meines Kollegen Matthias Wolfschmidt. Der gelernte Veterinär zeigt auf, wie Tiere gequält, Bauern in den Ruin getrieben und Verbraucher getäuscht werden.

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Vielen Dank für Ihre Unterstützung!
Herzliche Grüße
 Ihre Annemarie Botzki
Campaignerin für Tierhaltung und Landwirtschaft


P.S.: Tierschutz ist in der Verfassung verankertes Staatsziel. Die Politik darf die Verantwortung nicht mit einem Tierhaltungslabel auf uns Verbraucher:innen abwälzen. Der Staat muss jetzt systematisch die Tiergesundheit kontrollieren und das Leid im Stall beenden. Bitte setzen Sie sich gemeinsam mit uns dafür ein. 
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Quellen:
[1] htt‍ps:/‍/w‍ww.zdf.‍de/nachrichten/wirtschaft/‍schweine-agrar-landwirtschaft-bestand-statistik-100.h‍tml
[2] Vion Schlachthofdaten: htt‍ps:/‍/w‍ww.vion-transparency.c‍om/‍wp-content/uploads/sites/‍10/2022/05/221040_VIO_CAM_Keuringsresultaten-DE-Varken-Organbefunde-Q1-2022-V1-1920×791.j‍pg
[3] In Deutschland verenden jährlich etwa 13,6 Mio Schweine. Die schockierende Studie der Tierärztlichen Hochschule Hannover zeigt, dass viele längere Zeit vor ihrem Tod mit „mit erheblichen Schmerzen und/oder Leiden“ lebten. 
htt‍p‍s:/‍‍/w‍‍ww.tiho-hannover‍.‍de/‍universitaet/‍aktuelles-veroeffentlichungen‍/‍pressemitteilungen/‍detail/‍untersuchungen-an‍-verendeten-getoeteten-schweinen-in-verarbeitungsbetrieben-fuer-tierische-nebenprodukte
[4] htt‍ps:/‍/‍pubmed.ncbi.nlm.nih.‍gov/‍28671066/
[5] htt‍ps:/‍/w‍ww.watson.‍ch/‍schweiz/wissen/651338063-schock-studie-der-uni-bern-97-prozent‍-aller-legehennen-haben-gebrochene-knochen
[6] ht‍tps:/‍/w‍ww.‍gesetze-im-internet.‍de/tierschnutztv/TierSchNutztV.‍p‍df 
Impressum
Herausgeber: foodwatch e.V., Brunnenstr. 181, 10119 Berlin, Deutschland
E-Mail: aktuell@foodwatch.de
Info-Telefon: 030 – 28 09 39 95
foodwatch ist ein eingetragener Verein mit Sitz in Berlin, VR 21908 B, AG Charlottenburg, Geschäftsführer sind Dr. Chris Methmann und Jörg Rohwedder.

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