Von Buback heute lernen. — clubderklarenworte

Guten Tag, liebe Leserin,
guten Tag, lieber Leser.

Einige unter Ihnen erinnern sich, vermutlich noch aus den Tagen ihrer Jugend, an den sogenannten Deutschen Herbst. Oft auch mit der Metapher „heißer Herbst“ umschrieben. Es waren im Kern die Monate September und Oktober im Jahr 1977. Die Zeit der RAF-Morde. Die Zeit des Terrors im Land. In jeder Bäckerei, Metzgerei und Schule hingen in jener Zeit die Fahndungsplakate mit den Schwarz-Weiß-Fotos der terrorisierenden Menschen, die den Staat durch Anschläge, Entführungen und Ermordungen von Politikern und Wirtschaftsführern zu destabilisieren versuchten. Eine kleine Gruppe. Sie kam ziemlich weit.

Das gesellschaftliche Klima jener Tage war beklemmend. Sogar ich als Kind spürte eine unterschwellige Bedrohung. Begegnete ich unaufgeräumt aussehenden Männern mit verstrubbelten Haaren in Dämmerstunden, hielt ich sie für potenzielle Terroristen. Und auch Frauen, die nicht dem Otto-Katalog-Klischee entsprachen, machten sich in meiner juvenilen Fantasie verdächtig, Killerbräute zu sein. Die allgegenwärtigen Fahndungsplakate mit den Gesetzlosen waren dafür verantwortlich. Sie standen im irritierenden Gegensatz zur fröhlichen Prilblumen-und-Bud-Spencer-Bundesrepublik mit Rudi Carrell als  holländischem Käseigel-Pausenclown. 

Hanns Martin Schleyer, die Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ oder die Namen Baader, Meinhof und Ensslin sind seit dieser Zeit in das kollektive Gedächtnis meiner Generation eingebrannt. Ebenso Stammheim, Ort der Selbstmorde der inhaftierten Mitglieder der ersten Generation der sogenannten Roten Armee Fraktion. Irmgard Möller, die einzige Überlebende der Selbstmordnacht am 18. Oktober 77, spricht heute von staatlich angeordneten Morden. 

Am Gründonnerstag 1977 wurde Generalbundesanwalt Siegfried Buback von zwei Personen der zweiten RAF-Generation von einem Motorrad aus in Karlsruhe in seinem Dienstwagen hingerichtet. Mit ihm starben sein Fahrer Wolfgang Göbel und der Justizbeamte Georg Wurster.

Exakt 30 Jahre später wird seinem Sohn Michael Buback zugetragen, dass nicht die wirklichen Attentäter verurteilt wurden. Der Sohn des ermordeten Generalbundesanwalts beginnt zu recherchieren, gemeinsam mit seiner Frau. 

Michael Buback, Hochschullehrer in Göttingen, Professor für Chemie, schreibt schließlich sein erstes Buch mit den Rechercheergebnissen.

Das zweite, mit dem Titel „Der General muss weg!“ (gemeint ist der Generalbundesanwalt, sein Vater), ist 2020 erschienen. „Es ist das erschütternde Protokoll der Verhandlungen“ heißt es schon im Klappentext. Wer das Werk liest, kommt an der beklemmenden Frage nicht vorbei: „Wie weit geht der Staat in der Verteidigung seiner Interessen?“ Wohlgemerkt seiner, nicht jener seiner Bürger. 

Eine Frage von großer Aktualität. 

Wer Buback heute liest, kommt nicht umhin, den Blick auf die Ereignisse jenes Herbstes neu zu justieren und das über die Medien verbreitete Bild der damaligen Ereignisse zumindest zu hinterfragen. 

Das Hinterfragen ist den aufgeweckten (vielleicht besser: aufgewachten) Zeitgenossen spätestens seit Beginn des Coronakomplexes ein neuer Kompass durch die aktuelle Zeit.

So hält Michael Buback gleich auf den ersten Seiten über seinen Vater und die Aufgaben eines Generalbundesanwalts fest:

„Die Vorsätze, nach denen mein Vater das Amt des Generalbundesanwalts gerne hätte ausüben wollen, waren für einen weisungsgebundenen politischen Beamten sicherlich nicht umsetzbar. Dennoch nahm er die Aufgabe an. Der Gestaltungsrahmen war dann kleiner und das Ausmaß der Gegenkräfte, die aus oft schwer zu ortender Richtung auf ihn einwirken und ihn bedrohen würden, größer, als er es wohl vermutet hatte.“

Der Passus stehe beispielhaft für viele weitere bemerkenswerte Sätze, die Sie zur Einordnung des Herbstes 2020 kennen sollten; ich denke, sie haben eine Wirkmächtigkeit, die über den RAF-Fall Buback hinausgehen. 

Was er über die „Wahrheit“ und die „Medienwahrheit“ jenes heißen Herbstes 77 erläutert, findet ein Echo in diesem politisch heißen Herbst 2020. Ein Herbst, in dem sich Menschen ebenfalls terrorisiert fühlen. Nicht wenige von ihrem eigenen Staat bzw. dessen Organen oder seinen gewählten Volksvertretern.

Buback ordnet im Werk ein:

„Mit dem Wissen, das meine Frau und ich im Prozess über die Justiz, die Ermittler, die Einwirkung staatlicher Stellen und über die Medien erworben haben, vermag ich nicht widerspruchslos das hinzunehmen, was als ,Wahrheit‘ über das Karlsruher Verbrechen und die Attentäter verbreitet wird. Die Wahrheit der Politiker hören wir in offiziellen Erklärungen und die juristische Wahrheit lesen wir in rechtskräftigen Urteilen. Die in den Medien verbreitete Wahrheit bewegt sich meist im engen Bereich zwischen diesen ,Wahrheiten‘. Als Opferangehöriger, aber auch als Naturwissenschaftler bin ich ausschließlich an der Wahrheit interessiert, die nicht vom speziellen Blickwinkel und der jeweiligen Interessenlage abhängt und die alle verlässlichen Beobachtungen und Sachbelege berücksichtigt.“

Und weiter: 

„Entscheidend für eine erfolgreiche Verbrechensbekämpfung bleiben jedoch Einfallsreichtum und Hingabe, Mut, Besonnenheit, Standfestigkeit und Idealismus der Männer und Frauen in allen Ebenen dieses Bereichs, die obendrein noch die Kraft besitzen müssen, Anfeindungen und Drohungen der verschiedensten Art zu ertragen, und sich durch das Ausbleiben der öffentlichen Anerkennung zu ihren für uns alle lebenswichtigen Aktivitäten nicht lähmen lassen.“

Vor einigen Wochen habe ich Dr. Hans-Georg Maaßen, gleichfalls ein hoher ehemaligen politischer Beamter, in einem Interview zu seiner Einschätzung zum Ermittlungsprozedere nach den Terroranschlägen auf die Nordstream-Pipelines gefragt. Der Ex-Verfassungsschutzpräsident sieht den Generalbundesanwalt in der Verantwortung, ein Ermittlungsverfahren einzuleiten. Ein kriminalistisches Verfahren.

Nach meiner Wahrnehmung liest, hört und sieht man von den Ermittlungen nach den Terroranschlägen auf unsere „Wirtschafts-Aorta“ weniger als über die Rückkehr von Dieter Bohlen zu DSDS. Das ist nicht nur dumm, es ist auch erschütternd und gibt einen Blick frei auf die intellektuelle Deformation der Medienschaffenden.

Ferner lässt sich nach den Sätzen von Michael Buback erahnen, unter welchem möglichen politischen Druck ein Generalbundesanwalt oder auch Chefs von Diensten stehen. Was für die Zeit damals galt und heute von Buback beschrieben wird, wirkt unter den aktuellen medialen und politischen Bedingungen und der fast körperlich spürbaren Erosion an Substanz und Kompetenz noch größer (oder vielleicht besser: zwangsläufiger).

Heute Buback zuzuhören heißt aus dem Gestern für das Heute sehen lernen. Aus der Geschichte lernen wir für unsere Zukunft – (?) Vermutlich behält der Stuttgarter Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) recht: „Was die Erfahrung aber und die Geschichte lehren, ist dieses, daß Völker und Regierungen niemals etwas aus der Geschichte gelernt und nach Lehren, die aus derselben zu ziehen gewesen wären, gehandelt haben.“

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in die neue Woche.

Ihr

Markus Langemann

 

PS: Ich trage immer häufiger meine Kopfhörer. Nicht damit die Musik laut ist, sondern damit die dummen Menschen leise sind.

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