DAS TAGEBUCH EINES MAGIERS — thinkagain

published 05.11.2022

Bild: Loris Marie / unsplash

Vor Kurzem erwiderte der deutsche Wirtschaftsminister auf die Frage Sandra Maischbergers, ob er zum Ende des Winters mit einer Insolvenzwelle rechnete:  „Nein, das tue ich nicht. Ich kann mir vorstellen, dass bestimmte Branchen einfach erstmal aufhören, zu produzieren.” Diese Antwort war überraschend, und sie gab auch Anlass zur Sorge.


Panzer vor Waterloo

Seine Parteigenossin Annalena, die von Panzerschlachten des 19. Jahrhunderts sprach, hatte uns ja bereits eine Kostprobe von der Allgemeinbildung grüner Minister gegönnt. Und wenn schon die Chefin des Außenministeriums wenig von europäischer Geschichte weiß, könnte es dann sein, dass für Herrn Habeck die Betriebswirtschaft ein Buch mit sieben Siegeln ist?

Natürlich sprangen sofort sachkundige Sekundanten ein, um die peinliche Äußerung nachträglich als klug und staatsmännisch zu interpretieren. Darauf möchte ich nicht eingehen; allerdings möchte ich feststellen, dass es durchaus üblich ist, dass Firmen insolvent werden, wenn sie aufhören zu produzieren.

Zu diesem Thema habe ich sogar ein Buch geschrieben, bzw. über einen außergewöhnlichen Mann, der Unternehmen in solchen Situationen zur Seite stand. Er, der „Magier“, hat Firmen vor dem Bankrott bewahrt und Unternehmer vor Gefängnis und Selbstmord – und er hat mir alles über seine aufreibende Arbeit und die unerwarteten Wandlungen an der eigenen Seele erzählt.

Hier ein Leserkommentar:

Das Buch ist so gut geschrieben, wie das Leben spielt. Es gibt Sachen, die man einfach nicht erfinden kann, weil sie viel zu komplex sind. Mich in der Ethik und Moral des Protagonisten wiederzufinden, hat mich sehr stark berührt und bewegt….Die Handreichung von Protagonist und Autor ist sehr gut gelungen und in jedem Fall hilfreich!


Und hier ein kurzer Auszug aus dem „Tagebuch eines Magiers“.

Stolz und Verzweiflung

Zweifel entstehen, wenn uns die Information fehlt, um eine gute Entscheidung zu treffen. Das kann dann ein Anlass sein, unsere Gedanken zu ordnen und unser Wissen zu erweitern. Zweifel sind nichts Schlechtes, so wie auch Hunger nichts Schlechtes ist. Er ist ein Impuls, der uns antreibt, Essbares zu finden. Zuviel Hunger allerdings kann dazu führen, dass wir verhungern, und zu viele Zweifel lassen uns verzweifeln.

Verzweiflung aber ist ein destruktiver Zustand, in dem wir überzeugt sind, dass es nicht an Wissen fehlt, um die beste Alternative zu wählen, sondern dass alle verfügbaren Alternativen ins Verderben führen. Unsere Situation erscheint ausweglos. In dieser Verfassung – egal ob sie auf objektiven Fakten basiert oder nur auf unseren Vorstellungen – setzt ein körperlicher und mentaler Verfall ein, der tödlich enden kann. Verzweiflung kann einen Menschen vernichten.

Ich hatte ihn kaum erkannt. Der einzelne Mann, der am Tisch in dem eleganten Restaurant saß, war mehr als ein Abbild der Hoffnungslosigkeit, er war deren Verkörperung. Der König war am Ende. All die Zweifel, die er bei der Übergabe des Unternehmens an den Prinzen hegte, hatten die vergangenen zwei Jahre an ihm gefressen. Die bösen Geister aus seinen schlimmsten Albträumen, sie waren jetzt gekommen, um bei ihm zu bleiben. Nur noch ein Wunder konnte ihn retten. So hatte er dann allen Stolz abgelegt und nach dem Magier gerufen – und ich war tatsächlich gekommen.

Hatte ich denn keinen Stolz? Schließlich hatte ich doch seine Firma, die Grillo GmbH, damals aus der Krise geholt, von einer instabilen „schwarzen Null“ hatte ich die Firma in die solide Gewinnzone geführt. Die Eigner waren zufrieden und die Banken auch. Hat man mir Dank gezeigt? Im Gegenteil: die Türe hat man mir gezeigt. Der Mohr hatte seine Schuldigkeit getan.

Wie also war es um meinen Stolz bestellt? Ich könnte jetzt eine einfache, praktische Antwort geben, mit der Sie, lieber Leser, vielleicht zufrieden wären, die Sie vielleicht sogar erwarten:

„In meiner Branche kann man es sich nicht leisten, Stolz zu zeigen. Das wäre höchst unprofessionell.“ Diese Darlegung ist mir aber zu oberflächlich. Ich gehe etwas mehr in die Tiefe.

Stolz ist das Schutzschild für unsere Lebenslügen. Welche Lebenslüge hätte ich vor Familie Grillo zu verbergen gehabt? Mir fällt keine ein, daher brauchte ich auch kein Schutzschild. Ich war nicht stolz, ich war nur meiner selbst sicher. Und so hatte ich keine Scheu vor dem König.

Der Offenbarungseid

Wir hatten für unser Treffen – unter vier Augen – eine Lokalität gewählt, wo wir beide anonym waren. Da saß er nun, der halbe König, den ich damals so oft bei seinen Streitereien, seinen Zweifeln, seinen feigen Kompromissen und kleinen Gaunereien beobachtet hatte, und er tat mir leid.

Der Hilferuf als solcher war ja schon die Einleitung zu seinem Offenbarungseid gewesen. Was er mir nun eröffnen würde, waren die Fakten: Die Firma stand vor dem Konkurs. Würde sie abgewickelt, dann müssten die Banken einen zweistelligen Millionenbetrag abschreiben.

Den Verlust der Firma – und die Sorgen der Bank –hätte der König noch verkraftet. Was er nicht wegstecken konnte, war die Tatsache, dass die Familie im Falle einer Insolvenz mit einer ähnlichen Summe in der Kreide stünde. Man schuldete der Firma, dank großzügiger Entnahmen, einen achtstelligen Betrag. Ein potenzieller Konkursverwalter würde sich natürlich früher oder später bei diesen Schuldnern des Objektes seiner Obhut melden.

Die Furcht, dass auch die Familie ruiniert wäre, so gestand mir der König, diese Sorge war stärker gewesen als sein Stolz. So hat er dann den Gang nach Canossa angetreten, um letzte Hilfe bei mir zu suchen. Anderenfalls hätte ich nie mehr von ihm gehört.

Bei der Gelegenheit ließ sich der König sogar zu einem verhaltenen Kompliment hinreißen: Er hätte mich ja über die Jahre kennengelernt und wüsste um meine Fähigkeiten und Begabungen.

Ich sagte meine Hilfe zu und betonte, dass Eile geboten sei.


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