FAUXPAS AUF JUAN FERNANDEZ — THINK AGAIN

published 21.01.2023

BILD: THOMAS PARK / unsplash

Heute geht es weder um Tagespolitik, noch um Klima oder Atome; es geht um eine amüsante diplomatische Episode, welche sich 2015 auf dem Robinson Crusoe Archipel  zutrug, im Südpazifik, 650 km vor der chilenischen Küste. Verursacht wurde sie letztlich durch meinen Freund Gerd, über dessen Leben ich gerade einen Roman verfasst habe. 


Zu Beginn des 20. Jahrhunderts standen Deutschland und Großbritannien im edlen Wettstreit, welches Land wohl die besten Kriegsschiffe mit den größten Kanonen hätte. Ein Kandidat bei dieser Konkurrenz war der deutsche leichte Kreuzer „Dresden“, der 1907 auf Kiel gelegt worden war. So wie die restliche Flotte zu der Zeit, so patrouillierte auch die Dresden auf den Weltmeeren, um Flagge zu zeigen.

Im Frühjahr 1915 pflügte sie die Wasser des Südpazifiks, und ihr Kapitän war sich durchaus der Tatsache bewusst, dass in Europa seit einem dreiviertel Jahr ein fürchterlicher Krieg tobte. Damit war die Dresden zum legitimen Ziel für die britische Marine geworden.

Das war eine sehr unangenehme Situation, denn das Schiff hatte technische Probleme und kaum noch Treibstoff an Bord. In dieser Situation suchte der Kapitän Schutz im Hafen von Juan Fernandez, der gerade noch erreichbar schien und aus mehreren Gründen attraktiv war. Man befand sich auf dem Hoheitsgebiet Chiles, und ein Angriff auf die Dresden wäre ein kriegerischer Akt gegenüber dem neutralen Land gewesen. Außerdem könnte man hier an den technischen Problemen arbeiten und an Land Holz fällen, um Treibstoff für die Dampfkessel zu bekommen.

Aber man hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die Briten spürten die Dresden in ihrem vermeintlichen Versteck auf und nahmen sie – Neutralität hin oder her – ganz einfach unter Feuer. In dieser aussichtslosen Lage entschied sich der Kapitän, die Mannschaft an Land zu schicken und das Schiff zu versenken.

Und so landeten ein paar Hundert, meist junge deutsche Männer auf chilenischem Boden, von denen einige den Entschluss fassten, dort zu bleiben. Manche von ihnen stießen auf heiratswillige Chileninnen, gründeten Familien und hatten Kinder und Enkelkinder. Unter letzteren war eine gewisse Melitha Krause, die Gerd bald nach seiner Ankunft in Chile kennengelernt hatte. Zu ihrer Familie entwickelte sich eine sehr enge und herzliche Freundschaft und eines ihrer Kinder ist Gerds Patensohn.

Als sich nun die kriegsrechtlich fragwürdige Versenkung der Dresden zum hundertsten Male jährte, da dachten die diplomatischen Vertreter von England und Deutschland, es sei ein guter Termin, um wieder einmal Flagge zu zeigen. Man konnte alte Feindschaften begraben oder versenken und man konnte feiern, dass solche Vorkommnisse im frühen einundzwanzigsten Jahrhundert undenkbar geworden sind.

Diese Feier sollte vor Ort stattfinden, und die chilenische Marine hatte dafür ihre freundliche Unterstützung zugesagt. Sie stellte für den Transport zur Insel und als Location für die Festlichkeiten eine Fregatte zur Verfügung. An Bord dieses Schiffes befanden sich dann die Würdenträger der beiden Botschaften, sowie geladene Gäste. Was wäre da näher gelegen, als eventuelle Nachkommen der damals gestrandeten deutschen Besatzungsmitglieder ebenfalls mit auf die Reise zu nehmen.

Sie ahnen es bereits, besagte Melitha Krause gehörte zu den Honoratioren, und ihr wurde angeboten, auf Wunsch Freunde mitzunehmen. Und sie ahnen auch das bereits: Melitha würde Maria Teresa und Gerd einladen.

Nach der morgendlichen Ankunft auf der Insel stellte Gerd wieder einmal fest, dass es langweilig sei, nur zu sitzen und auf den Beginn der Zeremonie zu warten. Er fragte einen Fischer, ob er eine Rundfahrt um die Insel machen könnte. Der aber sagte ihm, das sei gefährlich und verboten, also unmöglich. Gerd machte sich dann auf einen Spaziergang durchs Dorf und, siehe da, traf einen guten Freund, einen bekannten chilenischen Architekten. Dem erzählte er von seinem Problem mit dem Fischer, der keine Rundfahrt machen wollte.

Da war Gerd genau auf den Richtigen gestoßen. Der Mann bot an, ihn auf seiner Motoryacht um die Insel zu fahren. Er würde sein Schiff aus der Garage holen, dann an der Fregatte anlegen, um Gerd und Tere abzuholen. Gesagt, getan, und als die beiden dabei waren, über die Strickleiter hinunter in die Yacht zu klettern, da beugte sich jemand über die Reling und fragte, ob er eventuell auch mitkommen könnte. Es war niemand anderes als der deutsche Botschafter höchstpersönlich.

„Aber sehr gerne, es ist eine Ehre“, war die Antwort. Und so machte man sich auf die vierstündige Rundfahrt, die atemberaubend war – einerseits wegen der unerwarteten Tierwelt, andererseits wegen des Speeds, mit dem das luxuriöse Wasserfahrzeug über die Wellen glitt. Es war ein Erlebnis, das einen den Rest der Welt vergessen ließ. Und so hatte der Botschafter vergessen, dass nicht unweit, an Bord einer chilenischen Fregatte, die Botschafterin des vereinigten Königreichs auf ihn wartete, um gemeinsam mit ihm die Zeremonie zu eröffnen, derentwegen man hier war.

Soll man dem Botschafter nun einen Vorwurf machen? Immerhin hat er doch eindrucksvoll demonstriert, wie sich die Zeiten geändert haben. Dem Botschafter des deutschen Kaisers Wilhelm II. wäre das kaum passiert.


UND HIER EIN FREUNDLICHER GESCHENK-TIPP

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