DER ÄQUATOR UND DIE WELT DAHINTER — thinkagain

Bild: Brian Suman / unsplash

Während der Monate Februar, März und April bringt THINK-AGAIN.ORG Auszüge aus dem Roman „Stärker als das Schicksal“ über das Leben eines außergewöhnlichen Mannes.

Begleiten Sie unseren Helden weiter auf seinem Weg und seinem Lebensweg. Erfahren Sie, wie der dem Zorn des Vaters einer hübschen spanischen Señorita entkam und wie er in 3000 Meter Höhe im Schnee stecken blieb.


Äquatortaufe – und was dazu gehört

Sie erinnern sich an das Abeteuer im Hafen von Le Havre? Als unser Held und seine Kumpanen aus der Kneipe flüchteten? Danach machte man noch Station im spanischen Hafen von Vigo und später in Madeira. Dann ging es richtig los, auf lange Strecke über den Atlantik, wo man auf halbem Weg den Äquator kreuzen würde. Für das Schiff ist diese imaginäre Linie kein Ereignis, wohl aber für die Passagiere. Die müssen sich bei der Gelegenheit der Äquatortaufe unterziehen, einem Initiationsritual, welches den Reisenden auf die Unbilden der Südhalbkugel vorbereitet. Die Taufe erfolgt mit öligen, eher unangenehmen Flüssigkeiten, von denen der Täufling aber umgehend wieder gereinigt wird.

Das ist auf allen Schiffen üblich, nicht jedoch bei der Deutschen Marine. Die Äquatortaufe wurde dort 2011 verboten. Man wollte den Matrosen und Matrosinnen so etwas nicht mehr zumuten. Bis dahin wurde noch getauft, aber „nur Freiwillige, unter Achtung der Menschenwürde und unter Aufsicht des Schiffsarztes“. Hoffentlich werden diese Bedingungen auch erfüllt sein, wenn eines Tages panzerbrechende Luft-See-Raketen auf einer deutschen Fregatte einschlagen.

Auf der Lumière wurde natürlich getauft, und, noch wichtiger, es gab den dazugehörigen abendlichen Ball. Da ist dann allerdings die geeignete Partnerin wichtig, und um die war Gerd nicht verlegen. An den vielen Tagen mit dem Auf und Ab der Wellen hatte sich eine unschuldige, romantische Beziehung zu einer hübschen jungen Spanierin entwickelt. Mit ihr also tanzte er ganz arglos durch die Nacht und hinüber auf die südliche Halbkugel.

Das war vor über 60 Jahren, und nach spanischen Gebräuchen war damals die Demonstration offensichtlicher Zuneigung zwischen zwei Menschen im heiratsfähigen Alter keine so einfache Sache. In den Augen ihres Vaters war Gerd eine weitergehende Verpflichtung eingegangen. Das kam ganz dramatisch zum Ausdruck, als die Lumière im Hafen von Santos anlegte, wo die Familie das Schiff verlassen würde, um in Brasilien ein neues Leben zu beginnen.

Für den Vater war es ein Fait accompli, dass Gerd als Schwiegersohn in spe mitkäme. Da hatte er sich aber gründlich verrechnet, und da er Gerds nicht körperlich habhaft werden konnte, so schleuderte er ihm wenigsten einen Fluch nach, wie es Graf Monterone, der Vater des entehrten Mädchens in Verdis Oper Rigoletto, nicht besser hätte machen können.

Anders als Monterones Verwünschung für Rigoletto hatte der Fluch des Spaniers keine Folgen für unseren Gerd. Zumindest keine schwerwiegenden. Man raubte ihm zwar noch die eine oder andere Habseligkeit, aber er erreichte dann doch noch wohlbehalten den Hafen von Buenos Aires und dort den Zug nach Santiago.

Hungrig auf langer Strecke

Die Fahrkarte für den Zug hatte er von der deutschen Regierung bekommen, allerdings war, anders als auf dem Schiff, keine Verpflegung inbegriffen. Aber wieder fädelte die Schicksalsgöttin etwas für ihn ein. Gerd lernte im Speisewagen einen rumänischen Reisenden kennen, mit dem er sich zwar nicht unterhalten konnte, er würde jedoch mit ihm Schach spielen. Und offensichtlich empfand der Fremde unseren Freund so angenehm, dass er auf seine Gesellschaft nicht verzichten wollte und ihn allabendlich zum Dinner einlud.

Es gibt so viele dieser glücklichen und wichtigen Zufälle in Gerds Leben, sodass man sich fragen muss, ob tatsächlich die viel zitierte Schicksalsgöttin dahintersteckt, oder ob Gerd einfach die Chancen, die das Universum jedem anbietet, besser erkennt und schneller ergreift als andere. Auf jeden Fall hat er einen guten Draht zu Kairos, dem jüngsten Sohn des griechischen Gottvaters Zeus. Kairos ist der Gott des rechten Augenblicks. Er wird als Jüngling auf galoppierendem Pferd dargestellt, mit kräftiger Stirnlocke und Glatze am Hinterkopf. Wenn man ihn fassen will, dann muss man rechtzeitig zugreifen, im rechten Augenblick also.

Wir kommen zur nächsten und letzten Phase der sehr langen Reise unseres Freundes, und die kann nur mithilfe eines historischen Vergleichs angemessen gewürdigt werden. Vielleicht erinnern Sie sich an den karthagischen Feldherrn Hannibal, der im dritten Jahrhundert vor Christus die Idee hatte, mit seinem Heer die Stadt Rom einzunehmen. Diesmal würde er aber nicht übers Mittelmeer angesegelt kommen, das wäre zu offensichtlich, sondern er würde an Italiens Nord-West-Ecke ins römische Reich eindringen, dort, wo niemand ihn erwartete.

Dazu musste er die Alpen überqueren, so etwa auf der Route Grenoble-Turin, um moderne Ortsbezeichnungen zu verwenden. Das war keine leichte Sache; niemand hatte das vor ihm getan, geschweige denn mit einem Heer von 100.000 Mann und 38 Elefanten.

Hannibal ante Portas

Nicht nur das steile Gelände machte da Probleme, auch der Schnee war ein fatales Hindernis, das viele Opfer forderte. 13.000 Soldaten stürzten ab oder erfroren, und nur ein einziger Elefant kam lebend in Italien an. Rom wurde dann übrigens nicht eingenommen, man kam nicht einmal in die Nähe der Stadt. Der Spruch „Hannibal ante portas“ ist frei erfunden.

Wie nun ist es unserem Helden Gerd ergangen? Er kam ja von Argentinien, und um Chile zu erobern, müsste er jetzt die Anden überqueren, und die sind noch gewaltiger als die Alpen. Anders als Hannibal stand Gerd jedoch eine technische Einrichtung zur Verfügung, welche die Überquerung dieses Gebirges erleichterte, und die er ab der argentinischen Stadt Mendoza benutzte. Dorthin hatte ihn ja, seit Buenos Aires, die reguläre argentinische Eisenbahn gebracht.

Im frühen 20. Jahrhundert nun hatten kluge Ingenieure und fleißige Arbeiter eine Bahnstrecke gebaut, die Mendoza mit der Stadt Los Andes auf der chilenischen Seite, 60 km nördlich von Santiago gelegen, verbindet. Das ist etwa dieselbe Entfernung, die Hannibal von Grenoble nach Turin zurücklegen musste. Es handelt sich um eine Schmalspurbahn, wobei dieser Name in keiner Weise unseren Respekt vor den technischen und logistischen Leistungen bei ihrem Bau schmälern soll. Sie steigt auf eine Höhe von über 3000 m und muss sich dabei durch extrem schwieriges Gelände kämpfen.

Insbesondere auf der westlichen, pazifischen Flanke der Berge geht es sehr steil bergab, etwa so wie in den Alpen auf der italienischen Seite, wo Hannibals Elefanten den Halt verloren und in die Tiefe stürzten. Das sollte den modernen Elefanten, den Lokomotiven hier nicht passieren. Dazu mussten viele Serpentinen und Tunnel in den Fels gehauen werden. Es war viel Aufwand, aber technisch machbar.

Technisch nicht beherrschbar war das Wetter. Und das hatte reichlich Niederschläge beschert, die da oben als Schnee fielen, insbesondere auch deswegen, weil es Juni war, also Winter auf der Südhalbkugel. Und so wie Hannibal mit Ross und Tross damals in den weißen Massen stecken blieb, so mussten sich auch die Lokomotiven und Wagons der Transandinischen Bahn den gewaltigen Schneemengen geschlagen geben.

Man musste zwei Tage warten, bis der Schnee geräumt war und es weiter gehen konnte; das war vielleicht unbequem, aber sicherlich noch erträglicher als zu Hannibals Zeiten.

Auf der allerletzten Etappe der Reise um die halbe Welt hatte es also noch ein kleines Problem gegeben. Aber schließlich war fester chilenischer Boden erreicht, und es fehlten nur noch die wenigen Kilometer von Los Andes nach Santiago. Jetzt traf der historische Satz zu: „Gerd Kalbhenn ante portas“. Es war der dreißigste Juni 1961, und es waren 61 Jahre, bevor diese Zeilen geschrieben würden.


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