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DIE HUNDE VON TSCHERNOBYL — thinkagain

published 28.01.2023

Bild: Kyle Hill / The Facility

Als im April 1986 die Region um das Kraftwerk Tschernobyl evakuiert wurde, da durften die Haustiere nicht mitkommen. Was ist aus ihnen geworden? Wie ist es den Hunden ergangen, die dort seit 36 Jahren in verstrahlter Umgebung auf sich allein gestellt leben? Erstaunlich gut!


Wie dürfen nicht mitkommen

Nach dem Unfall wurden ca. 50.000 Bewohner aus der „Exclusion Zone“, einem Kreis vom 30 km Radius um den zerstörten Reaktor herum evakuiert, um sie vor den Auswirkungen der radioaktiver Strahlung in Sicherheit zu bringen. Das musste in höchster Eile geschehen und es gab nur Raum, um das Allerwichtigste mitzunehmen. Die lieben Vierbeiner konnten nicht mitkommen; sie blieben sich selbst überlassen, alleine zurück in der Sperrzone. Sie waren der Strahlung vom allerersten Tag an ungeschützt ausgesetzt, sie wurden dem absoluten Härtetest unterworfen.

Was ist aus den armen Kreaturen geworden? Ein Team von Tierliebhabern hat sie kürzlich besucht und kurzen Film gedreht, aus dem auch ein Großteil der Information in diesem Artikel stammt.

Ohne Herrchen und Frauchen

Das erste was auffällt: sie sehen sich alle sehr ähnlich. Das sind keine Golden Retriever, keine Schäferhunde und keine Pudel mehr, man findet nur eine Mischung von alledem. Hat das die Radioaktivität aus ihnen gemacht? Hat die Strahlung die Gene gleichgeschaltet? Nein, es war der Ruf der Natur.

Immerhin sind die Tiere seit 36 Jahren auf sich allein gestellt, und es ist anzunehmen, dass Rüden und Hündinnen nach Erreichen der Pubertät, ohne die Aufsicht von Herrchen, gleich zur Sache kommen, wobei sie in Punkto Rasse wohl kaum Vorurteile haben. Also sehen wir jetzt die zehnte oder zwanzigste Generation vor uns, genetisch perfekt durchgemischt und ausgesiebt nach Darwins gnadenlosem Prinzip: Survival of the fittest. Dabei herausgekommen sind ganz hübsche Kerlchen, so wie auf dem Bild zu sehen. Sie bilden jetzt die neue Rasse „Canis Czarnobyl“.

Und die Strahlung?

Wie haben die Tiere überlebt? Die Umstellung von mundgerecht serviertem Hundefutter auf die Jagd nach Ratten war nicht jedermanns Sache, und auch die mörderische Kälte im Winter, ohne Decke und warmen Kamin in Frauchens Wohnzimmer, das war eine sehr harte Probe. Dazu waren im Sperrbezirk – etwa von der Größe des Saarlands – die Liquidators unterwegs, die den Tieren nicht immer freundlich gesinnt waren. Die sahen ja dem Wolf verdammt ähnlich und wurden in großer Zahl abgeschossen.

Die härtesten aber sind durchgekommen und man schätzt die heutige Population auf einige hundert Tiere, die sich in Rudeln ihres Daseins freuen.

Jetzt steht natürlich wie ein Elefant die Frage im Raum: Ist die radioaktive Strahlung also ungefährlich? Hätte man den Menschen die ganze Evakuierung ersparen können? Die Reporter berichten in ihrem Film ja, sie hätten keine Tiere mit zwei Köpfen gesehen oder solche, die im Dunkeln leuchten. Das ist schon mal eine erste gute Nachricht, aber schauen wir uns das genauer an.

Auf das „Wieviel“ kommt es an

Zunächst eine Vergleich.

Ist Elektrizität eigentlich gefährlich? Da hört man von Verbrechern, die in den USA auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet worden sind oder von Technikern, die bei der Arbeit an Überlandleitungen ums Leben kamen, und trotzdem legen wir Babys elektrische Plüschtiere mit eingebauten Batterien zum Spielen in ihre Bettchen.

Es kommt auf das „Wieviel“ an. Bei der Elektrizität ist es die Spannung, gemessen in Volt. Ein paar davon sind kaum wahrnehmbar, die 230 Volt aus der Steckdose sind unangenehm und darüber, bei Hochspannung, kann es echt gefährlich werden. Bei radioaktiver Strahlung kommt es auf die Dosis an, gemessen in „Sievert“. Wir Lebewesen dieser Erde sind einer durchschnittlichen Dosis von 2,4 Millisievert (mSv) pro Jahr ausgesetzt, die natürlichen Ursprungs ist. Die kann in bestimmten Gegenden um ein Vielfaches höher liegen, die Menschen dort sind aber deswegen nicht weniger gesund.

Hilft der Canis Czarnobyl gegen Atomangst?

Man könnte nun also die Dosis in der Sperrzone messen und mit den natürlichen Werten vergleichen, um eine potentielle Gefährdung abzuschätzen.

Aber das würde wenig Sinn machen, denn die Strahlung dort ist zu unterschiedlich verteilt. An Stellen, wo radioaktives Fallout vom Reaktor gelandet ist, an diesen „hot spots“, hätte man extrem hohe Strahlung, und noch dazu die Gefahr, dass solche Substanzen in den Körper aufgenommen werden. Das kommt bei natürlicher Radioaktivität nicht vor. Man kann also gar nicht von einer durchschnittlichen Dosis in der Evakuation Zone reden.

Höchstwahrscheinlich haben Tiere radioaktiv kontaminierte Nahrung aufgenommen. Falls sie daran dann erkrankt sind hatten sie in dieser ohnehin sehr schwierigen Umgebung keine Chance. Falls ihre Gonaden von Strahlung geschädigt wurden und sie krankhafte Veränderungen an Nachkommen weitergeben haben, dann haben die nicht überlebt. Genauere biologische Untersuchungen würden sicherlich sehr interessante Erkenntnisse darüber bringen, wie überlebbar die Strahlenbelastung war.

Es soll an dieser Stelle aber keinesfalls bezweifelt werden, dass die Evakuierung der Bewohner notwendig war.

Das Kraftwerk in Fukushima übrigens war von anderer Bauart als das in Tschernobyl. Der Ablauf und die Folgen der Unfalls waren nicht vergleichbar. Die Evakuierung der Zone um das Kraftwerk war unnötig – und das wusste man bereits zum damaligen Zeitpunkt. Es wäre viel menschliches Leid erspart geblieben, hätte man damals logisch gehandelt.

Vielleicht hilft ja die Entdeckung des freundlichen Canis Czarnobyl dabei, die allgemeine Hysterie in Sachen Kernenergie etwas zu heilen.


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FAUXPAS AUF JUAN FERNANDEZ — THINK AGAIN

published 21.01.2023

BILD: THOMAS PARK / unsplash

Heute geht es weder um Tagespolitik, noch um Klima oder Atome; es geht um eine amüsante diplomatische Episode, welche sich 2015 auf dem Robinson Crusoe Archipel  zutrug, im Südpazifik, 650 km vor der chilenischen Küste. Verursacht wurde sie letztlich durch meinen Freund Gerd, über dessen Leben ich gerade einen Roman verfasst habe. 


Zu Beginn des 20. Jahrhunderts standen Deutschland und Großbritannien im edlen Wettstreit, welches Land wohl die besten Kriegsschiffe mit den größten Kanonen hätte. Ein Kandidat bei dieser Konkurrenz war der deutsche leichte Kreuzer „Dresden“, der 1907 auf Kiel gelegt worden war. So wie die restliche Flotte zu der Zeit, so patrouillierte auch die Dresden auf den Weltmeeren, um Flagge zu zeigen.

Im Frühjahr 1915 pflügte sie die Wasser des Südpazifiks, und ihr Kapitän war sich durchaus der Tatsache bewusst, dass in Europa seit einem dreiviertel Jahr ein fürchterlicher Krieg tobte. Damit war die Dresden zum legitimen Ziel für die britische Marine geworden.

Das war eine sehr unangenehme Situation, denn das Schiff hatte technische Probleme und kaum noch Treibstoff an Bord. In dieser Situation suchte der Kapitän Schutz im Hafen von Juan Fernandez, der gerade noch erreichbar schien und aus mehreren Gründen attraktiv war. Man befand sich auf dem Hoheitsgebiet Chiles, und ein Angriff auf die Dresden wäre ein kriegerischer Akt gegenüber dem neutralen Land gewesen. Außerdem könnte man hier an den technischen Problemen arbeiten und an Land Holz fällen, um Treibstoff für die Dampfkessel zu bekommen.

Aber man hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die Briten spürten die Dresden in ihrem vermeintlichen Versteck auf und nahmen sie – Neutralität hin oder her – ganz einfach unter Feuer. In dieser aussichtslosen Lage entschied sich der Kapitän, die Mannschaft an Land zu schicken und das Schiff zu versenken.

Und so landeten ein paar Hundert, meist junge deutsche Männer auf chilenischem Boden, von denen einige den Entschluss fassten, dort zu bleiben. Manche von ihnen stießen auf heiratswillige Chileninnen, gründeten Familien und hatten Kinder und Enkelkinder. Unter letzteren war eine gewisse Melitha Krause, die Gerd bald nach seiner Ankunft in Chile kennengelernt hatte. Zu ihrer Familie entwickelte sich eine sehr enge und herzliche Freundschaft und eines ihrer Kinder ist Gerds Patensohn.

Als sich nun die kriegsrechtlich fragwürdige Versenkung der Dresden zum hundertsten Male jährte, da dachten die diplomatischen Vertreter von England und Deutschland, es sei ein guter Termin, um wieder einmal Flagge zu zeigen. Man konnte alte Feindschaften begraben oder versenken und man konnte feiern, dass solche Vorkommnisse im frühen einundzwanzigsten Jahrhundert undenkbar geworden sind.

Diese Feier sollte vor Ort stattfinden, und die chilenische Marine hatte dafür ihre freundliche Unterstützung zugesagt. Sie stellte für den Transport zur Insel und als Location für die Festlichkeiten eine Fregatte zur Verfügung. An Bord dieses Schiffes befanden sich dann die Würdenträger der beiden Botschaften, sowie geladene Gäste. Was wäre da näher gelegen, als eventuelle Nachkommen der damals gestrandeten deutschen Besatzungsmitglieder ebenfalls mit auf die Reise zu nehmen.

Sie ahnen es bereits, besagte Melitha Krause gehörte zu den Honoratioren, und ihr wurde angeboten, auf Wunsch Freunde mitzunehmen. Und sie ahnen auch das bereits: Melitha würde Maria Teresa und Gerd einladen.

Nach der morgendlichen Ankunft auf der Insel stellte Gerd wieder einmal fest, dass es langweilig sei, nur zu sitzen und auf den Beginn der Zeremonie zu warten. Er fragte einen Fischer, ob er eine Rundfahrt um die Insel machen könnte. Der aber sagte ihm, das sei gefährlich und verboten, also unmöglich. Gerd machte sich dann auf einen Spaziergang durchs Dorf und, siehe da, traf einen guten Freund, einen bekannten chilenischen Architekten. Dem erzählte er von seinem Problem mit dem Fischer, der keine Rundfahrt machen wollte.

Da war Gerd genau auf den Richtigen gestoßen. Der Mann bot an, ihn auf seiner Motoryacht um die Insel zu fahren. Er würde sein Schiff aus der Garage holen, dann an der Fregatte anlegen, um Gerd und Tere abzuholen. Gesagt, getan, und als die beiden dabei waren, über die Strickleiter hinunter in die Yacht zu klettern, da beugte sich jemand über die Reling und fragte, ob er eventuell auch mitkommen könnte. Es war niemand anderes als der deutsche Botschafter höchstpersönlich.

„Aber sehr gerne, es ist eine Ehre“, war die Antwort. Und so machte man sich auf die vierstündige Rundfahrt, die atemberaubend war – einerseits wegen der unerwarteten Tierwelt, andererseits wegen des Speeds, mit dem das luxuriöse Wasserfahrzeug über die Wellen glitt. Es war ein Erlebnis, das einen den Rest der Welt vergessen ließ. Und so hatte der Botschafter vergessen, dass nicht unweit, an Bord einer chilenischen Fregatte, die Botschafterin des vereinigten Königreichs auf ihn wartete, um gemeinsam mit ihm die Zeremonie zu eröffnen, derentwegen man hier war.

Soll man dem Botschafter nun einen Vorwurf machen? Immerhin hat er doch eindrucksvoll demonstriert, wie sich die Zeiten geändert haben. Dem Botschafter des deutschen Kaisers Wilhelm II. wäre das kaum passiert.


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ARTEMIS: DER MOND WIRD WOKE — THINK AGAIN

Vor 50 Jahren, im Dezember 1972, war zum letzten Mal ein Mensch auf dem Mond, und wie die anderen elf vor ihm war auch er weiß und männlich. Jetzt soll dieser Fauxpas historischer Tragweite korrigiert werden. Wird der Mond also endlich woke?


Der Magnetismus der Zielsetzung

Es war nicht zu erwarten, dass ein Programm der NASA jemals wieder nur annähernd so spektakulär würde, wie die erste Mondlandung es war. Die grandiose Zielsetzung des Apollo Programms, vom charismatischen Präsidenten Kennedy klar formuliert, war ein unwiderstehlicher Magnet, der alle Beteiligten über sich hinauswachsen ließ. Das wurde bei Apollo 13 deutlich, als „Failure is not an option“ mehr war als ein guter Slogan, es war die gelebte Einstellung zur Arbeit.

Den nachfolgenden Projekten fehlte diese Magie. Sie entstanden eher aus der Überlegung, welche neuen Aufgaben man einer so bewährten und hochkarätigen Organisation jetzt stellen könnte. Dieser Wandel brachte es mit sich, dass die Dominanz von Wissenschaft und Technik durch Interessen der Politik verdrängt wurde. Und es ist wahrscheinlich, dass genau das die Ursache für die Tragödie der Shuttles Challenger und Columbia war. Im Zwiespalt zwischen politischem Opportunismus und der harten Realität wurde die professionelle Ethik der Ingenieure in den Hintergrund gedrängt. Aber die Natur lässt sich nicht zum Narren halten, und so musste sehr teures Lehrgeld bezahlt werden.

Es ist keine Frage, dass auch während der 50 Jahre seit Apollo von der NASA phantastische Erfolge erzielt wurden, die den Ingenieuren und Wissenschaftlern zu hohem Ruhm gereichen. Insbesondere die beiden Teleskope „Hubble“ und „James Webb“ haben der Astronomie ungeahnte Erkenntnisse ermöglicht, welche die wissenschaftliche Bedeutung der Mondlandung vielleicht sogar in den Schatten stellen. Und auch die Konstruktion der Shuttles selbst war eine technische Meisterleistung. Aber keines der Projekte kam an Apollo heran.

Die Göttin der Jagd

Nehmen wir nun das aktuelle Flaggschiff der NASA unter die Lupe und versuchen wir zu analysieren, ob hier Wissenschaft und Technik federführend sind – oder andere Kräfte. Es geht um das Programm namens Artemis. Sie, die Göttin der Jagd und der Natur, ist Zwillingsschwester von Apollo, und sie soll nun die Patzer ihres Bruders wieder gut machen.

Das verrät uns die Artemis-Website bereits im ersten Satz: “With Artemis missions, NASA will land the first woman and first person of colour on the Moon, using innovative technologies to explore more of the lunar surface than ever before. (Mit der Artemis-Missionen wird NASA die erste Frau und die erste farbige Person auf dem Mond landen und dabei innovative Technologien einsetzen, um mehr von der Mondoberfläche zu erforschen als je zuvor.)“

Lassen Sie uns die Frage nach der Sinnhaftigkeit dieses Ziels für einen Moment zurückstellen und betrachten erst einmal die logistische Seite des Vorhabens.

Die ISS in Kniehöhe

Die Frage, „wo ist der Weltraum?“ macht so wenig Sinn, wie die Frage eines Delphins: „Wo ist das Meer?“ Der Weltraum ist alles, was nicht unsere Erde ist, und man hat sich darauf geeinigt, dass die Grenze in rund 100 km über dem Erdboden liegt. Knapp darüber kreisen bereits Satelliten, die International Space Station etwa in 400 km. Der Mond kreist ein Stückchen weiter weg. Stellen Sie sich vor, Sie stünden vorm Eiffelturm und der Mond befände ich an dessen Spitze, dann wäre die ISS etwa in Kniehöhe.

Zum Mond sind es 384.000 km, und zum Mars, wenn der uns am nächsten ist, sind es gut hundert Mal mehr.

Wie soll Artemis nun zum Mond kommen? Der erste Teil der Reise beginnt wie bei Apollo mit einer gigantischen Rakete namens SLS, die in knapp 10 Minuten ihren Treibstoff verbrennt, sich dann von ihrer Nutzlast „Orion“ trennt, in den Atlantik fällt und versinkt. Wie vor 50 Jahren Wernher von Brauns Saturn V, so ist auch SLS eine Einmalrakete.

Den Rest der Reise tritt Orion nun aus eigener Kraft an und trifft sich nach ein paar Tagen mit einer Raumstation namens „Gateway“, die permanent um den Mond kreist. An Gateway ist die Mondfähre angedockt, mit der dann gelandet wird.

Sie fragen, wie Gateway da oben hin kommt? Das ist ein separates Projekt, an dem gearbeitet wird. SLS und Orion aber haben Ende 2022 ihren ersten – unbemannten – Flug unternommen, genannt „Artemis 1“. Zunächst ging es am Mond vorbei und dann sechs Tage lang im entfernten Orbit um ihn herum. Nach 25 Tagen landete die Kapsel wohlbehalten im Pazifik, westlich von Mexiko. Es war ein erfolgreicher Test.

Sprungbrett zum Mars?

Was bringt das alles? Nun, zeitlich ausgedehnte Expeditionen zur Oberfläche des Monds, mit modernen Messegräten und besserem Fahrzeug als damals bringen sicherlich neue, nicht vorhersehbare Erkenntnisse. Zudem sammelt man praktische Erfahrung, die für weitere Eroberung des Weltraums wichtig ist.

Wäre der Mond ein gutes Basislager für die Expedition zum Mars? Könnte man da all die Komponenten für ein Raumschiff inklusive Hausstand für die nächsten zwei bis drei Jahre sammeln und zusammenbauen, um dann von hier die lange Reise anzutreten? Auf dem Mond hat man immerhin schon das Gröbste an Erdanziehung hinter sich gelassen und man bräuchte zum Start keine so starken Raketen mehr. Zudem gäbe es keine Luft und damit keinen Luftwiderstand. Was immer man jetzt auf die Reise schickt kann beliebige Gestalt haben, es braucht nicht so stromlinienförmig wie eine Rakete zu sein.

Aber es gibt Nachteile. Der Mond ist bedeckt mit einer Schicht aus feinem Staub, der Armstrong und Co. damals das Leben schwer machte. Das Zeug drang in die kleinsten Fugen jeglichen technischen Geräts ein, inklusive der Reißverschlüsse der Raumanzüge, und störte erheblich. Und dann ist da die Gravitation der Mondes; sie ist zwar schwach, aber man bräuchte dennoch Kräne um die schweren Bauteile zu bewegen.

Würde man die ganze Baustelle freischwebend im Raum anlegen, dann hätte man weder Staub noch hätten die Bauteile Gewicht; allerdings müsste man verhindern, dass sie spontan ins Weltall driften. Man müsste sie festbinden, so wie Beiboote, die am Schiff im Hafen dümpeln. Da gibt es nun zwischen Erde und Mond eine Gegend, in der die Schwerefelder der beiden Himmelskörper, zusammen mit der Zentrifugalkraft des Orbits um die Erde, sich gegenseitig kompensieren. Vermutlich wäre das eine gute Location für diese Baustelle.

Die Fahrt zum Mond

Es könnte daher gut sein, dass eine eventuelle Mars-Expedition den Mond nicht als Zwischenstation bräuchte. Bleibt als Nutzen also nur das eingangs erwähnte Anliegen, einer möglichst bunten Auswahl an Kandidaten jeglichen Geschlechts, jeglicher Hautfarbe und jeglicher Beschaffenheit die Chance zu geben, den Fuß auf den guten alten Mond zu setzen. Diese Absicht wird im Artemis-Video angedeutet, wo kurzzeitig auch ein Raumanzug in Übergröße ins Bild huscht.

Das wäre nur eine logische Fortsetzung der Geschichte der Raumfahrt. Erst hat man namenlose Ratten ins All geschossen, dann Hunde, sie erinnern sich vielleicht an Laika († 1957), dann Affen, etwa „Ham the Chimp“ († 1983 im Zoo), und schließlich weiße Männer. Nun ist die Raumfahrt also offen für die nächste Stufe der Evolution.

Machen Sie sich jetzt aber bitte keine Hoffnung, sie könnten der einen oder anderen lieben Person, sei es aus dem persönlichen Umfeld oder aus Politik, ein one-way Ticket für Artemis spendieren. Das würde zu teuer.

Artemis könnte aber eine wichtige Erkenntnis, die nach Apollo schon zu ahnen war, endlich bestätigen, nämlich diese.


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WAS SIE SCHON IMMER WISSEN WOLLTEN — thinkagain

published 08.01.2023

Bild: mappingmegantravel / unsplash

Es gab da einmal diesen Woody Allen Film über alles was Sie schon immer über Sex wissen wollten, sich aber nicht zu fragen getraut haben. Ich bin sicher, Sie haben inzwischen alle Fragen zu dem Thema geklärt. Allerdings habe ich den dringenden Verdacht, dass Sie auf einem anderen  Gebiet hochgradig naiv sind – und Sie wissen genau, wovon ich rede.


Es geht hier und jetzt um diese Problematik der Mega-Giga-Tera-Watt oder Wattstunden, welche sogar die kognitiven Fähigkeiten unseres hochkarätigen Personals  in Politik und Medien überfordert. Dazu werde ich Ihnen jetzt alle Fragen  beantworten, tabulos und in einfacher Sprache.

Dinge bewegen

Wenn wir im Alltag etwas bewegen wollen – das Auto reparieren oder eine Reise machen – dann brauchen wir dazu Geld; ohne das geht’s nicht. Das ist die treibende Kraft hinter allen Veränderungen, die wir durchführen wollen. Auch in der technisch – physikalischen Welt brauchen alle Veränderungen solch eine magische Kraft, ohne die nichts geht.

Die wird Energie genannt und sie kann in unterschiedlichen Formen kommen – Bewegung, Wärme, Strahlung, Elektrizität etc. Diese unterschiedlichen „Währungen“ der Energie kann man auch gegeneinander eintauschen, allerdings nicht immer ohne Verluste.

Eine besonders angenehme Form der Energie ist die Elektrizität. Sie lässt sich leicht transportieren und recht verlustlos in die anderen Energieformen verwandeln. Man kann damit das Wasser für den morgendlichen Kaffee heiß machen, ein Tesla-Auto betreiben, einen Christbaum beleuchten oder einen Computer rechnen lassen. Und wie beim Geld brauchen wir auch hier für verschiedene Anwendungen unterschiedlich Mengen von dieser magischen Kraft.

Der Wombat in Aktion

Das morgendliche Kaffeewasser braucht weniger Energie als der ICE auf der Fahrt von München nach Frankfurt. Und so wie wir Einheiten für die Geldmenge definiert haben, etwa den Euro (Eu) oder den Wumms (Wu), so brauchen wir auch eine Einheit um Energiemengen zu beschreiben. Vorübergehend möchte ich dieser Einheit den Namen „Wombat (Wb)“ geben, in Anlehnung an den Wumms. Ich bemühe mich hier um einfache Sprache

Für den Morgenkaffee wird rund ein zehntel Wombat = 0,1 Wb verbraucht. Zusammen mit Kühlschrank, Heizung und anderem hilfreichen Gerät im Hause ziehen wir jeden Monat so um die 350 Wb aus den diversen Steckdosen; diese Zahl kann von Haushalt zu Haushalt etwas abweichen.

Für jeden Wombat bezahlen wir dem Hersteller einen gewissen Preis, sagen wir rund 0,30 Euro.

Ein unglücklicher Name

Es kann nun interessant sein, wie viele Wombats in jedem Moment aus der Steckdose kommen, so wie es auch beim Autofahren interessant ist zu wissen, wie viel Strecke wir jeden Moment zurücklegen. Wir nennen das die „Geschwindigkeit“ und messen die in Kilometern pro Stunde (km/h), auch wenn wir keine ganze Stunde unterwegs sind. Entsprechend messen wir den momentanen Energieverbrauch in Wombats pro Stunde (Wb/h), und  nennen das „Leistung“.

Wie es der Teufel nun will haben sich die Ingenieure für die „Wombats pro Stunde“ einen eigenen Namen einfallen lassen, nämlich das „Kilowatt“ = 1000 „Watt“ . Für den Wombat selbst aber gibt es noch keinen Namen. Man half sich nun damit, indem man sagte, ein Wombat ist die Energiemenge, wenn eine Stunde lang die Leistung von ein Kilowatt aus der Steckdose geflossen ist. Und dann hat man dem armen Tier den Namen Kilowatt mal Stunde, oder kurz „Kilowattstunde“ verpasst.

Also:

Leistung: 1 Wombat pro Stunde = 1 Kilowatt

Oder 1 Wb/h = 1 kW

und

Energie: 1 Wombat = 1 Wombat/Stunde  x 1 Stunde = 1 Kilowatt x 1 Stunde

Oder 1 Wb = 1 kWh

Liegt es an den großen Zahlen?

Wer sich berufsmäßig mit der Sache befasst, der hat die Zusammenhänge entweder im Laufe der Zeit verstanden oder er hat sich zumindest daran gewöhnt. In dem Masse aber, wie die „Energie“, oder besser gesagt die „Energieprobleme“ den Alltag und die Politik bestimmen, desto häufiger kommt es hier zu Missverständnissen.

Potenziert wird das Problem nun dadurch, dass es bei dem Thema oft um sehr große Zahlen geht. Will man etwa wissen, wie viele Wombats = kWh  alle deutschen Haushalte in einem Jahr verbrauchen, dann muss man den durchschnittlichen monatlichen Verbrauch mit 12 multiplizieren und dann mit 40 Millionen, also

350 kWh x 12 x 40 000 000 = 168 000 000 000 kWh = 168 000 000 MWh = 168 000 GWh =168 TWh

Durch die Vorsilben k = Kilo = tausend, M = Mega =  1 Million, G = Giga = 1 Milliarde, T = Tera = 1 Billion lassen sich die großen Zahlen einfacher schreiben.

Wie viele Kernkraftwerke bräuchten wir, um all diese Haushalte zu versorgen? Dazu rechnen wir die benötigte Leistung aus, das sind die Wombats  pro Stunde = Kilowatts, also  der gesamte jährliche  Energieverbrauch dividiert durch die 8766 Stunden des Jahres:

168 000 000 000 kWh / 8766 h = 19 160 000 kW  = 19 160 MW = 19 GW

Ein Kernreaktor gibt so um die 1,2 Gigawatt (GW) ab, man bräuchte also 19 GW / 1,2 GW ≅16 Reaktoren. So viele gab es schon einmal in Deutschland. Was es damals nicht gab, das waren Stromprobleme und Angst vor Frieren und Blackout.  Dafür retten wir heute den Planeten.


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[Neuer Eintrag] ZOCKEN ODER ZAUDERN — thinkagain

published 31.12.2022

Bild: Chenyu Guan / unsplash

Liebe Freunde von Think-Again, zum Ende des Jahres ein besonderer Leckerbissen für Sie: Sie brauchen den heutigen Beitrag nicht mühsam zu lesen, sondern es gibt stattdessen richtiges Kino.


Und das kam so: der freche, alternative Finanzberater „Zocken oder Zaudern“ hat spontan ein Interview mit mir gemacht, und zwar zur Situation unserer Energieversorgung.

Vielleicht fragen Sie, ob Ihnen die deutsche Energiepolitik jetzt als Modell für das Management Ihrer Finanzen vorgeschlagen werden soll. Der eigenen Finanzen? Das wohl kaum! Nein es geht um die Frage nach einem Ausweg aus der gegenwärtigen Krise. Und Dank intelligenter Fragen kamen da in 15 Minuten ganz interessante Einsichten zusammen.

Hier ist das Video

Think-Again wünscht Ihnen einen guten Rutsch ins neue Jahr, das sich auch als 7 × 17 × 17 schreiben lässt. Wenn das nichts Gutes verheißt…

Ihr

Hans Hofmann-Reinecke


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FÜRS GANZE JAHR

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EPHESUS UND PHILIPPSBURG — thinkagain

published 24.12.2022

Bild: T. Selin Erkan / unsplash

Ein außergewöhnlicher Tag

Der 21. Juli 356 v. Chr. ist ein außergewöhnlicher Tag im Kalender des klassischen Altertums. In Mazedonien erblickte Alexander der Große das Licht der Welt und in Ephesus wurde ein bedeutendes Bauwerk durch Flammen zerstört: der Tempel der Artemis, der Göttin der Jagd und des Lebens.

Seine perfekte Schönheit, die Harmonie der Gestaltung im Großen sowie im Detail, hatten dem Tempel einen Platz unter den sieben Weltwundern beschert. Baumeister aus Kreta, unter der Leitung des genialen Chersiphron, hatten 200 Jahre zuvor im Auftrag des Königs Krösus von Lydien dieses Wunderwerk aus Marmor errichtet. Zu Recht wurden diese Architekten auch noch nach ihrem Tode für die schöpferische Leistung gefeiert und verehrt. Ihr Werk hatte sie unsterblich gemacht.

Aber nicht für alle war dieses Ergebnis menschlicher Kreativität, dieses Symbol klassischer Schönheit ein Quell der Freude. Eine Person, die vielleicht selbst weder mit großer Schönheit, noch mit Intelligenz oder Kreativität gesegnet war, könnte auf den Ruhm der Meister neidisch sein – und genau solch ein Neider war ein gewisser Herostratos. Der hatte bislang in seinem Leben wenig Nützliches oder Schönes geschaffen und konnte auch nicht hoffen, jemals durch Leistung berühmt zu werden.

Dieses Ressentiment trieb ihn dann zu einer Tat, die ihn unsterblich machen sollte. Er ließ jenes Objekt perfekter Schönheit, dieses vollendete Zeugnis menschlicher Genialität und Schaffenskraft in Flammen aufgehen.

Die Stärken und Schwächen der Seele

Herostratos hatte also sein Ziel erreicht: Als Brandstifter des Artemis Tempels zu Ephesus ging er in die Geschichte ein.

Die Psychologie des Menschen, die Stärken und Schwächen seiner Seele haben sich seit der Antike kaum verändert, und so könnte es durchaus sein, dass Nachfahren des Herostratos, seine Brüder und Schwestern im Geiste immer noch unter uns weilen. Da könnte es auch heute Personen geben, die vielleicht weder mit hoher Intelligenz noch Schaffenskraft gesegnet sind, die bislang in ihrem Leben weder Nützliches noch Schönes geschaffen haben. Und diese könnten voller Missgunst auf Leistungen schauen, die geniale und tatkräftige Personen in der Vergangenheit zum Segen der Menschheit erbracht haben. Und in deren Seele könnte dann vielleicht derselbe zerstörerische Trieb erwachen, von dem auch Herostratos besessen war.

Aber was könnte in heutiger Zeit das Objekt solchen Hasses sein? Nun, seit der Steinzeit kannte der Mensch nur eine einzige Quelle für Wärme: das Feuer. Doch dann, im 20. Jahrhundert n. Chr. entdeckten kluge Wissenschaftler eine neue Energiequelle, die millionenfach stärker war als das Verbrennen von Holz oder Kohle: die Kernspaltung. Diese Entdeckung und die Genialität von Ingenieuren brachten dann ein Weltwunder hervor, welches sich mit den Bauwerken der Antike zweifellos messen kann: Die Kernkraft.

Und genau darauf richtet sich der Hass der modernen Herostraten.

Philippsburg, ein Ephesus der 21. Jahrhunderts

Im Gegensatz zu ihrem antiken Vorläufer, der ein Einzeltäter war und der für sein Verbrechen hingerichtet wurde, agieren die heutigen Herostraten in Gruppen, in großen Gruppen. Sie haben Macht und Einfluss errungen und sie brauchen, anders als Hersostratos, keine Strafe zu befürchten.

Und so wurde dann am 18. Mai 2020 ein moderner Artemis-Tempel das Opfer ihres Hasses. Die Kühltürme des Kernkraftwerks Philippsburg wurden in einer Orgie der Schadenfreude in die Luft gesprengt, und die Energiequelle für Millionen Haushalte im Lande war damit vernichtet.

Die Strafe, welche die modernen Herostraten jetzt ereilt ist vergleichsweise sanft: Energie sparen und kalt duschen. Aber nicht nur das: den Zusammenhang zwischen ihrem zerstörerischen Tun und der Stromknappheit zu erkennen, das würde ihre kognitive Leistungsfähigkeit ohnehin überfordern.


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NAMIBIA – EIN REALITY CHECK — thinkagain

published 17.12.2022

Bild:  private

Namibia soll der Joker in der deutschen Energiewende werden. Viel Sonne, stetiger Wind und weites Land rufen geradezu nach flächendeckenden PV Anlagen und Windparks. Aber Namibia ist dehr weit weg…


Viel Sonne und stetiger Wind

Namibia soll der Joker in der deutschen Energiewende werden. Viel Sonne, stetiger Wind und weites Land rufen geradezu nach flächendeckenden PV Anlagen und Windparks. Da aber Namibia weit weg ist –  zwar keine 100.000 km, aber doch  rund 10.000 km  – ist der Stromtransport in Hochspannungsleitungen nicht machbar.

Man muss die Energie also in anderer Form befördern, wozu einige Schritte notwendig sind. Der Strom wird vor Ort durch Elektrolyse in Wasserstoff H2 verwandelt, der dann unter Zuführung von Stickstoff N2 (aus der Luft) und elektrischer Energie (woher wohl?) zu Ammoniak NH3 gebunden wird. Dieses Gas wird unter Druck (woher wohl?) verflüssigt und auf dem Seeweg nach Europa gebracht.

Ein weiter Weg

Von Namibias Hafen Walvis Bay nach Hamburg sind es rund 13.000 km.  So ein Tanker, angetrieben von einem 62.000 PS Turbo-Diesel, macht 26 km/h wenn er mal in Fahrt ist. Er braucht für die Reise also rund drei Wochen und verbrennt nebenher ein paar Liter Sprit (woher wohl?). Nach seiner Ankunft geht der Ammoniak dann an Land, und dort wird bei einigen hundert Grad (woher wohl?) der Wasserstoff zurückgewonnen. Brennstoffzellen erzeugen daraus dann Elektrizität, die ins Netz gespeist wird, um bei uns Kühlschrank und Fernseher am Laufen zu halten. Einfacher geht’s nicht.

Auch ohne Supercomputer wird offensichtlich, dass nach dieser Odyssee nur ein kleiner Bruchteil der ursprünglich erzeugten Energie beim Verbraucher ankommt, angeblich 25%, vielleicht noch weniger.

Die Skelettküste

Dieses Konzept für die deutsche Stromversorgung ist sehr extravagant, um es höflich auszudrücken. Aus technisch – ökonomischer – ökologischer Sicht grenzt es an Wahnsinn. Aber es gibt noch andere Aspekte: menschliche.

Dazu ein paar Worte zu Namibia, welches ich sowohl im Auto als auch auf eigenen Schwingen bereist habe. Mein Resümee: Es ist das Land der gigantischen Entfernungen. Von A nach B sind es immer mindestens 500, meist aber 1000 km.

Es ist eine riesige Wüste, auf der ein paar bewohnbare Flecken verteilt sind, wo dann Städte entstanden. Es sind aber so wenige, dass es genügt, jeweils die erste Hälfte des Namens zu sagen, und jeder weiß was gemeint ist: „Swakop“, „Otji“ oder „Walvis“. Die unendlich lange Atlantikküste ist bis auf ein paar Häfen unbewohnbar, der Name „Skeleton Coast“ deutet darauf hin. Besatzungen von gestrandeten  Schiffen, die sich hier an Land retten konnten, sind dann verdurstet statt zu ertrinken.

Land und Leute

Das Land hat 823.000 km2, ist also zweieinhalb Mal so groß wie Deutschland,  und es hat so viele Einwohner wie Hamburg und Umgebung. Das Brutto Inlandsprodukt pro Kopf beträgt $9000 im Vergleich zu $51.000 für Deutschland. Falls das eine Maß für die Wirtschaftskraft ist, so entspräche die Produktivität Namibias nach deutschem Standard einer Gemeinde von einer halben Million, bei 38% Arbeitslosigkeit.

Was das Land rettet sind Diamanten, Gold und Uran, die im Boden darauf warten, gefunden zu werden. Vor hundert Jahren genügten dafür Spaten, Wasserflasche und „Südwester“. Inzwischen ist das schwieriger geworden und gigantische, teure Maschinen und technisches Knowhow sind erforderlich. Das Ganze ist also zu einem Spielfeld für internationale Konzerne geworden. De Beers kümmert sich um die Diamanten  und die Guangdong Nuclear Power Group um das Uran.

Soweit so gut. Es ist eine „win-win“ Situation, welche für Entwicklungsländer typisch ist.

Nachhaltig ist etwas anderes

Wenn zu diesen Schätzen des Bodens nun ein weiterer Schatz kommt, der dem Land von Wind und Sonne geschenkt wird – wäre das nicht wunderbar?

Nun, die Realität ist kein Kinderbuch und sie spricht eine andere Sprache. Fakt ist, dass das ganze Konzept vom  Grünen Wasserstoff grotesk unökonomisch ist und dass es nur durch astronomische, vom deutschen Steuerzahler geleistete Subventionen funktionieren kann. Aber eines Tages könnte jener merken, dass man ihm das Fell über die Ohren zieht. Und dann wird er für eine andere Energiepolitik sorgen. Und dann würden die Ausgaben für den Grünen Wasserstoff aus Namibias Wüste gestoppt werden.

In der Folge würden dann Tausende von lokalen Mitarbeitern dieses Projekts arbeitslos. Die Windmühlen, Solarpanels und chemischen Anlagen würden verrotten und die wunderbare Landschaft mit ihrem Schrott verunstalten.

Unbestechlich

Das ist also der entscheidende Unterschied: der Abbau von Diamanten, Gold und Uran etc. ist nachhaltig. Er wird immer ein – mehr oder weniger –  lukratives Geschäft sein.  Der Grüne Wasserstoff ist das Gegenteil von nachhaltig. Er ist von Anfang an nichts als eine sinnlose Geldvernichtung.

Vielleicht fragen Sie jetzt, ob die Regierung Namibias das nicht auch sieht.

Vermutlich schon, aber ihr Blick könnte etwas verschwimmen, wenn da jemand mit einem Scheck in Milliardenhöhe winkt. Bei einem Bruttosozialprodukt von ganzen 23 Mrd. ist das schon ein starkes Argument.  Bestechung?

Nein, um Gottes Willen, man ist hier ebenso unbestechlich wie im EU Parlament oder im Rest der Welt, zumindest so lange,  als zu wenig geboten wird.


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DIE HOFFNUNG STIRBT ZULETZT — thinkagain

published 03.12.2022

Bild: eat smarter

Projekte zum Thema kontrollierte Kernfusion werden von viel PR und großer Hoffnung begleitet. Sollten Politiker diese Energiequelle in ihre Planungen konkret einbeziehen? Nehmen wir dazu den Champion unter den Kandidaten einmal unter die Lupe. Schauen wir uns ITER mit seinen Chancen und Risiken an.


Ein Donut voll Plasma

Unter den verschiedenen Anstrengungen, um auf Erden eine kleine Sonne zu bauen, die durch Fusion von Atomkernen endlose und ziemlich saubere Energie liefert, ist das Projekt ITER der teuerste Kandidat. Ist ITER auch der Champion? Wird er als erster das Ziel erreichen? Wird er es überhaupt jemals erreichen?

Um das zu beurteilen müssen wir kurz in die Technik einsteigen. Die Achse des Guten hat hier, hier und hier schon darüber berichtet, aber Sie verstehen die Sache auch so. Es geht darum, Atomkerne einander sehr nahe zu bringen, sodass sie miteinander verschmelzen. Dazu müssen sie zunächst eine starke Abstoßung überwinden. Wenn man die Kerne aber auf 150 Millionen °C erhitzt, dann haben sie ausreichend Schwung, so um die 1000 km/sec, um den Widerstand zu bezwingen und sie können schließlich zu einender finden.

Der Behälter, in dem das stattfinden soll, ist ein Donut-förmiges Rohr, ein Torus, mit einem sehr starken Magnetfeld, welches die Mischung aus Atomkernen und Elektronen, genannt Plasma, daran hindern soll, an die Wandungen zu rasen. Eine Reihe unterschiedlicher Vorrichtungen sorgt dafür, dass Energie in das System gepumpt wird, um es aufzuheizen. Nennen wie diese Energie E1, und die Energie, die bei der nun folgenden Fusion entsteht ist E2. Damit das Ganze eine Energiequelle wird muss offensichtlich E2 > E1 sein, anders ausgedrückt, der Quotient Q = E2/E1 sollte >1 sein.

Der Weltrekord von 1997

Und? Sind das alles nur Zahlenspielereien auf dem Papier? Gibt es das auch in echt? Hat man schon einmal so ein verdammtes Q > 1 gemessen?

Der Weltrekord wurde 1997 aufgestellt mit Q = 0,67, und zwar im „Joint European Torus“ – seine Freunde nennen ihn JET. Der hat einen Durchmesser von 6 Metern und liegt eine gute Autostunde westlich von London. Das alleine beeindruckt Sie vielleicht nicht, aber mit all dem Drum und Dran wird dann doch eine recht imposante Anlage daraus. Das oben erwähnte Magnetfeld beispielsweise wird von 32 Kupferspulen erzeugt, von denen jede 12 Tonnen auf die Waage bringt.

Ist dieses Q = 0,67 nun alles? Ist es das Ende der Fahnenstange? Antwort: Jein. Vom JET kann man kaum mehr erwarten, aber die Methode gibt Hoffnung. Man müsste so ein Ding größer machen, dann würde es funktionieren. Und zwar aus folgendem Grund: Die Energie geht bei solch einem Torus irgendwie durch die Wandungen verloren, erzeugt wird sie aber in seinem Inneren. Machen wir den Donut also doppelt so groß, geben wir ihm 12 Meter Durchmesser statt 6, dann wird seine Oberfläche 2 x 2 = 4 mal so groß, aber sein Volumen 2 x 2 x 2 = 8 mal so groß.

Die große Wärmflasche

Jetzt hält die Energie In dem zur Oberfläche verhältnismäßig größeren Volumen besser zusammen – so wie auch eine große Wärmflasche länger warm hält als eine kleine (vielleicht ein ganz nützlicher Hinweis für den Winter, damit sich das Frieren für den Frieden in Grenzen hält).

Der Torus von ITER, dem gigantischen internationalen Fusionsexperiment im Süden Frankreichs, hat 12,4 m Durchmesser statt der 6 m seines kleinen und älteren Bruders JET, und er bietet dem Plasma ein Volumen von 840 m3 statt nur 100 m3. Aber auch andere Dinge sind „nichtlinear“ in die Höhe geschnellt. So wird der Torus aus 9 Segmenten zusammengesetzt, ähnlich dem oben abgebildeten Gugelhupf. Jedes dieser Segmente hat nach Adam Riese einen Winkel von 360° / 9 = 40° und wiegt 500 Tonnen – pro Stück. Das ist auch das maximale Abfluggewicht eines A380 Superjumbos.

Für die Magnetspulen wird eine Legierung des Elements Niob verwendet, welche im Gegensatz zu Kupfer keinen elektrischen Widerstand hat, was die Stromrechnung niedriger hält. Allerdings müssen diese Spulen, so wie alle Supraleiter und alle Supraleiterinnen, auf extrem niedrige Temperatur gekühlt werden. Und das kommt nicht zum Nulltarif.

Die Komplexität und die elefantösen Ausmaße dieser Maschine machen sie derzeit vermutlich zur anspruchsvollsten Vorrichtung weltweit. Das stellt nicht nur die Wissenschaft auf die Probe, sondern auch die Industrie, welche völlig neuartige Komponenten liefern soll, in deren Fertigung sie wenig Erfahrung hat. Und so hat man kürzlich an den erwähnten Torus-Segmenten feine Riss festgestellt, welche die Montage des Torus erst einmal bremsen. Das tut weh!

Wie geht’s weiter?

Der nächste wichtige Meilenstein ist “First Plasma”. Zu diesem Zeitpunkt wäre die Anlage fertig montiert und man hätte zum ersten Mal Plasma im Torus erzeugt. Die unzähligen Systeme wie etwa Kältetechnik, Stromversorgung, Vakuum etc. etc. hätten ihre Funktion bewiesen. Als Datum für diesen Meilenstein ist auf ITERs Website Dezember 2025 angegeben, allerding mit diesem Caveat:

*Das Datum dieses Meilensteins kann sich ändern. Aufgrund der Auswirkungen von Covid-19 auf die ITER-Fertigung ist das Projekt dabei, einige technische Meilensteine neu zu bewerten. Änderungen am Baseline-Zeitplan von ITER können nur vom ITER-Council vorgenommen werden.

Ich möchte nicht in den Schuhen von Pietro Barabaschi stecken, ITERs neuem Director General, von dem demnächst ein neuer Zeitplan erwartet wird.

Und noch etwas: „First Plasma“ ist noch sehr weit weg von der Kernfusion, dem eigentlichen Ziel. Der Beginn der Experimente, bei denen dann erstmals ein Plasma aus Tritium und Deuterium, dem eigentlichen „Brennstoff“ verwendet würde, war für 2035 vorgesehen. Aber auch falls dann ein paar Jahre später das gesteckte Ziel erreicht wird, nämlich ein Q>10 für einige Minuten, wenn ITER also seine Schuldigkeit getan hätte, auch dann wäre es noch ein sehr langer Weg zu einem Fusionskraftwerk, das uns mit Strom versorgen könnte.

Fazit

  • ITERs Schwierigkeiten könnten zur Annahme führen, dass Energieversorgung durch kontrollierte Kernfusion zu kompliziert, zu teuer, oder schlicht unmöglich ist. Allerdings war auch das Manhattan Projekt zur Entwicklung der US Atombomben unendlich kompliziert und teuer, aber es hat schließlich den Weg zu den heutigen, durchaus nützlichen Kernreaktoren geebnet.
  • Ein Problem für ITER ist sicherlich die Balance zwischen Wissenschaft und Technik einerseits, und Politik und PR andererseits. Zur weiteren Finanzierung des Projekts muss nach außen strammer Optimismus kommuniziert werden, es wäre aber gefährlich, wenn auch die eigenen Techniker und Wissenschaftler begännen an ITERs externe PR zu glauben.
  • Für ITER oder die anderen, vergleichsweise kleineren Projekte ist das Geld der Steuerzahler wesentlich besser investiert, als für Windmühlen oder Genderforschung. Egal ob wir jemals Fusionskraftwerke haben werden oder nicht, die Arbeit daran ist ein Beitrag zur Rettung westlicher Wissenschaft und Intelligenz vor dem totalen Verfall.

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WANN KOMMT DIE CHIPS – KRISE ? — thinkagain

Bei lebenswichtigen Ressourcen darf die Wirtschaftspolitik das Land nicht in die Abhängigkeit von einem einzigen Lieferanten manövrieren. Eine Reihe mutwilliger oder dilettantischer Fehlentscheidungen hat uns in die Abhängigkeit von russischem Gas getrieben. Der Ausweg aus dieser Abhängigkeit wird für das Land sehr teuer und schmerzhaft werden.

Es bahnt sich möglicherweise eine neue Misere an, die uns in noch größere Schwierigkeiten bringen könnte.


Ein elektrischer Schalter

Dazu einige technische Erklärungen.

Vor einem dreiviertel Jahrhundert machten drei amerikanische Physiker eine Erfindung, welche die Welt vielleicht mehr verändert hat als das Rad: sie  erfanden den Transistor. Das ist  so etwas wie ein elektrischer Schalter ohne bewegliche Teile. Der wird dann nicht durch einen kleinen Kipphebel bedient, sondern seinerseits durch Elektrizität. Durch die intelligente Kombination solcher Transistoren kann man Schaltkreise schaffen, die zwei unterschiedliche Zustände einnehmen können, sagen wir 0 und 1.

Diesen 0 oder 1 Zustand kann man als Information interpretieren, man nennt ihn ein „Bit“. Es ist möglich, so ziemlich alle Informationen, mit denen wir konfrontiert werden, durch eine mehr oder weniger große Anzahl solcher Bits auszudrücken. Interpretieren wir die Bits etwa als Bildpunkte, dann kann man durch eine Million davon schon eine vernünftige schwarz-weiß Photographie darstellen.

Aus Transistoren kann man auch noch anderen Vorrichtungen aufbauen, so genannte Prozessoren, welche auf besagte Informationen zugreifen und sie nach bestimmten Regeln bearbeiten. Eine Sequenz solcher Regeln wird Programm genannt und deren Schöpfer sind offensichtlich die Programmierer.

Je kleiner desto besser

Transistoren hatten ursprünglich etwa die Größe eines Zündholzkopfes. Wenn man große Mengen an Information bearbeiten will, dann braucht man eine sehr große Anzahl an Transistoren, und da kommt man, selbst bei dieser relativ kleinen Abmessung, schnell an technische Grenzen.

Es gelang dann, die Transistoren immer kleiner zu machen, und viele davon, gemeinsam mit ihren Verknüpfungen, auf einem Kristall aus Silizium entstehen zu lassen. Gegenwärtig ist man in der „4 Nanometer (nm) Technologie“ angekommen, d.h. die Transistoren und Leiterbahnen, die sie verbinden, sind nur vier nm breit. Ein nm ist ein Millionstel Millimeter und auf einer Breite von 4 nm haben gerade noch 20 Siliziumatome nebeneinander Platz. Auf einer Fläche von einem Quadratmillimeter (die ist etwa so groß ▪) kann man mit dieser Technologie Milliarden von Schaltkreisen unterbringen. So kann unser Smartphone dann Hunderte von Selfies und viele andere wichtige Daten speichern.

Die Miniaturisierung brachte viele Vorteile: geringen Verbrauch des teuren Rohmaterials, höhere Rechengeschwindigkeit, mehr Speicherkapazität, weniger Stromverbrauch, Integration vieler unterschiedlicher Funktionen und geringen Platzbedarf im Endprodukt, wo der Chip letztlich seine Arbeit tun soll. Der Chip, das ist das beschriebene mikroskopische Stück Silizium samt seiner makroskopischen Verpackung und diesen vielen Beinchen, die den Kontakt zum  Rest der Welt herstellen.

Kein Kinderspiel

Die Herstellung dieser Chips ist extrem kompliziert. Zunächst muss das Layout geschaffen werden, sozusagen der Stadtplan für die Millionen von mikroskopischen  Straßen, Kreuzungen und Ampeln. Das stellt vermutlich die höchsten Anforderungen an Intelligenz, die der Homo Sapiens je konfrontieren musste. Er schafft ja gewissermaßen den Schaltplan für ein kleines  künstliches Gehirn.

Die anschließende Fertigung des Chips gemäß besagtem Plan muss dann überaus genau durchgeführt werden, etwa auf die Abmessung eines Atoms genau. Das ist nichts für Menschenhände. Diese Aufgabe wird zu 100% an Roboter übertragen, die allerdings zuvor von Menschen angelernt werden mussten. Wie lange brauchen diese pfiffigen Roboter dann bis ein Chip fertig ist? Eine Sekunde? Eine Stunde? Nein, 85 Tage! Aber in der Zeit machen sie sehr viele gleichzeitig.

Wie wir wissen, gibt es kaum noch etwas ohne Chip; ein modernes Auto hat angeblich um die 1000 davon und eine Küchenwaage hat zumindest einen. Der globale Chip-Markt hat ein Volumen von ca. 550 Mrd. US$ jährlich, das sind $70 pro Kopf der Weltbevölkerung! Es handelt sich offensichtlich um ein sehr attraktives, krisensicheres Geschäftsfeld – aber es ist auch extrem anspruchsvoll.

Um solch ein Fertigung aufzubauen und zu betreiben muss man sich den Standort gut aussuchen. Man braucht eine perfekt funktionierende Infrastruktur mit 100% sicherer und preiswerter Stromversorgung, und man braucht Nachwuchs, dessen  kognitive Veranlagung von klein auf gefördert und trainiert wurde. Das heutige Deutschland wäre vermutlich keine gute Wahl. Mit Strom aus Windmühlen wäre das schwierig, und mit Abiturienten, deren Kernkompetenz die gendergerechte Rechtschreibung ist, die dafür aber nicht wissen, was der Dreisatz ist, hätte man keine Chance.

Man muss sich den Standort also nach dem Ranking gemäß PISA-Studie aussuchen, und da landet man in Ostasien.

Nancy in China

Anfang August besuchte Nancy Pelosi,  die Sprecherin des US Repräsentantenhauses, die Insel Taiwan. Das Land hat etwa so viele Einwohner wie die ehemaligen Ingenieurs-Hochburgen Bayern und Baden Württemberg gemeinsam, hat aber heute bei der Pflege seiner intellektuellen Ressourcen eine bessere Hand: in der PISA-Studie / Mathematik landet man dort im globalen Ranking auf Platz fünf.

Nancy hatte dort auch ein Treffen mit einem Gewissen Mark Liu, dem Präsidenten der Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC). Diese Firma hat 55% Anteil an der weltweiten Produktion kundenspezifischer Chips. Auf dem zweiten Platz liegt Samsung Electronics in Korea, dann kommt noch eine weitere Taiwanesische Firma. Doch damit nicht genug. Enthalten in dem erwähnten 55% Anteil sind 90% der weltweit verkauften Chips der neuesten Generation!

Es ist nicht auszumalen, was geschähe, wenn TSMC seine Lieferungen einstellen würde. Zum Bau eines $50.000 Autos könnte dann so ein Teil für zwei Dollar fehlen. Weltweit würden die Fließbänder stillstehen, von denen noch gestern Kaffeemaschinen, Fernseher und Laptops rollten. Während der Corona-Krise gab es schon einen Vorgeschmack auf  eine solche Situation.

Den Chiphahn zudrehen

Der Einsatz dieser verdammten Chips in fast jedem technischen Produkt hat die Weltwirtschaft de facto in die Anhängigkeit von zwei oder drei Firmen gebracht, welche auf einer Insel angesiedelt sind, die von der  kommunistische Partei Chinas beansprucht wird. Würde China seine mehr oder weniger deutlichen Drohungen wahr machen, dann hätte es endgültig die totale wirtschaftliche Weltherrschaft errungen. Der Rest der Welt wäre ab dann nicht nur auf die konkurrenzlos billigen Massenwaren vom Smartphone bis zum Plüschtier angewiesen, sondern auch auf die Lieferung dieser verfluchten  unverzichtbaren Chips. Und so wie Russland seine Gasleitungen könnte China dann seine Chipleitungen in den Rest der Welt nach Belieben auf- und zudrehen.

Und während man bei Gas noch die Chance hat, es etwa durch Öl zu ersetzen oder einen anderen Lieferanten im nahem Osten zu finden, wäre das bei Chips erst einmal nicht möglich. Der Aufbau solch einer Fertigungsanlage auf der grünen Wiese würde sehr, sehr lange dauern, falls es denn überhaupt gelingt.

Und deswegen regte Nancy Pelosi in ihrem Gespräch mit Mark Liu an, er solle sich doch überlegen, ob seine Firma nicht vielleicht ein oder zwei Fertigungsstätten in den USA errichten möchte. Man macht sich in den USA offensichtlich keine Illusionen, dass man ohne das Taiwanesische Knowhow und deren Patente eine konkurrenzfähige Chipfertigung aufbauen könnte. Hoffentlich denkt Herr Liu nicht zu lange darüber nach, damit das Geschäft noch vor Tag X abgeschlossen sein kann. Eile ist geboten, denn von Nancys Besuch in Taiwan war Mr. Xi „not amused“.

Vielleicht haben ja die deutschen Geheimwaffen Claudia und Annalena eine ähnliche Charmeoffensive mit demselben Anliegen bei TSMC geplant. Dafür könnten die beiden den Katau des Wirtschaftsministers in Katar schon mal einüben.


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DAS TAGEBUCH EINES MAGIERS — thinkagain

published 05.11.2022

Bild: Loris Marie / unsplash

Vor Kurzem erwiderte der deutsche Wirtschaftsminister auf die Frage Sandra Maischbergers, ob er zum Ende des Winters mit einer Insolvenzwelle rechnete:  „Nein, das tue ich nicht. Ich kann mir vorstellen, dass bestimmte Branchen einfach erstmal aufhören, zu produzieren.” Diese Antwort war überraschend, und sie gab auch Anlass zur Sorge.


Panzer vor Waterloo

Seine Parteigenossin Annalena, die von Panzerschlachten des 19. Jahrhunderts sprach, hatte uns ja bereits eine Kostprobe von der Allgemeinbildung grüner Minister gegönnt. Und wenn schon die Chefin des Außenministeriums wenig von europäischer Geschichte weiß, könnte es dann sein, dass für Herrn Habeck die Betriebswirtschaft ein Buch mit sieben Siegeln ist?

Natürlich sprangen sofort sachkundige Sekundanten ein, um die peinliche Äußerung nachträglich als klug und staatsmännisch zu interpretieren. Darauf möchte ich nicht eingehen; allerdings möchte ich feststellen, dass es durchaus üblich ist, dass Firmen insolvent werden, wenn sie aufhören zu produzieren.

Zu diesem Thema habe ich sogar ein Buch geschrieben, bzw. über einen außergewöhnlichen Mann, der Unternehmen in solchen Situationen zur Seite stand. Er, der „Magier“, hat Firmen vor dem Bankrott bewahrt und Unternehmer vor Gefängnis und Selbstmord – und er hat mir alles über seine aufreibende Arbeit und die unerwarteten Wandlungen an der eigenen Seele erzählt.

Hier ein Leserkommentar:

Das Buch ist so gut geschrieben, wie das Leben spielt. Es gibt Sachen, die man einfach nicht erfinden kann, weil sie viel zu komplex sind. Mich in der Ethik und Moral des Protagonisten wiederzufinden, hat mich sehr stark berührt und bewegt….Die Handreichung von Protagonist und Autor ist sehr gut gelungen und in jedem Fall hilfreich!


Und hier ein kurzer Auszug aus dem „Tagebuch eines Magiers“.

Stolz und Verzweiflung

Zweifel entstehen, wenn uns die Information fehlt, um eine gute Entscheidung zu treffen. Das kann dann ein Anlass sein, unsere Gedanken zu ordnen und unser Wissen zu erweitern. Zweifel sind nichts Schlechtes, so wie auch Hunger nichts Schlechtes ist. Er ist ein Impuls, der uns antreibt, Essbares zu finden. Zuviel Hunger allerdings kann dazu führen, dass wir verhungern, und zu viele Zweifel lassen uns verzweifeln.

Verzweiflung aber ist ein destruktiver Zustand, in dem wir überzeugt sind, dass es nicht an Wissen fehlt, um die beste Alternative zu wählen, sondern dass alle verfügbaren Alternativen ins Verderben führen. Unsere Situation erscheint ausweglos. In dieser Verfassung – egal ob sie auf objektiven Fakten basiert oder nur auf unseren Vorstellungen – setzt ein körperlicher und mentaler Verfall ein, der tödlich enden kann. Verzweiflung kann einen Menschen vernichten.

Ich hatte ihn kaum erkannt. Der einzelne Mann, der am Tisch in dem eleganten Restaurant saß, war mehr als ein Abbild der Hoffnungslosigkeit, er war deren Verkörperung. Der König war am Ende. All die Zweifel, die er bei der Übergabe des Unternehmens an den Prinzen hegte, hatten die vergangenen zwei Jahre an ihm gefressen. Die bösen Geister aus seinen schlimmsten Albträumen, sie waren jetzt gekommen, um bei ihm zu bleiben. Nur noch ein Wunder konnte ihn retten. So hatte er dann allen Stolz abgelegt und nach dem Magier gerufen – und ich war tatsächlich gekommen.

Hatte ich denn keinen Stolz? Schließlich hatte ich doch seine Firma, die Grillo GmbH, damals aus der Krise geholt, von einer instabilen „schwarzen Null“ hatte ich die Firma in die solide Gewinnzone geführt. Die Eigner waren zufrieden und die Banken auch. Hat man mir Dank gezeigt? Im Gegenteil: die Türe hat man mir gezeigt. Der Mohr hatte seine Schuldigkeit getan.

Wie also war es um meinen Stolz bestellt? Ich könnte jetzt eine einfache, praktische Antwort geben, mit der Sie, lieber Leser, vielleicht zufrieden wären, die Sie vielleicht sogar erwarten:

„In meiner Branche kann man es sich nicht leisten, Stolz zu zeigen. Das wäre höchst unprofessionell.“ Diese Darlegung ist mir aber zu oberflächlich. Ich gehe etwas mehr in die Tiefe.

Stolz ist das Schutzschild für unsere Lebenslügen. Welche Lebenslüge hätte ich vor Familie Grillo zu verbergen gehabt? Mir fällt keine ein, daher brauchte ich auch kein Schutzschild. Ich war nicht stolz, ich war nur meiner selbst sicher. Und so hatte ich keine Scheu vor dem König.

Der Offenbarungseid

Wir hatten für unser Treffen – unter vier Augen – eine Lokalität gewählt, wo wir beide anonym waren. Da saß er nun, der halbe König, den ich damals so oft bei seinen Streitereien, seinen Zweifeln, seinen feigen Kompromissen und kleinen Gaunereien beobachtet hatte, und er tat mir leid.

Der Hilferuf als solcher war ja schon die Einleitung zu seinem Offenbarungseid gewesen. Was er mir nun eröffnen würde, waren die Fakten: Die Firma stand vor dem Konkurs. Würde sie abgewickelt, dann müssten die Banken einen zweistelligen Millionenbetrag abschreiben.

Den Verlust der Firma – und die Sorgen der Bank –hätte der König noch verkraftet. Was er nicht wegstecken konnte, war die Tatsache, dass die Familie im Falle einer Insolvenz mit einer ähnlichen Summe in der Kreide stünde. Man schuldete der Firma, dank großzügiger Entnahmen, einen achtstelligen Betrag. Ein potenzieller Konkursverwalter würde sich natürlich früher oder später bei diesen Schuldnern des Objektes seiner Obhut melden.

Die Furcht, dass auch die Familie ruiniert wäre, so gestand mir der König, diese Sorge war stärker gewesen als sein Stolz. So hat er dann den Gang nach Canossa angetreten, um letzte Hilfe bei mir zu suchen. Anderenfalls hätte ich nie mehr von ihm gehört.

Bei der Gelegenheit ließ sich der König sogar zu einem verhaltenen Kompliment hinreißen: Er hätte mich ja über die Jahre kennengelernt und wüsste um meine Fähigkeiten und Begabungen.

Ich sagte meine Hilfe zu und betonte, dass Eile geboten sei.


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