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Die Hingabe an den Putzlappen

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Putzarbeit ist für viele ein Graus. Kann man dabei aber auch Freude empfinden? Und wie, meint Putzexpertin Katharina Zaugg.
Katharina Zaugg, Entdeckerin der Wellness beim Putzen. (Foto: Alexander Preobrajenski)

Es ist Samstagnachmittag in Basel, 30 Grad, wer kann, geht schwimmen. Katharina Zaugg geht Abfall sammeln. Bereits zum dritten Mal heute. Sie trägt dazu keinen orangen Overall und keine Handschuhe, sondern eine türkise Stoffhose und eine gehäkelte Bluse. Mit der einen Hand zieht sie einen Wagen mit einem Müllsack hinter sich her, in der anderen hält sie eine vergoldete Salatzange. «Immer mit der schwachen Hand arbeiten, das stimuliert die andere Gehirnhälfte», leitet Zaugg die Abfall-Tour im Kleinbasel an, die im Rahmen der Umwelttage Basel stattfindet. Ausser ihrer Tochter und ihren zwei Enkelkindern sind jedoch keine Teilnehmer erschienen. Wer will schon freiwillig die Strassen reinigen?
Fast niemand. Genau darin liegt der Kern von Katharina Zauggs Arbeit. Seit dreissig Jahren versucht die studierte Ethnologin, Putzen aus der Schmuddelecke zu holen und der Tätigkeit eine Würde zu geben. In den Medien wird sie als Expertin für Wellness-Putzen gefeiert, sie selbst spricht von «achtsamer Raumpflege» und schreibt Bücher, hält Vorträge und gibt Workshops zum Thema. Mit ihrer 1988 gegründeten Reinigungsfirma «Mitenand Putzen GmbH» in Basel rückt sie regelmässig alleine oder im Team aus und macht Wohnungen sauber.

Hinschauen, wo sich andere wegdrehen, das hat sie schon immer gerne gemacht.

Dabei hatte sie mit Putzen lange nichts am Hut. Zwar war ihre Mutter Hausfrau, doch für die Reinigungsarbeiten hatte die Familie eine Fachkraft angestellt. Später, während des Studiums, habe sie höchstens «Brösmeli unter dem Tisch hervorgewischt», so Zaugg. Das änderte sich erst, als sie schwanger wurde und ihre Tochter alleine grosszog. «Auf einmal war ich immer nur am Putzen», erinnert sie sich. «Im Austausch mit anderen Müttern ist mir aufgefallen, welch niederer Wert dieser Tätigkeit anhaftet.» Und da sie Ethnologin ist und gewohnt, jede Situation zu hinterfragen beschloss sie, sich unser Verhältnis zum Dreck etwas näher anzuschauen.

Hinschauen, wo sich andere wegdrehen, das habe sie schon immer gerne gemacht. Eine gute Übung, um die Blockaden vor dem Dreck abzubauen, sei Abfall einsammeln. «Indem ich mich dem Dreck hingebe, anstatt ihm auszuweichen, bleibe ich elastisch», sagt Zaugg, und greift mit der vergoldeten Zange nach Zigarettenstummeln, Melonenschnitzen, Bierdosen und Taschentüchern. «So gibt mir jeder eingesammelte Zigistummel einen Atemzug mehr in meinem Leben.» Dabei beugt sie die Knie sanft und dreht sich schwungvoll nach links und rechts.

Wer Katharina Zaugg beobachtet und ihr zuhört merkt schnell: Putzen hat für die 66-Jährige nichts mit mechanischem Geschrubbe zu tun. Sondern mit Flow und Sinnlichkeit, mit Energie und Präsenz. In ihren Workshops lernen die Teilnehmer etwa beim Staubsaugen die Hüfte zu schwingen, mit geschlossenen Augen Fenster zu wischen, mit offenen Händen abzustauben oder den Lappen mit dem richtigen Dreh auszuwinden.

«Putzen ist Slow-Dance und fordert konstante Bewegung.»

Ein anderes Hilfsmittel für hingebungsvolles Putzen ist für Zaugg auch Singen. Denn wer singt, der atmet und wer atme, könne besser loslassen. Eine gute Übung sei es, summend zu Staubsaugen. Das hält dem Lärm entgegen und lässt die Atmung fliessen. Zaugg singt selbst leidenschaftlich gerne, am liebsten Jodel und Impro-Gesang. Seit bald zwei Jahren ist sie Mitglied im Surprise-Stras-senchor, ein Ort, an dem sie sich sehr zuhause fühle. «Die Chor-Mitglieder sind für mich mutige Menschen», sagt Zaugg. «In ihrem Alltag gehen sie einer Arbeit nach, die andere freiwillig nicht gerne tun. Wie das Putzen.» Ihrem Umfeld zu erklären, dass sie von nun an als Reinigungskraft arbeite, sei damals auf viel Unverständnis gestossen. Wenn sie heute wieder in die Schublade der armen Putzfrau gesteckt wird, nimmt sie sich das längst nicht mehr so zu Herzen. Dennoch: «Ich bin froh, wenn man mich als Handwerkerin sieht, nicht als arme Frau, die nichts erreicht hat.»

Zuhause kann Zaugg ihr Handwerk jedoch auch ruhen lassen. Sie sei keineswegs von einem Sauberkeitsfimmel getrieben.

«Dreck ist etwas vom Lebendigsten», sagt sie und lässt den Staub in ihrer Wohnung zwischendurch auch liegen. Nur wenn Besuch kommt, lege sie sich so richtig ins Zeugs. «Am liebsten streiche ich mit verdünntem Rosenwasser über die Oberflächen», sagt sie und malt mit der Hand eine Kreisbewegung in die Luft. «Aber nur, wenn es sein muss.» Ein wichtiges Element ihrer Putzlehre ist die Ökologie, und das bedeutet für sie mehr als nur biologisch abbaubare Reinigungsmittel. Auch die richtige Dosierung, ein schöner Putzschrank und fair bezahlte Arbeitskräfte gehörten dazu. Vor allem aber die mentale Einstellung.

Denn Putzen reinige nicht nur das Haus, sondern auch den Geist. 

Ihr Konzept der «achtsamen Raumpflege» will in erster Linie der Tätigkeit die volle Aufmerksamkeit schenken, angelehnt an den Zen-Buddismus. «Zu Zen gehört auch die Pflege von sogenannten profanen Tätigkeiten», so Zaugg. «In der bürgerlichen Hierarchie kommt die Reinigung an unterster Stelle, die gerne delegiert wird. In der geistigen gibt es keine Entwicklung ohne Reinigung.» Das wusste schon Beppo der Strassenkehrer, die Figur aus Michael Endes Buch «Momo», der langsam, aber stetig die ganze Strasse kehrt: Bei jedem Schritt einen Atemzug und bei jedem Atemzug einen Besenstrich.

«Nur wenn du deine Arbeit mit voller Präsenz ausführst, ist es eine gute Arbeit», ist die Essenz von Beppos Lehre, der sich auch Zaugg anschliesst. Trotz allem: «Putzen an sich ist nichts Tolles», sagt sie. Aber eben eine notwendige Tätigkeit, die sie «zivilisatorische Gartenarbeit» nennt. «Wer sich ihr verweigert, bleibt stehen. Nur wer sich ihr hingibt, kommt weiter.»
Nach einer halben Stunde endet die Abfalltour im Kleinbasel. In dieser Zeit hat die Putz-Equipe einen Sack mit Müll, einen mit Papier und einen mit Dosen gefüllt. Und das war nur der gröbste Dreck.

Dann verabschieden sich auch Zauggs Enkelkinder eilig. Das Schwimmbad ruft.

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www.mitenand-putzen.ch 

Glücklicher, wohlhabender und fruchtbarer: Großzügigkeit und Selbstlosigkeit wird belohnt

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Großzügige und selbstlose Menschen sind glücklicher. Dieser Zusammenhang wurde in der Vergangenheit schon mehrfach belegt. Jetzt gibt es starke Argumente dafür, dass sie auch mehr verdienen und mehr Kinder haben.
Baul Barthel - Glückliche Kinder cc

Ein Team, rund um den Forscher Kimmo Eriksson von der Universität Stockholm, hat starke Belege dafür gefunden, dass soziales Bewusstsein nicht nur gut fürs Wohlbefinden ist, sondern ausserdem auch noch mit Einkommensgewinnen und Kinderreichtum einhergeht.

Im Journal of Personality and Social Psychology belegen die Forscher diese These mit fünf Studien, die sich mit solchen Zusammenhängen beschäftigen. Sie analysierten vier umfangreiche Datensätze, darunter auch eine repräsentative Langezeit-Stichprobe britischer Haushalte. Die Forscher setzen die Befragungsergebnisse von Briten zu altruistischem Verhalten aus dem Jahr 2010 ins Verhältnis zur Einkommensentwicklung und der Kinderzahl in 2016.

Der Altruismus der Befragten wurde anhand der Spendenbereitschaft für wohltätige Zwecke und dem Zeitaufwand für ehrenamtliche Tätigkeiten gemessen. Die Forscher fanden heraus, dass  altruistische Briten mehr Kinder und ein höheren Zuwachs an Einkommen hatten, als ihre selbstsüchtigeren Zeitgenossen.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine amerikanische Studie mit Daten aus dem Panel Study of Income Dynamics. In dem untersuchten Zeitraum von 14 Jahren, hatten die „Altruisten“  sowohl die meisten Kinder, als auch das höchste Einkommen. In beiden Studien war der Einkommenszuwachs allerdings bei den „moderat“ sozialen Menschen am höchsten. Höher als bei der Gruppe der „extremen Altruisten“. Die Wissenschaftler erklären dies wie folgt: „extreme Altruisten“ sind öfter mit Jobs zufrieden, die es ihnen erlauben, direkt zu helfen. Diese Jobs sind aber schlecht bezahlt.

Die Forscher erklären den Kinderreichtum der gemäßigten Altruisten wie folgt: Egoistische Menschen haben öfter „Beziehungen von geringerer Qualität“. Das führt dazu, dass sie „weniger Möglichkeiten haben, Kinder zu bekommen“.

Außerdem haben sie keine Lust auf die hohen Ausgaben und den persönlichen Verzicht, der mit Kindern einhergeht.

Dass Altruisten mehr Kinder haben, halten sie für keinen Beweis dafür, dass sich die Menschheit als Ganzes altruistischer wird. Die Verbreitung des Altruismus-Gens sei nicht entscheidend.  Normen, Institutionen und andere psychologische Faktoren hätten einen ganz entscheidenden Einfluss darauf, wie egoistisch Gesellschaften sind.

 

 

Schraube Locker? Es ist einfach Unsinn die Reparatur nicht zu fördern.

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Umweltverbände und Initiativen fordern das Recht auf Reparatur. Ab heute wird in Brüssel darüber entschieden. Die Eco-Designrichtlinie wäre ein Chance, aber..
Redaktion

Berlin, 10. Dezember 2018.

Der Runde Tisch Reparatur und die Initiative „Schraube locker!?“ fordern die Bundesregierung auf, die einmalige Chance zu nutzen und sich im Regelungsausschuss der Ökodesign-Richtlinie für bessere Reparierbarkeit einzusetzen.

Die VertreterInnen der EU-Mitgliedstaaten wurde heute Vormittag in Brüssel von Umweltaktivisten und Mitgliedern der Initiative „Schraube locker“ empfangen. Sie warn auf dem Weg  ins Borschette Zentrum, in dem die erste, einer ganzen Reihe von Abstimmungen über die neuen  Ökodesign-Standards  stattfinden. Heute ging es es einmal um die Produktgruppe Kühlschränke. Deutschland wird in den Regelungsausschüssen durch Abgesandte des Umwelt- und Wirtschaftsministeriums vertreten.

Die Reparatur ist massiv bedroht

„Reparaturdienstleistungen sind massiv bedroht. Der schlechte Zugang zu Ersatzteilen für unabhängige Reparateure ist eine der Hauptursachen.

Mit der Abstimmung heute könnte eine Kehrtwende eingeläutet werden. Die Bundesregierung muss diese Chance, auf die wir seit vielen Jahren warten, jetzt wahrnehmen, wenn sie es mit Klimaschutz und Ressourcenschutz und lokalen Arbeitsplätzen ernst nimmt.“, sagt Johanna Sydow, Koordinatorin des Runden Tisches Reparatur.

Vor drei Wochen haben sich bereits 44 Forschungsinstitute, Verbraucherschützer, Umweltverbände und Unternehmen an Minister Altmaier und Ministerin Schulze gewandt und sie darum gebeten sich heute für VerbraucherInnen, Umwelt und lokale Arbeitsplätze durch die Stärkung von Reparatur einzusetzen.

Neben einer besseren Energieeffizienz könnten die erweiterten Standards erstmals auch vorsehen, eine lange Lebensdauer von Produkten durch die Stärkung von Reparatur und Wiederverwendung zu fördern. Die neuen Standards wurden für die drei Produktgruppen Kühlschränke, Waschmaschinen und Spülmaschinen von der EU-Kommission vorgeschlagen.

108.000 Bürger forderten die Bundesregierung auf sich heute für Reparatur einzusetzen

Im Vorfeld der Abstimmung auf EU-Ebene wurden in mehreren Ländern Petitionen für das Recht auf Reparatur initiiert. Die Petition in Deutschland übergaben die Initiatorinnen von Schraube locker!? vergangene Woche an die Umweltministerin Svenja Schulze. Über 108.000 UnterzeichnerInnen forderten die Bundesregierung dazu auf, sich für bessere Reparierbarkeit auf EU-Ebene einzusetzen.

Joyce-Ann Syhre von „Schraube locker!?“, erklärt dazu: „Die Bundesregierung kann heute zeigen, ob sie die Wünsche der Bevölkerung ernst nimmt und ein Zeichen gegen die Wegwerfgesellschaft setzt. Produkte zu reparieren bedeutet, Ressourcen zu sparen, das Klima zu schützen und den Geldbeutel der VerbraucherInnen zu schonen. Es ist

einfach Unsinn, Reparatur nicht zu fördern.“

mono no aware

Traditionelles japanisches Handwerk macht uns diese Haltung einfach.

Zarte Pinselstriche auf Papier oder Keramik, wirken wie zufällig, dahingehaucht.

Die «unfertigen» Zeichnungen von Meisterhand unterstreichen das Lebendige, das Vergängliche. Viel «Nichts» und Leere lassen sie uns besonders kostbar erscheinen und machen das Flüchtige sichtbar.

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Perfektion ist unmenschlich.

Wabi Sabi: die Schönheit des Alten und Einfachen

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Unsere Wirtschaft ist süchtig nach Neuem. Das vorzeitige Altern von Produkten befeuert die Wachstumsspirale. Die japanische Ästhetik kann uns helfen, aus diesem Teufelskreis auszubrechen.
(Bild: Shutterstock)

Wer bei Wabi Sabi an den grünen Meerrettich denkt, den man zu Sushi serviert, liegt rein geografisch gesehen nicht ganz falsch. Wabi-Sabi ist die Grundlage japanischer Ästhetik und tief in seiner Zen-Kultur verwurzelt.
Die Prinzipien dieser Ästhetik sind: mono no aware (das Pathos der Dinge), Wabi (die Schönheit der Armut), Sabi (die Schönheit des Alterns), yugen (geheimnisvolle Tiefe), iki (Verfeinerung) und kire (Beschneiden/Grenze). Sie können uns helfen, unsere Haltung den Dingen gegenüber zu überdenken und zu verstehen.

mono no aware

Mono no aware beschreibt das Gefühl, wenn wir uns der eigenen Vergänglichkeit bewusst werden. Das ist vielleicht kein schönes Gefühl; aber wir können auf unterschiedliche Art damit umgehen. Wir können verzweifeln und das Gefühl haben, alles sei nichtig und wertlos. Wir können den Schmerz der Vergänglichkeit aber auch in Liebe, Respekt und Wertschätzung für alles, was ist, verwandeln. Denn alles, was ist, hat einen Eigenwert und verdient nicht nur unseren Respekt, sondern auch ein wenig Ehrfurcht. Zumal das Rätsel des Seins bis heute nicht gelöst ist: Wir sind und wissen nicht warum.
Traditionelles japanisches Handwerk macht uns diese Haltung einfach. Zarte Pinselstriche auf Papier oder Keramik, wirken wie zufällig, dahingehaucht. Die «unfertigen» Zeichnungen von Meisterhand unterstreichen das Lebendige, das Vergängliche. Viel «Nichts» und Leere lassen sie uns besonders kostbar erscheinen und machen das Flüchtige sichtbar. Raffinierte Glasuren und Brenntechniken sorgen für Neuprodukte, denen man ihre Alter nicht ansieht.

wabi

Die Schönheit der Einfachheit, des Unprätentiösen und Unperfekten ist für uns Westler besonders schwer zu erkennen. Denn auch das Prinzip wabi beruht auf dem Zusammenspiel zwischen dem, was ist, und dem was nicht ist oder nicht mehr ist, bzw. nicht mehr sein wird. Es fordert uns auf, unser Herz nicht an Materielles zu hängen. Die Kirschblüte ist immer vollkommen, auch wenn sie verblüht ist, der Vollmond ist auch schön, wenn wir ihn nur mit dem Herzen sehen können. Wabi fordert uns auf, uns am Sein zu freuen und seine Vergänglichkeit zu feiern. Wabi würdigt das Alltägliche und fordert uns auf, mit einfachen Dingen zufrieden zu sein.

sabi

Sabi berührt die Frage des Alterns. Sabi verlangt nach Materialien und Konstruktionen, die fürs Altern gemacht sind und durch den Gebrauch schöner und kostbarer werden. Gebrauchsspuren, auch sichtbare Reparaturen, werten sie auf. Dies hat nicht nur mit unserer Beziehung zu den Dingen zu tun, sondern auch mit dem Material, wie es verarbeitet wird und wie es altert.

Wenn wir uns mit Dingen umgeben, die mit der Zeit schöner werden, hilft es uns, das eigene Altern als Prozess der Reifung zu akzeptieren.

Leder, Metalle oder Holz altern beispielsweise auf eine Art und Weise, die uns gut tut. Andere Dinge können nicht altern, weil sie nie «neu» ausgesehen haben. Wenn wir uns mit Dingen umgeben, die mit der Zeit schöner werden, hilft es uns, das eigene Altern als Prozess der Reifung zu akzeptieren. Vor allem das Prinzip Sabi gibt uns einen Zugang zum Pathos der Objekte.

yugen

Dies ist Schönheit des Verborgenen, des Unsichtbaren, der impliziten Eigenschaften, die wir nur erahnen können, die transzendente Welt «dahinter». Yugen wird auch mit Begriffen wie dunkel, tief oder mysteriös verbunden. Es sind Erfahrungen und Empfindungen, über die wir nicht sprechen und auch nicht schreiben können.

wabi-Sabi-Design: Auf dem Weg zu einer nachhaltigen Gestaltung

Wabi-Sabi finden wir heute noch in Teilen des Handwerks. Dort, wo die Hand erkennbar Spuren hinterlässt und nicht versucht, die Perfektion der industriellen Produktion zu imitieren. Schon Ruskin beschrieb das Prinzip der Industrie als eine Praxis, die aus Menschen Maschinen macht, und forderte, dass man niemals etwas Perfektes kaufen sollte. Perfektion ist unmenschlich.
Die Suche nach zukunftsfähigen Designwerkzeugen hat Wabi-Sabi auch im industriellen Westen ankommen lassen, zum Beispiel bei Vasiliki Tsaknaki und Ylva Fernaeus, zwei jungen Designerinnen an Schwedens Königlich Technischer Hochschule (KTH). Sie haben sich gefragt, wie elektronische Geräte mit Hilfe von Wabi-Sabi-Prinzipien neu erdacht werden können.
Ihr Vorschlag: Lasst uns gar nicht erst den Versuch unternehmen, Vergänglichkeit technisch zu lösen, sondern zur Grundlage des Entwurfsprozesses machen. Wie das geht, zeigen sie anhand eines elektronischen Notizbuches, einer Spieluhr, eines haptischen Simulators und einem Paar Kopfhörern. Alle Produkte können von ihren Nutzern mitgestaltet werden und sind für Reparaturen und Updates geeignet. Die Materialien sind biologisch abbaubar oder rezyklierbar. Sie haben eine unperfekte Gestalt, einen handwerklichen Charakter oder sind so zerbrechlich, dass sie einen achtsamen Gebrauch erzwingen. Keines sieht «neu» aus, und alles altert schön oder ist einfach auszutauschen.

Wie können wir wabi-Sabi leben?

wabi Sabi hört sich abstrakt an. Doch es ganz einfach und sehr kostengünstig, so zu leben. Was brauchen wir dafür? Unaufdringliche Dinge, aus Materialien, die fürs den Gebrauch gemacht sind und nicht aus der Mode kommen. Statt in Luxus-Einrichtungshäuser oder bei IKEA einzukaufen, besuchen wir Second-Hand-Kaufhäuser, Flohmärkte, Gebraucht-Güter Plattformen oder teilen und tauschen. Empfehlenswert ist auch ein Kurs bei Kintsugi Meistern. Sie fügen Zerbrochenes mit vergoldetem oder versilbertem Lack so kunstvoll zusammen, dass sie noch schöner sind, als zuvor.

Mehr Infos unter: www.humanitycrew.org

 

Psychologische und ökonomische Obsoleszenz

Wenn der Mixer nicht repariert wird, weil ein Ersatzteil fehlt, oder der müde Akku unseres Smartphones nicht getauscht werden kann, weil sich das Gehäuse nicht öffnen lässt, ist sofort von geplanter Obsoleszenz die Rede. Untersuchungen belegen: Es gibt Produkte, deren Lebensdauer absichtlich verkürzt wird.
Das ist sehr ärgerlich und in Frankreich sogar verboten. Viel schlimmer, weil folgen-reicher, sind die Auswirkungen psychologischer und ökonomischer Obsoleszenz.

Von ökonomischer Obsoleszenz spricht man zum Beispiel, wenn wir eine Reparatur – verglichen mit Neupreisen – «zu teuer» finden. Die «Schmerzgrenze» liegt bei den meisten Menschen bei 50 Prozent des Neupreises. Der «Runde Tisch Reparatur» (www.runder-tisch-reparatur.de) wirft den Herstellern vor, Ersatzteilpreise zu verteuern, um den Absatz ihrer Neugeräte zu fördern. Er fordert ein Recht auf Reparatur und den Zugang zu Ersatzteilen, Reparaturinformationen und Reparatursoftwares für alle.
Die zweite grosse «Obsoleszenz-Falle» ist der Glanz, den alles Neue für uns hat. Nur weil wir Dinge kaufen, die wir schon haben oder nicht brauchen, wächst die Wirtschaft immer weiter. Das ist ein grosses Problem.
Denn lernen wir nicht, dem, was schon da ist, mehr Wertschätzung entgegenbringen, werden wir die Klima- und Ressourcenschutzziele verfehlen. Neben umweltfreundlichem Design braucht die Welt daher auch Wabi-Sabi. Ganz viel Wabi-Sabi.

Was uns die Glückswissenschaften in diesem Jahr bescheren

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Die Wissenschaftler am Greater Good Science in Berkeley beschäftigen sich schon lange mit der Frage, was Menschen glücklich macht. Gute Beziehungen zu anderen Menschen spielen dabei eine Schlüsselrolle. Doch Beziehungen sind kompliziert, und wir wissen immer mehr darüber, was sie gelingen oder scheitern lässt. Zum Jahresende fassen die Experten aus Berkeley die wichtigsten neuen Erkenntnisse aus 2018 zusammen.
cc: grandjete

Freundschaften wachsen langsam und erfordern viel gemeinsam verbrachte Zeit. Jeffrey Hall von der „University of Kansas“ hat sich mit der Frage beschäftigt, wie lange es braucht, bis man „befreundet“ ist. Dazu hat er Studienanfänger und Menschen begleitet, die umgezogen sind. So konnte er Daten darüber sammeln, wie lange es braucht, bis Freundschaften entstehen.

Schüler brauchten 43 Stunden und Erwachsene 94 Stunden, bis Fremde gute Bekannte waren. Nach 57 Stunden waren die guten Bekannten der Studentinnen zu FreundInnen geworden. Erwachsene brauchten dafür im Durchschnitt 164 Stunden.  Nach 119 gemeinsam verbrachten Stunden hatten StudentInnen das Gefühl, richtig gute oder sogar beste Freunde zu sein. Bei Erwachsene waren dafür im Durchschnitt 264 Stunden notwendig.

Wir überschätzen oft unsere Fähigkeit zur Empathie 

Gleich mehrere Studien kommen zu dem Ergebnis, dass unsere Fähigkeit zu verstehen, wie Andere sich fühlen, weniger gut ist, als wir glauben. Das scheint vor allem für Menschen zu gelten, die ganz besonders stolz auf ihre Menschenkenntnis sind. Wer sicher gehen möchte, dem empfehlen die Experten Fragen zu stellen und dann aufmerksam zuhören.

Alles eine Frage der Atemtechnik?!?

Der eigenen Wut freien Lauf zu lassen ist selten nützlich. „Achtsamkeitsübungen“  helfen, mit diesen Gefühlen anders umzugehen. Wer regelmäßig meditiert, lernt Ärger und Wut zu kontrollieren und damit gelassener umzugehen. Wegatmen hilft tatsächlich.

Gut ausgeschlafen, sind wir weniger einsam

Menschen, die sich einsam fühlen, schlafen schlechter als andere, das war schon lange bekannt. Neu ist, dass wohl auch umgekehrt gilt: Wenn wir schlecht geschlafen haben, wollen wir nicht, dass andere Menschen uns näher kommen und diejenigen, denen wir begegnen, spüren es. Ein Teufelskreis! Umgekehrt gilt also auch: Wären alle ausgeschlafen, wären alle weniger einsam.

Smartphones machen persönliche Begegnungen weniger befriedigend.

Eine andere Studie untersuchte, wie Smartphones persönliche Begegnungen beeinflusst. Es lohnt sich nämlich bei einer gemeinsamen Mahlzeit das Handy auszumachen. Man ist weniger abgelenkt, zugewandter, langweilt sich seltener und ist besser gelaunt.

Es gibt außerdem deutliche Hinweise darauf, dass Jugendliche, die viel Zeit mit ihrem Smartphone oder vor dem Computer verbringen, weniger glücklich sind. Das muss aber nicht immer der Fall sein. Jugendliche, die intensiv mit Freunden chatten, verbringen mit diesen Chatt-Freunden auch mehr persönliche Zeit. Das Smartphone kann also Beziehungen fördern. Beim gemeinsamen Essen allerdings nicht.

Die Gefühle der Teenagern sind tatsächlich „durcheinander“.

Emotionale Achterbahnfahrten mit Teenagern sind normal. Das weiss jeder. Allerdings war immer noch nicht ganz klar, warum Jugendliche so starken Gefühlsschwankungen ausgesetzt sind. Forscher von Harvard und der University of Washington baten junge Menschen im Alter von fünf bis 25 Jahren, sich Bilder von weinenden Babys anzusehen. Teenager konnten diese Bilder weniger gut deuten als andere. Sie fühlten sich manchmal gleichzeitig wütend und traurig, weil sie diese Gefühle nicht gut unterscheiden konnten.

Jugendliche müssen aber nicht erst erwachsen werden, um sich selber besser zu verstehen. Versuche mit Jugendlichen in der Schule mit dem Ziel, ihnen dabei zu helfen, ihre Gefühle besser zu verstehen, waren sehr erfolgreich. Sprechen hilft.

Das Gefühl zu einem politischen Lager zu gehören, hat mehr Gewicht als die Haltung zu konkreten Themen

Sind wir für oder gegen die gleichgeschlechtliche Ehen oder Einwanderung? Wir glauben meist, dass unsere politischen Haltungen rationale Erwägungen zugrunde liegen. Eine ganze Reihe von Studien lassen aber den Schluss zu, dass nicht unsere Position zu konkreten Themen für unser Wahlverhalten und Denken entscheidend ist, sondern das Gefühl zu einem bestimmten „Lager“ zu gehören. WählerInnen, die sich dem konservativen Lage zugehörig fühlen, wählen auch dann konservativ, wenn sie in vielen Forderungen des „gegnerischen“ Lager übereinstimmen. Konstruktiv gewendet bedeutet dies: Es gibt meist mehr Gemeinsamkeiten als man denkt und sprechen hilft, ideologische Gegensätze zu überwinden. Für die Wähler Trumps war übrigens letztlich das Gefühl entscheidend, zum Lager der weißen, christlichen Rasse zu gehören, deren Existenz bedroht ist.

Egalitäre Gesellschaften sind glücklicher 

Eine andere Studie hat erneut die Bedeutung von „Gleichheit“ bzw. „Gleichberechtigung“ für das Glück von Nationen untersucht. Anhand des World Values ​​Survey – einem großen Datenpool, der das Wohlbefinden von Menschen weltweit misst – wurden die Bewohner Westeuropas, der USA, Kanada, Australien, Neuseeland und Japan unter diesem Gesichtspunkt betrachtet. Untersucht wurden die Gleichstellung der Geschlechter, der Bildungsstand, der Frauenanteil im Parlament, Einkommen, Lebenserwartung und anderes mehr.

Das Ergebnis war eindeutig:

Menschen, die in egalitären Ländern leben, sind glücklicher.  Interessanter Weise gilt das (noch) mehr für Männer als für Frauen. Die Forscher schließen daraus, dass Regierungen den Themen Gleichheit und Gleichberechtigung eine sehr viel höhere Priorität einräumen sollten. 

 

Welch ein Erfolg: Das “Copenhagen Organic Project“

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2001 setzte sich die Stadt Kopenhagen das Ziel, dass spätestens 2020 die 60.000 Essen, die in den 900 Kantinen der Stadt täglich ausgegeben werden, zu 90 Prozent aus Bio-Lebensmitteln zubereitet werden. So ehrgeizig sich das anhören mag, die Übung ist schneller als erwartet gelungen. Alle profitieren: Die Umwelt, die Region, die Gesundheit, die Mitarbeiter in Küchen und Kantinen, ihre Gäste und die Beschäftigungs-Statistik. Die Bilanz ist großartig: Es ist eine überwältigende „Win-Win-Win“-Strategie.
cc KBH Madhus

Der schnelle Erfolg ist sowohl der Entschlossenheit der Stadt, als auch der exzellenten Arbeit des „House of Food“ zu  verdanken, und dem ganzheitlichen Beratungsansatz, der dort entwickelt wurde. Geleitet wird die Stiftung von Kenneth Hogjard. Köche, Ernährungsberater, Psychologen und Kommunikationsexperten arbeiten im „Madhus“ zusammen. Umweltpolitischer Hintergrund der massiven Bio-Offensive ist der Schutz des Grundwassers.

2001 war die Ausgangslage schlecht.

Der Bio-Anteil lag bei Null Prozent. In den Küchen arbeiteten Hilfskräfte, die das Kochen nicht gelernt hatten. Vorgekochte Mahlzeiten wurden in Großgebinden eingekauft, aufgewärmt und verteilt. Die Kantinen-Mitarbeiter waren weder stolz auf ihre Arbeit, noch verstanden sie sich als Gastgeber oder benahmen sich wie solche. Das Essen schmeckte nicht, und der Ruf der Kantinen war miserable.

Der Ruf der Kantinen war miserabel

Dass Kopenhagens Kantinen inzwischen für ihr gutes, kostengünstiges und gesundes Essen geliebt werden, liegt nicht in erster Linie daran, dass die Zutaten „Bio“ sind. Das verdanken sie in erster Linie der Tatsache, dass es dort besonders gut schmeckt. Wie ist das möglich?

Ganz einfach: Wo früher nur der Inhalt von Eimern und Plastik-Gefäßen aufgewärmt oder weiterverarbeitet wurde, arbeiten heute qalifizierte KöchInnen und KüchenmitarbeiterInnen, die möglichst viel selber machen.

Begonnen wurde mit der Ernährungswende in Kindergärten und Seniorenheimen: Dort wo gesundes Essen besonders wichtig ist. Inzwischen wurden alle 900 Kantinen, Heimküchen, Schul- und Hortküchen einbezogen und lernen ständig dazu.

Sie kaufen zum Beispiel ganze Tiere und zerlegen und verarbeiten sie selber komplett. Sie backen Brote, machen Jogurt, kaufen regional und saisonal, und sie beziehen in Schulen und Kindergärten ihre kleinen Gäste in das Küchengeschehen mit ein. Das House of Food unterstützt sie mit Essenplänen, Gemeinschaftseinkauf und schult und berät.

Ernährungsbildung, Information und Kommunikation nach außen und innen gehören ebenso zu diesem Plan, wie eine liebevolle Essensausgabe und das Servieren am Tisch. Alle sollen sich willkommen und ordentlich verwöhnt fühlen.

In den Schulen gibt es Fleisch-Tage, Fisch-Tage, Suppen-Tage, Vegetarische Tage und Porridge-Tage. Gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Wer immer nur Pommes oder Spagetti essen möchte, muss hungrig nach Hause gehen. Gesundes Essen, will eben auch gelernt sein.

Als „beste Lösung“ gelten Küchen einer kompletten Ausstattung und zwei KöchInnen, die jeden Tag eine kleine Gruppe Kinder in die Zubereitung des Essens mit einbeziehen. Zweitbeste Lösung sind Küchen, die nur zu 75 % Bio-Lebensmittel verarbeiten (Ziel 95 %), nur einen Koch haben und Essen zubereiten, das zum Teil anderorts gekocht wurden. Grundlebensmittel wie Fisch, Kartoffeln, Reis oder Spagetti müssen allerdings vor Ort frisch zubereitet werden.

Langweilig wird es den Hadhus Mitarbeitern derzeit noch nicht. Sie stecken Ihre Energie jetzt in die Weiterbildung der Küchenmitarbeiter, in die Ausbildung neuer Köche und in die Ernährungsbildung. Ein Teil der Mittel, die die Stadt Kopenhagen für die Ernährungspolitik zu Verfügung stellt, wurde in die Ausstattung von Schulküchen gestellt, in denen jetzt regelmäßig Schulklassen zu Kochkursen eingeladen werden, und die Kinder spielerisch lernen, gesundes Essen selber herzustellen und wertzuschätzen.

Wenn das Narrativ stimmt, sind Fakten zweitrangig

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24. DEZEMBER 2018
Der Skandal um den gefallenen Starreporter Claas Relotius vom deutschen Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» zieht auch die «große Reportage» in Zweifel. Es kann nicht sein, dass im Qualitätsjournalismus Form und Stimmung wichtiger sind als Fakten.

Ich kannte den Spiegel-Gründer Rudolf Augstein nicht, aber einige seiner leitenden Redakteure – und die wären, soviel ist sicher, als Verantwortliche oder Beteiligte einer solche Fälschungsserie sofort und reihenweise gefeuert worden. Und es wäre ein Verdikt von Rudolf ergangen, dass diese magazinigen, gefühligen Reportagen mit Human-Touch-Getue und Real-Life-Suggestionen, all diese „große Reportage“-Prosa mit ihren szenischen Textbausteinen aus dem Creative-Writing-Workshop, in einem „Nachrichtenmagazin“ absolut nichts zu suchen haben.

Sie haben ihre Berechtigung auf den Vergnügungsdampfern der Unterhaltungsindustrie, aber nicht in einem dem Journalismus verpflichteten Presseorgan mit dem Motto: „Sagen, was ist.“

Dass Spiegel-Artikel zu Augsteins Zeiten nur in Ausnahmefällen namentlich gekennzeichnet waren, hatte ja durchaus sein Gutes: Verhinderte Schriftsteller und Prosaisten konnten sich nicht spreizen, die berichteten Tatsachen, die Nachricht, stand im Vordergrund. Und die Qualität der Beiträge wurde nicht in Journalistenpreisen gemessen, sondern an dem, was sie politisch, juristisch oder sonst wie ins Rollen brachten.

Diese Zeiten sind lange vorbei und am wenigsten kann man das dem jetzt geächteten Jungstar am Reporterhimmel Claas Relotius vorwerfen, denn der phantasiebegabte Autor hat einfach nur geliefert, was seine Oberen verlangten und in ihren Spin passte.

Keine Nachrichten, sondern Stimmungsbilder – und wenn die Stimmung stimmt, kommt es auf Fakten nicht mehr wirklich an. Wenn dann das, „was ist“, zum Beispiel die stinknormalen Trump-Wähler einer Kleinstadt in Minnesota, den gewünschten Spin nicht hergibt, dann erfindet der kreative Schreiber eben ein finsteres Nest waffentragender Dumpfbacken. Und wenn das Narrativ stimmt, sind die Fakten zweitrangig und der Schwurbel kommt prominent ins Blatt.

Als ich 2004 einmal in einer Fernsehsendung mit zwei „Spiegel“-Redakteuren über 9/11 diskutiert hatte und wir danach bei einem Kaffee noch plauderten, meinten sie, dass sie einiges in meinen Büchern ja auch richtig gut fänden – zuvor in der Sendung hatten sie mir „Verschwörungstheorien“ und „schlechte Recherche“ vorgeworfen – nur dass ich ihre Zeitschrift immer als „ehemaliges Nachrichtenmagazin“ bezeichne, das würde ihnen überhaupt nicht gefallen. Diese Bezeichnung war mir einmal bei einem Vortrag rausgerutscht, als ich eine Spiegel-Story mit dem Titel „9/11 – Was wirklich geschah“ kommentierte, und wie das so ist – wenn das Publikum lacht, nehmen wir den Gag ins Repertoire – zog diese Präzisierung der hochkarätigen Marke „Nachrichtenmagazin“ dann als geflügeltes Wort seine Kreise.

Zu erfahren, dass sich die „Spiegel“-Leute darüber ärgerten, war natürlich erfreulich.

„Wir waren dabei und kennen die Wahrheit“-Gestus

Es war diese „9/11 – Was wirklich geschah“-Story – eine im Reportagestil von einem Dutzend Autoren montierte Geschichte der „wirklichen“ Ereignisse – und ein Buch, das sie daraus gemacht hatten -, die ich im Oktober 2002 mit dem „Spiegel“-Redakteur Ulrich Fichtner im WDR-Radio diskutiert hatte. Nachdem Fichtner mein aus der WTC-Conspiracy-Serie auf Telepolishervorgegangenes Buch („Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11.9.“, Verlag Zweitausendeins) im „Spiegel“ als „Septemberlüge“ von links mit der „Auschwitzlüge“ von rechts verglichen hatte, lud uns Walter van Rossum zur Diskussion ins WDR-Funkhaus ein.

Als ich jetzt die selbstkritische Darstellung der Fälschungsserie im „Spiegel“ las – verfasst von dem mittlerweile zum Vize-Chefredakteur aufgestiegenen Ullrich Fichtner erinnerte ich mich an diese Debatte. Und fand die Lektüre des Transskripts der Sendung überaus aufschlussreich.
Nicht nur medienhistorisch – der penetrante Generalverdacht von „Quellen aus dem Internet“ -, sondern auch aktuell, denn es ist genau dieser Fake-Reportage-Stil, der Fichtner hier in Sachen 9/11 vorgehalten wird: die Real-Life-Suggestion, das so Tun als würde man „Terroristen“ bei der Vorbereitung des Anschlags über die Schulter schauen, die ganze szenische Dramaturgie mit atmosphärischen Einsprengseln und der „Wir waren dabei und kennen die Wahrheit“-Gestus, der sich dann auch nicht scheut, diese Prosa-Melange unter dem Titel „9/11- Was wirklich geschah“ als Dokument, als Nachricht, als Journalismus zu verkaufen.

Was dem kreativen Autor Roletius jetzt vorgeworfen wird, ist letztlich genau das, was seine Vorgesetzten und Ziehväter Ullrich Fichtner et. al. nach dem 11.9. September getrieben haben– mit dem einzigen Unterschied, dass sie sich Osama und die 19 Hijacker als Alleintäter nicht selbst ausgedacht, sondern vom Weißen Haus unhinterfragt übernommen und eine geile Story daraus gestrickt haben. Dass die wahren Fakten völlig unklar waren und entscheidende Fragen offen, war zweitrangig – das Narrativ stimmte und der Schwurbel kam auf die Titelseite.

Das Problem ist jetzt also gar nicht, dass ein aufgeweckter Newcomer dieses Prinzip durchschaut und sich trickreich zu Nutze gemacht hat, sondern dass man beim „Spiegel“ anscheinend noch gar nicht gecheckt hat, wo das Problem eigentlich liegt. Nämlich in der Verabschiedung von der Übermittlung und Einordnung von Fakten, vom „Sagen, was ist“ eines Nachrichtenmagazins – bei gleichzeitiger Hinwendung zu pseudojournalistischem Agendasetting und „Ausmalen, wie sich’s anfühlt“.

So sehr man sich beim „Spiegel“ nun auch grämt – „Dieses Haus ist erschüttert. Uns ist das Schlimmste passiert, was einer Redaktion passieren kann. (…) Das beschämt uns. (…) Die meisten Kollegen reagieren erschüttert. Bei einigen fließen Tränen….“ tropft es aus der jüngsten Ausgabe – helfen kann nur noch ein radikales Revirement im Sinne von Rudolf.

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Gefragt: freiwilliger Einsatz — Zehn Prozent der Bevölkerung von Gossau engagieren sich in der Freiwilligenarbeit.

Zehn Prozent der Bevölkerung von Gossau engagieren sich in der Freiwilligenarbeit. Der Ort im Zürcher Oberland ist ein gutes Beispiel dafür, dass man Gemeinden nicht als Wirtschaftsunternehmen führen muss.

Jörg Kündig ist viel unterwegs für seine Gemeinde Gossau im Zürcher Oberland. Gegen tausend Freiwillige – rund 10 Prozent der Bevölkerung – helfen mit. 

Als Gemeindepräsident weiss er: Ohne sein Team würde Gossau sofort stillstehen. «Im inneren Kreis engagieren sich Freiwillige im Gemeinderat, in eigenständigen Behörden und Kommissionen, in der Schul- und Kirchenpflegen oder in Vorständen der gemeindeeigenen Betriebe», sagt Kündig.

25. DEZEMBER 2018 • VON HANS WIRZ

Das AntWort ist da

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Liebe Leserinnen und Leser,

Die Wahrheit ist da! Oder besser gesagt, «Das Antwort – die Wahrheit des Absurden» des Berner Musikers und Autors Anton Brüschweiler.

Morgen Freitag findet in der Chäsi Gysenstein bei Konolfingen die Buchvernissage statt, u.a. mit dem Stimmkünstler Andreas Schaerer. Das Programm ist vielleicht nicht gerade weihnächtlich, aber ein wohltuender Kontrast zur etwas hilflosen Ernsthaftigkeit dieser Zeit.

Brüschweiler ist schweizweit bekannt geworden, weil seine absurde Geschichte, er sei ein entfernter Erbe des Ketchup-Erfinders Heinz, die er in einer Emmentaler Wochenzeitung veröffentlicht hatte, geglaubt wurde. Er erhielt Dutzende von Bettelbriefen und Anrufen mit Vorschlägen zur Verwendung seiner Milliarden. Das Schweizer Fernsehen lud ihn sogar in eine Talkshow.

Das war aber längst nicht die einzige seiner eindeutig erfundenen Geschichten, die von vielen geglaubt wurde. Ich selber nahm seine Erzählung für bare Münze, er sei gegen Ende eines open-air-Festivals in einer Mobiltoilette abtransportiert worden und hätte deswegen den Auftritt mit seiner Band verpasst.

Es sind nicht einfach die Naiven, die auf absurde Geschichten hereinfallen. Es steckt eben auch ein entscheidendes Körnchen Wahrheit in ihnen. Darum sind fake News auch so erfolgreich.

«Das AntWort» zeigt: Wir haben eine Tendenz, alles für wahr zu haltenoder als Kontrast gar nichts mehr zu glauben. Beide Positionen entfernen uns von der Realität. Anton Brüschweilers humorige Texte regen unbewusst an, der eigenen Wahrheit zu vertrauen.

Anton Brüschweilers Buch ist ohne einen Rappen Subventionen oder Crowdfunding entstanden, eine Seltenheit im Kulturbetrieb. Wir hoffen jetzt einfach, dass genügend Menschen, die originelle und gepflegte Arbeit honorieren und das Buch für 19 Franken bestellen. Man darf es mit ausdrücklicher Genehmigung von Autor und Verlag auch auf der Toilette aufbewahren. Die kurzen Texte begleiten die körperliche und geistige Entlastung nahezu ideal. Hier können Sie einen Blick in das Buch werfen und es bestellen.

Übrigens: der Zeitpunkt eignet sich bestens als Geschenk für intelligente Optimistinnen und konstruktive Skeptiker: zum Beispiel als Schnuppergeschenk (3 Ausgaben für Fr. 20.-) für Leute, denen man sich Erinnerung rufen und einen kleinen Nachdenkschubser geben möchte oder als Jahresabo für Menschen, denen man etwas näher steht. Das Bestellformular finden Sie hier. (http://www.zeitpunkt.ch/abo#no-back) Bestellungen bis 21. Dezember landen noch rechtzeitig unter allen Weihnachtsbäumen in der Schweiz und in Deutschland.

Ich wünsche rundum alles Gute, entspannte Festtage und einen guten Stern auf allen Ihren Wegen.

Christoph Pfluger, Herausgeber

Bücher für die nächste Welt
Für Frauen und Männer in beliebigen Beziehungsformen

«Frau-Sein allein genügt nicht» die ungekürzten Erfahrungen von Leila Dregger als Aktivistin für Frieden und Liebe.
Für Menschen ohne und vor allem mit Geld:
Das nächste Geld, für das ich selber meine ganze Schreibkunst mobilisiert habe, um Sie aus den zehn Fallgruben des Geldsystems zu führen. Manchmal ist es hilfreich, die Probleme zu kennen, bevor sie einem auf den Kopf fallen.

 

Für Menschen, die mal andersherum denken möchten:
«Unverblümt», die aphoristische Denkprosa von Erwin Schatzmann, die auch in kleinen Häppchen enorm anregend wirkt.

Für Aktivisten der Energiewende:
«Die Macht der schwachen Strahlung, Cornelia Hesses eindrücklich illustrierte Schilderung von dem, was uns die Atomindustrie verschweigt.

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Was die Zeitpunkt-Leserschaft alles zu bieten hat.

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