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Die Wahrheit wollen wir gar nicht wissen

http://www.zeitpunkt.ch/index.php/die-wahrheit-wollen-wir-gar-nicht-wissen

Die Vermögensstatistik ist ein Politikum und darum umstritten.

Die alternative Denkfabrik «economy4mankind» schreibt über die Situation in Deutschland:

«Das Statistische Bundesamt fälscht im Auftrag ihres Dienstherrn – der Bundesregierung – die Vermögensstatistik.

Kein einziger Reicher ist Teil der Statistik. Kein Bürger mit einem Einkommen ab 18 000 Euro wurde mit einbezogen.

Das Mitzählen der reichsten Bürger hält das Statistische Bundesamt für «methodisch unzulässig». Die Erhebungsmethode stellt das Statistische Bundesamt nicht infrage. Zudem basieren die «Daten» auf den freiwilligen Angaben einer Umfrage. Bei freiwilligen Umfragen zu Einkommen und Vermögen legt keine reiche Person ihre finanzielle Situation offen. Arme Personen neigen hingegen dazu, ihre Armut zu verbergen, da Armut in unserer Gesellschaft als Schande gilt. Deshalb erfinden sie in Umfragen ein Einkommen und Vermögen, das sie gar nicht haben. Und schliesslich hat das Statistische Bundesamt die Ehrlichkeit der brisanten Angaben nicht nachgeprüft, nicht einmal in Stichproben.»

Nach offiziellen Angaben besitzen in Deutschland die oberen 10% der Bevölkerung 60% des Vermögens. «economy4mankind» schätzt die tatsächlichen Verhältnisse wie folgt:
■     Die unteren 10% der Bundesbürger sind verschuldet.
■    Die untere Hälfte der Bundesbürger besitzt keinerlei Vermögen.
■    Das obere Drittel besitzt 90% des Vermögens.
■     Die oberen 10% besitzen 80% des Vermögens.
■     Das obere 1% besitzt 50% des Vermögens.
https://www.economy4mankind.org

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Bauer, landlos, sucht

http://www.zeitpunkt.ch/bauer-landlos-sucht

Während viele Bauern keinen Nachfolger finden, suchen frisch ausgebildete Landwirte einen Hof. Wie können sie sich finden?
Glückliche Finder: Landwirtin Anna Mosimann mit Mann Martin und Tochter . Heute sind sie bereits zu viert. (Bild: zVg)

Bauer sein, das ist bis heute eher Bestimmung als Beruf. Und noch bis vor wenigen Generationen galt: Wenn die Eltern eines Tages nicht mehr können, werden Tochter oder Sohn ihr Lebenswerk weiterführen. Dass das heute nicht mehr zwingend so ist, mag befreiend sein, stellt jedoch viele Landwirte vor die Frage: Was geschieht mit dem Hof, wenn ich in Pension gehe?

Laut Forschungsergebnissen von Agroscope haben 33 Prozent der Landwirte über 50 Jahre keinen Nachfolger. Das sind 9830 Betriebe, für die in den nächsten 15 Jahren ein Nachfolger gefunden werden muss, 655 pro Jahr. Zählt man jene Betriebe dazu, bei denen die Nachfolge noch unsicher ist, kommt man auf 1100 Betriebe pro Jahr. Laut Bundesamt für Statistik schliessen als Folge davon jährlich bis zu drei Betriebe ihre Türen, für immer.

Das müsste nicht sein, findet die Kleinbauernvereinigung Schweiz. «Dem Bauernhofsterben steht eine grosse Nachfrage nach landwirtschaftlichen Betrieben gegenüber», sagt Séverine Curiger, Kommunikationsverantwortliche des Vereins.

Jährlich schliessen um die 1000 Landwirte und Landwirtinnen ihre Ausbildung ab. Dazu kommen gegen 120 Agrarpraktiker, 300 Absolventen im Nebenerwerbskurs sowie weitere Hochschulabsolventen und Bäuerinnen mit Fachausweis. «Es sind durchaus Berufsleute da, die potentiell Betriebe übernehmen können», folgert Curiger. Um diese zwei Parteien von Suchenden zusammenzuführen, hat die Kleinbauernvereinigung 2014 eine Anlaufstelle für ausserfamiliäre Hofübergabe ins Leben gerufen. Hofabgebende und einen Hof Suchende können auf der Webseite ein Profil mit ihren Kriterien anlegen und werden von der Vereinigung zusammengeführt. Derzeit liegen dem Verein rund 60 solcher Profile vor.

Zwei, die sich auf diesem Weg gefunden haben, sind Anna Mosimann und Martina Schneider. Anna Mosimann, 34 Jahre, ist zwar auf einem kleinen landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen; die Eltern hatten den Hof jedoch nur gepachtet und bereits früh wieder abgegeben. Sie studierte Umweltwissenschaften und arbeitete danach als Agrarökologin. «Irgendwann fehlte mir die Arbeit auf dem Feld», sagt sie. Da ihr Mann weiterhin als Maschineningenieur arbeiten wollte und nur beschränkt auf einem Hof aktiv sein würde, suchte das Paar mit der 3-jährigen Tochter lediglich nach einem kleinen Betrieb. Einige Monate, nachdem sie bei der Kleinbauernvereinigung ein Profil aufgegeben hatten, meldete sich Martina Schneider.

Die 56-Jährige kam 1999 als Aussenstehende zu dem Hof, als ausserfamiliäre Hofübergabe noch gar kein Begriff war. Sie bewarb sich auf den in einer Zeitung ausgeschriebenen Betrieb oberhalb von Toffen bei Bern und wurde schliesslich unter 40 Bewerberinnen ausgewählt. Mit Mutterkuhwirtschaft und Geissen-Trekking führte sie den Betrieb quasi im Alleingang während 18 Jahren.
Es war in einem heissen Sommer, als ihr beim Heuen plötzlich die Frage aufkam: «Sehe ich mich mit 64 noch mit Maschinen an den stotzigen Hängen stehen?» Die Antwort war Nein. Da ihre Kinder noch zu jung sind, um sich mit der Nachfolgefrage auseinanderzusetzen, suchte Martina Schneider nicht neue Käufer, sondern Pächter. Auch für die Mosimanns kam von Anfang an nur die Pacht in Frage. «Ein Kauf wäre finanziell niemals möglich gewesen», sagt sie und spricht damit eines der Kernprobleme an: Ausserhalb der Familie verkauft man den Betrieb zum freien Marktwert, der den Ertragswert um ein Vielfaches übersteigt. Zudem hängen viele Landwirte an ihrem Bauernhaus, behalten es als Wohnhaus und verkaufen das Land dem Bauern nebenan. Die Folge davon ist eine höhere Konzentration von landwirtschaftlichen Betrieben.

Diese Hürden sind mit ein Grund, warum die Zahlen von erfolgreich durchgeführten Übergaben eher bescheiden sind: Vier Pachten und zwei Verkäufe in vier Jahren hat die Kleinbauernvereinigung vermittelt. Doch der Erfolg dürfe nicht allein an diesen Zahlen gemessen werden, findet Séverine Curiger. «Eine gelungene ausserfamiliäre Hofübergabe ist nur das sichtbare Resultat.» Davor stehe ein langer Weg, zu dem viel Wille, Ausdauer und Engagement gehören. «Wir empfehlen allen, sich frühzeitig mit der Nachfolgerfrage auseinanderzusetzen.» So will der Verein für das Thema sensibilisieren und bietet auch eine Beratungsstelle für Finanzfragen an.

Gemessen an den vielen Hürden ging Martina Schneiders Hof fast reibungslos in die Hände der Mosimanns. Da sie von früher bereits ein Leben ohne Landwirtschaft kannte, fiel ihr auch der Wegzug in das Einfamilienhaus im Dorf nicht so schwer. Die Mosimanns ihrerseits waren froh, die behornten Mutterkühe und die Maschinen übernehmen zu können. «Alles hat gestimmt», sagt Mosimann. «Im Wissen, dass eine solche Gelegenheit selten ist, sagten wir zu.»

Samanta Siegfried ist Absolventin der Zeitenspiegel-Reportageschule in Reutlingen und berichtet als freie Journalistin über Gesellschafts- und Umweltthemen. Immer auf der Suche nach leisen Tönen und mutigen Taten.

Wie wir den Willen, den Verstand und die Erfahrung zusammenbringen

Ausgefallenes, Nützliches und Aufbauendes,
Kleinanzeigen der Zeitpunkt-Community.
 
«Mit zwanzig regiert der Wille, mit dreissig der Verstand und mit vierzig das Urteilsvermögen», schrieb Benjamin Franklin. Er zeigt in diesem einfachen Satz, dass Alt und Jung weit mehr verbindet als ein wackeliger Generationenvertrag. Wir sind eigentlich erst dann ganz, wenn wir gleichzeitig jung und alt sind und den Willen, den Verstand und die Erfahrung gemeinsam regieren lassen.

Allein geht das nicht, das leuchtet sofort ein. Aber wir erreichen es in einer Gemeinschaft, in der alle Generationen ihren Platz haben und ein möglichst selbstbestimmtes Leben führen können. Denn wer fremdbestimmt ist, kann weder seinen Willen, seinen Verstand noch sein Urteilsvermögen einsetzen. Anstatt Mensch ist er Funktionsträger.

Diesem Thema haben wir den neusten Zeitpunkt gewidmet mit dem Schwerpunktt «jung | alt». Nicht nur der Generationenvertrag muss revidiert werden, auch die Beziehungen zwischen den Altersgruppen hat einen Service nötig – einen «Dienst», um beim Wort zu bleiben.

In diesem Zeitpunkt erfahren Sie zudem, was artgerechte Kinderhaltung ist, wie man Strom vom Dach des Nachbarn erntet, wofür wir Flagge zeigen sollten, was Gärten über uns verraten, warum der Staat uns in die Rippen stösst und wie schön es am Ende der Welt ist und vieles mehr.

Veränderungen kann man nicht verschenken, aber die Anregungen dazu. Hier finden Sie ein Geschenkabo Ihrer Wahl, (Schnuppergeschenbk mit drei Ausgaben für Fr. 20.- oder ein Jahresabo mit sechs Ausgaben für Fr. 54.-/Ausland Fr. 68.-). Es freut uns sehr, wenn Sie mithelfen, unser einzigartiges Magazin bekannt zu machen.

Und hier noch ein Anliegen, in dem ich ebenfalls persönlich engagiert bin:

Friedenskräfte sichtbar machen, dies will der Verein Friedenskraft, der anlässlich des diesjährigen Ostermarsches in Bern gegründet wurde. Das primäre Ziel des Vereins ist es, das Gewaltverbot der UNO ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und die Menschen zu animieren, etwas Sichtbares für den Frieden zu tun.

«Wandern für den Frieden» heisst die am 23. Juni gestartete Aktion, bei der es darum geht, möglichst viele Friedensfahnen zu setzen, am Balkon zuhause, auf Berggipfeln und überall dazwischen. Über die Smartphone-App «Friedenskraft» (im App-Store und auf google.play) können neue Standorte auf einer virtuellen Karte eingetragen und dabei Punkte gesammelt werden. Mehr zur Aktion hier.

Besonders anregend, anspruchsvoll und bereichernd für den inneren Frieden: Hoch- und Klettertouren für den Frieden. friedenskraft.ch bietet zusammen mit dem Bergführer-Büro bergpunkt.ch neun Hoch- und Kletterouren an von leicht bis mittelschwer, z.B. auf den Wildstrubel (3243 m.ü.M.) oder auf die Blümlisalp (3661 m.ü.M.). Übersicht über das Angebot.

Save the date: Am int. Tag des Friedens, dem 21. September findet auf dem Berner Waisenhausplatz eine grosse Friedenskundgebung statt mit prominenten Referenten, live-Bands und viel Schulterschluss mit friedensbewegten Menschen.
Den Friedenskraft-Newsletter können Sie hier abonnieren. http://www.friedenskraft.ch

Noch eine Bemerkung zum Datenschutz: Wir speichern ausschliesslich die Adressen von Menschen, die den Newsletter, ein Abonnement oder ein anderes Verlagsprodukt bestellt haben. Falls Sie diese Mitteilungen definitiv nicht mehr erhalten wollen, löschen Sie bitte Ihre Adresse mit einem Klick auf den entsprechenden Link am Fuss dieser Mail oder senden sie mit einer entsprechenden Bemerkung an uns zurück.

Nun wünsche ich Ihnen einen entspannten Sommer mit anregenden Begegnungen und Erlebnissen.

Mit herzlichen Grüssen

Christoph Pfluger

PS1:Die Zeitpunkt-Kleinanzeigen: Hier finden Sie Ausgefallenes, Nützliches und Aufbauendes, angeboten von der Zeitpunkt-Community. Viel Vergnügen beim Stöbern!
Einsendeschluss für Kleinanzeigen: 31. Juli 2018. Bitte hier aufgeben.

PS2: Und hier finden Sie die guten Adressen von Webshops, für Ihre Gesundheit, sanften Tourismus, zur Horizonterweiterung.

Lesetipp
«Ich möchte nicht am Kapitalismus rumfeilen, sondern ihn ersetzen»
Albert T. Lieberg ist langjähriger Berater der Vereinten Nationen, Experte für internationale Entwicklungspolitik und Buchautor. In seinem neuen Buch „Der Systemwechsel – Utopie oder existenzielle Notwendigkeit?“ kritisiert er die derzeitige Systemwirklichkeit und stellt eine konkrete alternative Gesellschaftsoption vor. Die Zeitschrift «Das Milieu» sprach mit dem Autor über die Grundsätze des «Systemwechsels», eine Wirtschaft ohne Geld und die Frage, warum immer noch so wenig gegen die Ausbeutung der dritten Welt getan wird.
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Neu im Zeitpunkt-Infoportal

Reich: Wie viel muss es denn sein?
Wie reich muss man sein, um zu den Reichsten zehn Prozent zu gehören? Das Ergebnis ist erstaunlich: Mit einem Nettoeinkommen ab 2900 Euro zählt man in Deutschland bereits zu den obersten zehn Prozent.

Diktatur der Uploadfilter
Der neuste Angriff auf die Pressefreiheit kommt von der EU, die das Hochladen von nicht lizensiertem Material verhindern will. Die Filter könnten auch die Veröffentlichung von unliebsamem Material verhindern.

Sun Trip 2018: 36 e-Biker unterwegs auf der Seidenstrasse nach China
Ein Velorennen mit dem e-Bike von Frankreich nach China – dieses grosse Abenteuer haben am 15. Juni 36 Teilnehmer des «Sun Trip» unter die Räder genommen. Die wichtigste Regel sieht vor, dass der Strom nur aus mitgeführten Solar-Panels stammen darf.

Erdwärme für Erdbeeren
Der Thurgau ist mehr als «Mostindien». Als grösster Beeren- und drittgrösster Gemüsekanton der Schweiz setzt er Akzente beim Einsatz von Geothermie in Gewächshäusern.

20 Jahre Chäsi Gysenstein
In der alten Chäsi im lauschigen Bauerndörfchen Gysenstein wurde 160 Jahre lang Emmentaler-Käse hergestellt. Doch seit vielen Jahren geben sich hier mitten in der Pampa renommierte Musiker, Schriftsteller und Schauspieler aus aller Welt die Klinke in die Hand.

Soziale Demokratie sucht Partei

Europaweit zeichnet sich ein Trend ab: Sozialdemokratische Parteien sind die grössten Wahlverlierer. Ihr gesellschaftlicher Einfluss schwindet. Erleben wir zurzeit die Grablegung eines historisch Gesellschaftsentwurfes?

Der Bundesrat lehnt die Trinkwasser-Initiative ab
Die Landwirtschaft belastet unser Trinkwasser am stärksten. Die Trinkwasser-Initiative fordert deshalb für Direktzahlungen einen «ökologischen Leistungsnachweis, der die Erhaltung der Biodiversität, eine pestizidfreie Produktion und einen Tierbestand, der mit dem auf dem Betrieb produzierten Futter ernährt werden kann, umfasst». Das will der Bundesrat nicht.

Das Hotelleben im Oberhasli wie es einmal war
Meiringen, das war einmal ein blühender Touristenort mit vielen Hotels. Die grosse Vergangenheit will die polnische Künstlerin Martha Kolodziejs in 24 Bildern von Meiringer Hotels zum Ausdruck bringen.

Essen und begegnen beim «Erzähl-Mahl»
Mal wieder richtig Lust auf echte Begegnung mit echten Menschen an einem echten Tisch? Dann nix wie hin an das Erzähl Mahl

Bücher für die nächste Welt


«Frau-Sein allein genügt nicht» die ungekürzten Erfahrungen von Leila Dregger als Aktivistin für Frieden und Liebe

«Unverblümt», die aphoristische Denkprosa von Erwin Schatzmann, die auch in kleinen Häppchen enorm anregend wirkt

Wenn Sie noch ein paar Argumente für die Energiewende brauchen:
«Die Macht der schwachen Strahlung», Cornelia Hesses eindrücklich illustrierte Schilderung von dem, was uns die Atomindustrie verschweigt

«Das nächste Geld», für das ich selber meine ganze Schreibkunst mobilisiert habe, um Sie aus den zehn Fallgruben des Geldsystems zu führen.
Manchmal ist es hilfreich, die Probleme zu kennen, bevor sie einem auf den Kopf fallen.


Wenn es Ihnen nach Wohltat für die Seele zumute ist, setzen Sie auf die Herzkarten der deutschen Illustratorin Ann-Kathrin Busse. Set mit zehn Karten: Fr. 12.–. (Bestellformular)

 
Geld-Magazin, Österreich:
«Christoph Pfluger ist wohl eines der besten Bücher zum Thema ‹Geld› gelungen. Wer es liest, versteht, was Sache ist.»

Christoph Pfluger: Das nächste Geld – die zehn Fallgruben des Geldsystems und wie wir sie überwinden. 2. rev. Aufl., 2016. 252 Seiten, Fr. 23.-/€ 21.- (hier bestellen)
 
 
 
 
 

Veränderungen kann man nicht bestellen,
aber die Anregungen dazu.

Wer den Zeitpunkt für ein Jahr abonniert, bezahlt, was er will. (Hier bestellen).

Den Zeitpunkt verschenken: (Bestellformular für Geschankabos)

Schnupperabo (3 Ausgaben für Fr. 20.–, null Risiko), Bestellformular

Postadresse:
Zeitpunkt

Werkhofstrasse 19

Solothurn 4500

Switzerland

Gemeinsam gute Leistungen sichtbar machen

http://www.zeitpunkt.ch/gemeinsam-gute-leistungen-sichtbar-machen

Das Internet ermöglicht kleinen Unternehmen, sich an ein weltweites Publikum zu wenden. Aber um tatsächlich gefunden zu werden, muss man den Druck der grossen Plattformen überwinden. Vier kleine Hotels aus dem Valle Maggia versuchen es gemeinsam.
Vier GastgeberInnen aus dem Valle Maggia zeigen es den grossen Buchungsplattformen (von links): Marco Kälin, Alexa Thio, Silvia Beerli und Paula Orler von autenticvalleyhotels.ch

Bei Hotels und Ferienwohnungen ist die Dominanz von ein paar wenigen Buchungsplattformen enorm. Sie investieren Milliarden für Suchmaschinenwerbung mit dem Ergebnis, das kleine Anbieter praktisch unsichtbar werden. Ihre Optionen sind einfach: Entweder sie beugen sich der Marktmacht und liefern rund 15 Prozent ihres Umsatzes an die Buchungsplattformen ab, die nicht mehr bieten als eine grosse Datenbank – oder sie tun sich zusammen.

Das haben vier kleine Hotels im Valle Maggia denn auch getan und eine gemeinsame Buchungswebsite eingerichtet: autenticvalleyhotels.ch, wie sie sich in einer etwas unkonventionellen Schreibweise nennt. Beteiligt sind das «Eco Hotel Cristallina» von Marco Kälin in Coglio, Ca’Serafina von Alexa Thio in Lodano, die Casa Ambica von Silvia Beerli in Gordevio und die Casa Gialla von Paula Orler in Tegna am Eingang zum Valle Maggia. Sie sind alle von den InhaberInnen geführt, legen Wert auf persönliche Gästebetreuung, nachhaltigen Tourismus und verarbeiten bevorzugt Produkte
Null-Kilometer-Distanz und biologischem Anbau.
Die gemeinsame Buchungsplattform wird von einer jungen Informatikerin betreut, die damit den Weg in die Selbständigkeit fand. Die vier Hotels sind offen für weitere Kooperationspartner und hoffen auch, dass sie bei den lokalen Tourismusbehörden gemeinsam mehr Gehör finden.

www.autenticvalleyhotels.ch

Christoph Pfluger ist seit 1992 der Herausgeber des Zeitpunkt. „Als Herausgeber einer Zeitschrift, deren Abobeitrag von den Leserinnen und Lesern frei bestimmt wird, erfahre ich täglich die Kraft der Selbstbestimmung. Und als Journalist, der visionären Projekten und mutigen Menschen nachspürt weiss ich: Es gibt viel mehr positive Kräfte im Land als uns die Massenmedien glauben lassen“.

Die Kunst, aus wenig viel zu machen

http://www.zeitpunkt.ch/die-kunst-aus-wenig-viel-zu-machen

Gibt es einen östlichen Weg für ein glücklicheres und nachhaltiges Leben? Die japanische Ökonomin Junko Edahiro ist fest davon überzeugt.

Das japanische Institut für Glückss­tudien, Ökonomie und Gesellschaft (ISHES) von Junko Edahiro macht regelmässige Erhebungen und berät Menschen und Unternehmen auf der Suche nach einem guten Leben abseits der Konsumgesellschaft. Das Inselreich liefert viele gute Beispiele.

Was wir nicht haben, brauchen wir auch nicht
Auf Ama, drei Stunden Bootsfahrt von der Hauptinsel entfernt, leben gerade einmal 2370 Einwohner. Wie viele ländliche Regionen in Japan ist Ama vom demografischen Wandel besonders stark betroffen. Die Bevölkerung altert und schrumpft besonders schnell. 2005 hat die Gemeinde beschlossen, den Kampf um ihre Zukunft in die eigene Hand zu nehmen. Der Bürgermeister kürzte sein Gehalt um 50 Prozent und das der anderen städtischen Mitarbeiter auch – allerdings nicht ganz so radikal. Alle frei werdenden Haushaltsmittel wurden in Massnahmen investiert, um die Region nachhaltig zu stärken und zu verjüngen. Ama ermutigte seine Jugend, die Hochschule zu besuchen und umwarb mit Hilfe von Stipendien und Austauschprogrammen Festlandjapaner und ausländische Studenten, in Ama zu studieren. Beides mit grossem Erfolg.
Zeitgleich starteten die Verantwortlichen eine eigenständige Regionalentwicklung unter dem Motto «Naimono-wa-nai», bedeutet so viel wie: «Was wir nicht haben, brauchen wir nicht, weil wir alles, was wir wirklich brauchen, hier finden und/oder selber herstellen können.»
Die Investition in die Jugend und in kulturelle Vielfalt hatten ebenso Erfolg wie die Ermutigung, die eigenen Fähigkeiten und den Reichtum der Natur zum Ausgangspunkt von Innovationen zu machen. Neue Produkte wurden entwickelt und eine wachsende Zahl  an Start-ups trägt dazu bei, dass junge Menschen sich wieder eine Zukunft auf Ama wünschen und sie sogar selber in die Hand nehmen.

Im Einklang mit den inneren Bedürfnissen
Auch Nishiawakura, ein kleiner Landkreis westlich von Kyoto, hat einen Weg gefunden, die Zukunft der Region zu sichern.  2008 präsentierten die Bürger ihre «Jahrhundertvision» für die nächsten 50 Jahre. Denn so wie die älteren Bewohner Nishiawakuras vor 50 Jahren in die Zukunft investiert und für nachfolgende Generationen vorgesorgt haben, indem sie die Wälder der Region pflanzten und bewahrten, ist es heute das Ziel Nishiawakuras alles zu tun, damit die Menschen auch in 50 Jahren noch gut leben können und die Gemeinde als Ganzes blüht und gedeiht.

Der Mensch ist Getriebener einer Energie, die ihm vorgaukelt, dass alles noch immer nicht gut genug ist.

Ausgehend von der Beobachtung, dass die meisten Menschen entweder zum Typ «Jäger» oder zum Typ «Landwirt» gehören, hat der Landkreis zwei Strategien entwickelt, die es der Jugend und Neubürgern ermöglichen, ihre eigene Visionen zu finden und zu leben. In der «Nishiawakura Local Venture School» wurden in den letzten drei Jahren über 100 Start-ups betreut und die Gründung von 13 Unternehmen ermöglicht, die 2017 über 800 Millionen Yen (7,2 Millionen Dollar) Umsatz gemacht haben. Wer nach der ersten Phase der Businesspläne zur Förderung ausgewählt wird, bekommt ein umfassendes Coaching und schliesslich das Kapital für die Gründung. Über die ganze Zeit hinweg werden die Jungunternehmer immer wieder ermutigt, sich die Frage zu stellen: «Ist das, was du jetzt planst, wirklich im Einklang mit deinen tiefsten inneren Wünschen?» Und wer zum Typ «Landwirt» gehört und seinen Ruf noch nicht gefunden hat, kann am Nishiawakura Local Life Laboratory (LLL) teilnehmen und ein Jahr lang mit der Dorfgemeinschaft leben, um auf diese Weise herauszufinden, was in ihm steckt.
Nishiawakura ermöglicht so den Menschen, die der Hektik der Grossstädte entfliehen wollen, den eigenen Bedürfnissen auf den Grund zu gehen – in einem Dorf, das den Zuzügern mit grosser Wärme begegnet.

Den gefühlten Mangel überwinden
Aus wenig viel zu machen ist nach Junko Edahiros Überzeugung tief in der japanischen Kultur verankert und hat seine Wurzeln sowohl in den geistigen Traditionen (Zen) als auch in der Geschichte Japans. Buddhas wichtigste Lehre beruht auf seiner Erkenntnis, dass der Mensch Getriebener einer Energie ist, die ihm immer wieder vorgaukelt, dass alles noch immer nicht gut genug ist. Um diesen gefühlten Mangel zu beheben, seien die Menschen im Westen bereit, sehr hart zu arbeiten, um Karriere zu machen und ihren Besitz zu mehren. Der östliche Weg hingegen erfordere das Loslassen unserer Begierden.  Man könnte es auch mit den Silben «sho-yoku-chi-soku» beschreiben, was so viel bedeute wie «ich werde Zufriedenheit erfahren, wenn ich weniger brauche». «Ich glaube», sagt Junko Edahiro, «wir Asiaten sollten den Gedanken der Suffizienz, der Genügsamkeit und des Respektes vor den Grenzen der Natur in die Welt tragen. Denn das ist es, was uns letztlich dauerhaft glücklich macht.»

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Mehr zum Schwerpunktthema «reich | arm» in Zeitpunkt 155

Linksgrüne Basis für Vollgeld

http://www.zeitpunkt.ch/

Gemäss neuster SRG-Umfrage stossen die Vollgeld-Initianten trotz NEIN-Trend auf grosse Zustimmung. 61% benennen die Geldschaffung von Geschäftsbanken als Risiko in Bezug auf Finanzblasen. Derweil sprechen sich immer mehr kantonale Parteien für die Initiative aus.
Die Initianten bleiben zuversichtlich, durch ihre Schlussspurt-Mobilisierung zusätzliche Abstimmungswillige an die Urne zu bringen.

Stabile 56 Prozent finden laut der zweiten SRG-Umfrage, dass Geldschaffung eine Staatsaufgabe sei. Obwohl eine Mehrheit der Befragten diesem Kernanliegen der Initiative zustimmt, hatte sie bei den Parteispitzen der Bundesratsparteien keine Chance, abgesehen von der Grünen Partei.

30. MAI 2018 • VONRAFFAEL WÜTHRICH, VOLLGELD-INITIATIVE

Die Tagelöhner des 21. Jahrhunderts

http://www.zeitpunkt.ch/die-tageloehner-des-21-jahrhunderts

Wie in München Arbeitssuchende aus Südosteuropa unter Brücken schlafen und aus dem sozialen Netz fallen.
Heimat der Tagelöhner: die Corneliusbrücke in München. (Foto: rudolf Stumberger

Wer wissen will, wie Freiheit ohne Gleichheit aussieht, der kann das unter der Münchner Corneliusbrücke tun. Diese überquert in der Stadtmitte die Isar, die steinernen Brückenpfeiler reichen bis in das trockene Hochwasserbecken hinein. Dort wohnen Ismet (47), Valentin (53) und Kasimir (43), die Tagelöhner des 21. Jahrhunderts. Sie sind aus Bulgarien nach München gekommen, auf der Suche nach Arbeit. Zwar haben sie nach EU-Recht die Möglichkeit, in Deutschland zu arbeiten. Eine Wohnung können sich aber die wenigsten von ihnen leisten. Deshalb hausen sie unter der Brücke, schlafen auf herbeigeschleppten Matratzen. Auf einem Tisch aus dem Sperrmüll steht eine Blumenvase. «Ich bin hier verloren», sagt Kasimir und zeigt seine Plastiktüte mit Pfandflaschen. Sein Verdienst, wenn es sonst keine Arbeit gibt. Auf der Unterseite des Brückenbogens haben die Männer mit Klebeband einen Zeitungsausschnitt angebracht. «Tod eines Obdachlosen», lautet die Überschrift. Es geht um Hristo Vankov, bis vor kurzem noch einer von ihnen. Der 57-Jährige hat das Leben auf der Strasse nicht überlebt, er starb an seiner Diabeteserkrankung.

Auf dem «Tagelöhnerstrich» warten die Männer aus Südosteuropa, bis sie jemand um Arbeit anheuert.

«Bayern ist das Paradies», verkündete der bayerische Ministerpräsident auf dem Parteitag der CSU im Dezember 2017. Im Freistaat herrscht zu diesem Zeitpunkt eine Arbeitslosigkeit von 2,9 Prozent, was praktisch als Vollbeschäftigung gilt. Die Wirtschaft boomt und junge Erben müssen sich nicht mehr zwischen Porsche und Eigentumswohnung entscheiden. Doch das Paradies des konservativen Ministerpräsidenten ist das Paradies des Neoliberalismus: Den leistungslosen Vermögen aus Erbschaft und den leistungslosen Einkommen aus Kapital stehen die Löhne der Abhängigen gegenüber, die sich als U-Bahn-Fahrer, Paketzulieferer, Verkäuferin oder Kellner abschuften. Wo man sich auf der Belle-Etage der Stadtresidenzen im Lichte des Reichtums und Wohlstands sonnt, herrscht am Fusse der gesellschaftlichen Leiter die Dunkelheit sozialer Verwundbarkeit. Deutschland habe wieder ein Mass der sozialen Ungleichheit wie im Jahre 1913, heisst es in einer Untersuchung von Forschern um den französischen Ökonomen Thomas Piketty. Mitten im 21. Jahrhundert kehrt also das 19. Jahrhundert zurück: Mit Bettlern, die an Häuserecken kauern und ihre Beinstümpfe herzeigen. Mit Tagelöhnern, die ab morgens sechs Uhr auf Arbeit hoffen. Mit Menschen, die auf den Gittern von Heizungsschächten schlafen.

Deutschland als bevorzugtes Ziel
Acht Uhr morgens an der Ecke Landwehr- und Goethestrasse in München: Es ist ein kalter Tag und während die Gemüsehändler ihre Ware ausladen, stehen an der Ampel ein Dutzend Männer und wärmen ihre Hände an den Pappbechern mit Kaffee. Hier ist der sogenannte Tagelöhnerstrich, Menschen aus Bulgarien und Rumänien warten, bis sie jemand für einen Job anheuert. Als Putzkraft oder für Bauarbeiten. Hier sind die Tagelöhner des 21. Jahrhunderts ein paar Stunden sichtbar, dann verschwinden sie wieder im Getriebe der Stadt.
Die meisten stammen aus Pasardschik, einer Stadt mit knapp 70 000 Einwohner in Zentralbulgarien. Und wie die meisten gehören sie der türkischsprachigen Minderheit an. «Ich will arbeiten und Geld verdienen», sagt einer, der schon drei Jahre in München lebt. Es ist ganz einfach: Zuhause gibt es keine Arbeit, und wenn, dann für knapp eineinhalb Euro die Stunde. In Deutschland kann man in drei Monaten so viel verdienen wie in Bulgarien in einem Jahr. Wenn es von den Temperaturen her noch geht, schlafen die meisten im Freien: In Parks, unter Brücken, in Hauseingängen, in alten Autos. Wenn Schnee fällt, gehen die Tagelöhner in das Winterquartier, in die Bayernkaserne, draussen im Norden am Rande der Stadt.
Deutschland ist für die südeuropäischen Arbeitsemigranten das bevorzugte Ziel. Derzeit leben in und um München rund 13 000 Bulgaren und knapp 18 800 Rumänen, viele davon in prekären Verhältnissen. Zwar gilt für die beiden EU-Länder die Arbeitsfreizügigkeit, doch das soziale Netz für diese Menschen aus der Armutszuwanderung, wie es im Fachjargon heisst, ist löchrig. Zum Beispiel bei der gesundheitlichen Versorgung.

Harte Arbeit, kein Lohn
Zuflucht finden die Arbeitssuchenden in dem Beratungscafé der Arbeiterwohlfahrt. Dort helfen Mitarbeiter beim Ausfüllen von Formularen, vermitteln medizinische Hilfe und bieten kostenlose Deutschkurse an. Hier können sich die Männer ausruhen, einen Tee kochen, die Toilette benutzen. Neben Integrationskursen der Volkshochschule bietet die Agentur für Arbeit einmal pro Woche eine Beratung in der Muttersprache der Arbeitssuchenden an.

Wo man sich in der Belle-Etage im Lichte des Reichtums und Wohlstands sonnt, herrscht am Fusse der gesellschaftlichen Leiter die Dunkelheit sozialer Verwundbarkeit.

Ismet und Valentin von der Corneliusbrücke treffen sich heute im Beratungscafé mit Lisa Riedner. Sie kümmert sich mit der Initiative Zivilcourage um die Menschen aus Südeuropa. Die junge, engagierte Frau spricht sogar ein wenig Türkisch, neben dem Bulgarischen die Sprache der Minderheiten. Bei dem Beratungstermin heute geht es um den ausstehenden Lohn von Ismet und Valentin. Beide sind von einem Subunternehmen für eine Baustelle im Norden von München angeheuert worden. Eine Woche haben sie dort gearbeitet, aber Geld haben sie bisher nicht gesehen. Jetzt soll Lisa Riedner mit ihnen auf die Baustelle fahren und mit der Bauleitung reden, damit sie ihren Lohn bekommen. Ausserdem wollen sie das noch ausstehende Geld für ihren verstorbenen Freund Hristo Vankov abholen, auch er hatte vor ein paar Wochen auf der Baustelle gearbeitet. Sein Schicksal zeigt: Sterben ist auch eine Frage der sozialen Absicherung. Einige Monate vor seinem Tod hatte sich der 57-jährige Bulgare mit Hilfe der Initiative Zivilcourage sogar einen kleinen juristischen Sieg errungen: Er hat sich mit einer Klage einen Platz im Obdachlosenheim erkämpft.

Kampf um Platz in Obdachlosenheim
Eigentlich haben alle Obdachlose einen Anspruch auf einen Schlafplatz. Dazu müssen sie aber nachweisen, dass sie in den Heimatländern über keine Wohnung verfügen. So will es eine Dienstanweisung des Münchner Sozialreferats von 2016. Darin heisst es: «Das Vorhandensein einer Wohnung wird vermutet, wenn eine Anschrift bzw. ein Wohnsitz im ausländischen Nationalausweis eingetragen ist.» Entkräftet werden könne diese Vermutung durch eine entsprechende Kündigungsbestätigung des Vermieters.
Derartige Dokumente wollte die Münchner Wohnungslosenhilfe sehen, bei der Vankov wegen einer Aufnahme in eine Notunterkunft vorsprach. Die hatte er aber nicht. Mit Unterstützung der Initiative Zivilcourage klagte er schliesslich vor dem Verwaltungsgericht. Das entschied am 9. August, dass die Stadt ihm einen Platz in einer Notunterkunft zur Verfügung stellen müsse. Für seine Einlassung, er verfüge in Bulgarien über keine Wohnung, spreche, so das Gericht in dem Urteil, «dass sich der Antragsteller trotz seiner schlechten gesundheitlichen und finanziellen Lage kaum seit mindestens sieben Jahren in München aufhalten würde, wenn er in Bulgarien ein funktionierendes soziales Netzwerk zur Verfügung hätte». Vorrang habe, dass Vankov nicht «ohne Obdach und schutzlos den Witterungsbedingungen ausgesetzt» sei. Die Unterbringung war allerdings befristet bis 1. Oktober.
Den Termin hat Vankov nicht mehr erlebt. Er starb zwei Wochen davor an seiner Krankheit in Bulgarien. Er war dabei, die nötigen Dokumente aufzubringen. «Zusammenhänge zwischen seinem Tod, der langjährigen Obdachlosigkeit und dem Ausschluss von sozialen Leistungen inklusive der Krankenversicherung liegen meiner Meinung nach auf der Hand», ist Lisa Riedner von der Initiative Zivilcourage überzeugt.
Jetzt steht sie auf der Baustelle in Feldmoching, um für die Rechte von Ismet und Valentin einzustehen. Zuerst versuchen sie den Vorarbeiter zu finden, der ihnen die Arbeit beschafft hat – vergebens. Auch den Namen der Subfirma, die sie angeworben hat, wissen die beiden Bulgaren nicht. Nur, dass der Mann «Theo» heisst.
Schliesslich gehen sie in das Büro der Bauleitung. Der anwesende Ingenieur hört sich die Forderung der beiden Arbeitsmigranten an, Lisa Riedner übersetzt und sagt auch schon mal resolut: «Das Beste wäre, sie würden den Männern jetzt ihren Lohn auszahlen!» Der Bauleiter hört sich das an, danach gehen sie zusammen auf die Baustelle und die Männer zeigen, wo sie welche Arbeiten verrichtet haben. Immerhin wird jetzt klar, welcher Subunternehmer in der Schuld steht. Der Bauleiter verspricht, er werde sich an die Firma wegen des fehlenden Lohns wenden, das könne aber ein paar Tage dauern. Für heute bleibt den Männern aus Bulgarien nichts anderes übrig, als wieder nach Hause zu fahren, unter die Corneliusbrücke. Doch diesmal geht die Geschichte gut aus. Eine Woche später schreibt Lisa Riedner per Mail: ­«Ismet hat mir gestern berichtet, dass der Subunternehmer ihm und seinen Freunden das geforderte Geld ausgezahlt hat.»

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Mehr zum Schwerpunktthema «reich | arm» in Zeitpunkt 155

In Versuchung – der falsche Weg?

http://www.zeitpunkt.ch/versuchung-der-falsche-weg

Versuchungen aller Art gibt es bekanntlich im praktischen Leben, in der Seele und überall in Stadt und Land. Die Versuchung ist bedeutend mehr als nur ein Versuch, sie durchzieht das Leben in der Tiefe und weckt neue Gedanken, nicht nur gute, auch gefährliche.
(Illustration: ron&joe)

Darum klingt die spirituelle Ansprache «und führe uns nicht in Versuchung» im Vaterunser nach einem grundlegenden Bedürfnis im Bereich der Orientierung unserer Lebensplanung. Aber die Anrede der göttlichen Autorität, uns ja nicht auf den falschen Weg zu schicken, enthält die Annahme, dass die Versuchung gar nicht unbedingt unserer eigenen Leichtfertigkeit entspringen muss, sondern von höchster Seite in uns zu dringen vermag. Erstaunlich, dass im zentralen christlichen Gebet eine solche Unterstellung enthalten sein soll. Papst Franziskus hat in diesem Sinn eine wichtige Anregung gegeben.

Die Vaterunser-Bitte «und führe uns nicht in Versuchung» sei in dieser Formulierung keine gute Übersetzung. Es sei nicht Gott, der den Menschen in Versuchung stürze, um dann zuzusehen, wie er falle. Diese Textkritik passt gut zur protestantischen Freiheit, die Bibel in aktueller Sprache neu zu gestalten. Wie wäre es daher mit der Formulierung »und führe uns in der Versuchung»?

Nicht die Versuchung ist der problematische Schritt und schon gar nicht die göttliche Kraft steht dahinter, sondern der Umgang mit den neuen Gedanken, die in der Versuchung stecken, ist entscheidend, der Weg, der uns in kreativer Richtung weiterführt, von Gott geleitet und begleitet.

Der Weg ist wichtig und die innere oder äus­sere Führung auf diesem Weg wird entscheidend sein. Sie muss nicht autoritär wirken, so wie die Begleitung unserer nächsten Schritte nicht herrschaftlich sein muss. Darum verbindet sich die veränderte Übersetzung des Unser-Vaters mit einer weiteren Kontrolle der biblischen Textvorgaben. Muss Gott die königliche Herrscherrolle erfüllen? Ist Jesus nicht Bruder, ist Gott nach den Vorschlägen der geschlechterneutralen Bibelübersetzung nicht Vater und Mutter zugleich? Die liturgische Prägung der Gottesdienste und Gebete im Sinn von «der Herr sei mit euch» wäre ebenfalls im Sinn des Heiligen Geistes zu korrigieren. Die göttliche Kraft soll mit uns sein – in Stadt und Land und auf allen unseren Wegen. Sie soll uns anregen, Versuche zu wagen und dabei falsche Wege zu vermeiden. Die Spiritualität des befreienden Gebets wird uns dabei begleiten.

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Dieter Olaf Schmalstieg ist Theologe, Autor und Journalist und war zuletzt Chefredaktor des Sämann, der Zeitung der evang.-ref. Kirche des Kantons Bern, heute reformiert.

20. MAI 2018 
VON: 

  

Bereits 50’000 Unterschriften für die Initiative gegen Tierversuche

http://www.zeitpunkt.ch/bereits-50000-unterschriften-fuer-die-initiative-gegen-tierversuche

Die Sammelfrist läuft noch bis 3. April 2019.

Für die eidg. Initiative «Ja zum Tier- und Menschenversuchsverbot – Ja zu Forschungswegen mit Impulsen für Sicherheit und Fortschritt» wurden bereits 50’000 Unterschriften gesammelt. Das Initiativkomitee und der Trägerverein IG Tierversuchsverbots-Initiative CH bestehen aus unabhängigen Privatpersonen und sind darum auf breite Unterstützung aus der Bevölkerung angewiesen. Allmählich gelingt es, diese für die Initiative zu mobilisieren. Die Sammelfrist läuft noch bis 3. April 2019.

Vor über 20 Jahren wurde zuletzt über Tierversuchsverbote abgestimmt. Der massgebliche Unterschied zu heute besteht darin, dass der wissenschaftliche Wert von patientenorientierten, tierversuchsfreien Ersatzmethoden transparenter ist.
Die Initiative profitiert genauso von der Tatsache, dass Tierversuche katastrophal schlechte Voraussagen für die Verhältnisse beim Menschen liefern.  Ganz nach dem polnischen Zitat: «Auch eine kaputte Uhr zeigt zwei Mal am Tag die richtige Zeit an.»

Jedes Jahr müssen Medikamente zurückgezogen oder Beipackzettel korrigiert werden, da in der Praxis am leidenden Menschen unvorhersehbare z.T. schwere, manchmal sogar irreversible Nebenwirkungen auftreten. Weil Individuen sehr unterschiedlich sind, die Abklärungen zur Patientenverträglichkeit sich aber am Durchschnitt orientieren, ist medizinische Behandlung heute oft wie eine Lotterie. Die wesentliche Verantwortung resp. den Schaden trägt jedoch immer der Patient.

Warum gelingt die Umstellung?
Die von den Initianten gewünschte Umstellung wird längst nicht so radikal verlaufen, wie sich dies einige Menschen vorstellen. Der Initiativtext gewährleistet: Alles was bisher am Markt ist und keine weiteren Tierversuche braucht, darf bleiben. Die Initiative schreibt nicht vor, welche Art von Heilung die Patienten haben sollen, sie verlangt einzig, dass Heil- und Linderungseingriffe anhand plausibler Überlegungen, ethisch wie wissenschaftlich gute Aussichten auf Erfolg haben müssen, bevor Patienten irgendwelchen Restrisiken ausgesetzt werden.

Der Unterschriftenbogen und weitere Informationen sind auf tierversuchsverbot.ch zu finden.

Anwalt der Bienen

http://www.zeitpunkt.ch/anwalt-der-bienen

Achim Willand kämpft vor dem Europäischen Gerichtshof für ein Verbot schädlicher Pestizide. Das Urteil dürfte weitreichende Folgen haben.
Achim Willand
aurelia-stiftung.de

Viele Juristen hätten sich nach dem Studium wohl anders entschieden. Vor allem in der Wirtschafts- und Finanzwelt locken hohe Gehälter. Zu den Topverdienern gehören Juristen, die Pestizid-Hersteller wie Bayer oder BASF vertreten. Achim Willand hat sich dennoch für die andere Seite entschieden, setzt sich für Umwelt und Natur ein. Aktuell kämpft er für ein europaweites Verbot bienenschädlicher Mittel, die in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Nicht gerade ein Thema, mit dem Berufsanfänger Karriere machen können, oder wie es Willand ausdrückt: «Wer als angehender Anwalt im Bewerbungsgespräch sagt, er habe sich schon im Studium auf die Bienen spezialisiert, ist schnell draussen.»

Der 54-Jährige hat es trotzdem versucht und ist heute ein bekannter Umweltrechtler. Das Spektrum seiner Klienten reicht von NGOs über Unternehmen und Behörden bis hin zu Ministerien. Seit 1997 ist der promovierte Jurist für die Berliner Kanzlei Gassner, Groth, Siederer & Coll. tätig, die auf Umwelt- und Energiethemen spezialisiert ist. Willand selbst ist Experte für Landwirtschaft, Lebensmittel, Altlasten und Wasserrecht. Vor allem aber ist er ein Spezialist in Sachen Bienen.

Aufsehen erregte ein Verfahren, das Willand mit seinem Team bis vor den Europäischen Gerichtshof trug. Es war der Fall des Hobby-Imkers Karl-Heinz Bablok, der nicht hinnehmen wollte, dass sein Honig Spuren von gentechnisch verändertem Mais enthielt – und so zu einem Produkt wurde, das viele Verbraucher ablehnen. 2011 gewannen sie das Verfahren. Belasteter Honig muss seitdem gekennzeichnet werden und darf nur mit gesonderter Zulassung in den Handel, betroffene Imker haben ein Recht auf Schadenersatz. Ein bahnbrechendes Urteil. Gentech-Mais wird hierzulande nicht mehr angebaut.

Sein aktueller Fall hat Willand erneut nach Luxemburg, an den Europäischen Gerichtshof geführt. Nur gehört er diesmal nicht zu den Klageführern, sondern sitzt an der Seite der beklagten EU-Kommission, als eine Art moralische Unterstützung und in Vertretung einiger Imkerverbände.

Angestossen haben das Verfahren Bayer, BASF und Syngenta. Die Agrarkonzerne klagen dagegen, dass die EU 2013 den Einsatz mehrer bienenschädlicher Pestizide teilweise verboten hat. Darunter drei Mittel aus der Gruppe der Neonicotionoide, deren Einsatz im Freiland die EU nun sogar ganz verbieten will, weil sie als eine der Ursachen für das Bienensterben gelten. Ein Urteil ist für den 17. Mai angekündigt. Die EU-Länder entscheiden bereits an diesem Freitag über ein umfassendes Verbot.

«Im Verfahren geht es um die wichtige Frage, ob die EU Pestizide trotz gültiger Zulassung vom Markt nehmen kann, wenn die Schädlichkeit nicht bewiesen ist, sondern nur ein begründeter Verdacht besteht», sagt Willand. Der Druck auf die EU ist gross, verliert sie das Verfahren, drohen milliardenschwere Schadenersatzforderungen, und für die Kommission dürfte es in Zukunft viel schwieriger werden, gefährliche Produkte aus dem Verkehr zu ziehen. Auch Willand spürt den Druck, Agrarkonzerne sind anspruchsvolle Gegner. Doch er hat sich über die Jahre ein Netzwerk von Experten und Wissenschaftlern aufgebaut. Innere Gelassenheit holt er sich beim Klavierspielen. Ausserdem reitet der Vater von zwei Kindern gern.

Für Umweltthemen habe er sich schon während seiner Schulzeit in Hamburg interessiert, sagt er. Als in den Achtzigerjahren bekannt wurde, dass auf der stillgelegten Mülldeponie Georgswerder im Stadtteil Wilhelmsburg hochgiftige Dioxine und Pflanzenschutzmittel lagerten, beteiligte er sich an den Protesten. Den eigenen Berufsstand betrachtet er auch kritisch: «Juristen produzieren Geist, oft genug Kleingeist.»